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StartseiteKalenderblattTraumwelten auf der Leinwand25.12.2008

Traumwelten auf der Leinwand

Vor 25 Jahren ist der Maler und Bildhauer Joan Miró gestorben

Vögel, Monde, Schiffe, Fische und Sterne - seine Zeichensprache erinnert an fantastische Kinderzeichungen, träumerisch und meist heiter. Mit seinen Bildern und Skulpturen wurde Joan Miró zu einem der bekanntesten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Vor 25 Jahren starb der spanische Künstler im Alter von 90 Jahren.

Von Anette Schneider

Der spanische Maler Joan Miró. (AP Archiv)
Der spanische Maler Joan Miró. (AP Archiv)

Joan Miró will nur eines: zeichnen. Doch die Eltern schicken ihren Sohn in eine Handelslehre. Danach muss er als Buchhalter arbeiten. Verzweifelt notiert der 18-Jährige in seinem Tagebuch:

Streit mit der Familie. Die Malerei für die Büroarbeit an den Nagel gehängt. Katastrophe. Mache Zeichnungen in die Bücher und werde natürlich entlassen.

Ein Nervenzusammenbruch und Typhus folgen. Dann endlich hat die Familie ein Einsehen: Miró darf Malerei studieren.

Joan Miró, 1893 in Barcelona als Sohn eines Goldschmieds geboren, gilt heute mit seinen an Kinderzeichnungen erinnernden Bildern als einer der populärsten Künstler des 20. Jahrhunderts. In seiner Jugend entstehen vor allem Stillleben und Porträts.

1919 reist Miró nach Paris. Er lernt Picasso kennen und die Surrealisten. Und er beginnt zu experimentieren: Abstrakte Kompositionen entstehen, kalligrafische Bilder, Objekte aus Holz und Metall. 1924 schreibt er einem Freund, seine Bilder hätten nichts mehr mit einer äußeren Realität zu tun:

"Ich weiß, ich habe einen gefährlichen Weg eingeschlagen, und ich gebe zu, dass mich zuweilen die Panik packt, die Panik eines Forschungsreisenden in einem unbekannten Gebiet. Aber ich reagiere sofort, und das verdanke ich der Disziplin und der Strenge, mit der ich arbeite."

Abends - nach der disziplinierten Arbeit - trifft sich der schweigsame, in sich zurückgezogen lebende Miró mit seinen Ateliernachbarn Max Ernst, René Magritte, Hans Arp und Paul Eluard.

Werner Schmalenbach, ehemaliger Direktor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, der den Künstler noch persönlich kannte:

"Er war ein engelhaftes, leises Wesen. In dem Alter, in dem ich ihn kannte - ich kannte ihn natürlich nur in den letzten zehn, fünfzehn Jahren, da war er schon eigentlich ein alter Mann - aber er hatte etwas Fernes an sich und war ja auch so unendlich still, wenn man zusammensaß. Er sagte kaum etwas."

Miró schafft sich seine eigene Welt: er malt und zeichnet bunte organische Formen, entwirft fantastische Bühnenbilder und Kostüme, baut Skulpturen aus Metallresten.

1931 zieht er mit seiner Frau, einer Mallorquinerin, nach Barcelona. Mit Ausbruch des Bürgerkriegs muss die Familie zurück nach Frankreich fliehen.

"Meine Schwester hatte einen Idioten geheiratet, der extrem rechts war. Ich war bei der Hochzeit und ein Lokalblatt hatte die Liste der Gäste veröffentlicht, auf der ich natürlich auch stand. Für mich hieß das: Nichts wie weg."

1937 entwirft Miró ein Plakat zur Unterstützung der spanischen Republik. Vor blauem Grund zeigt er einen katalanischen Bauern mit riesiger gereckter Faust. Rechts von ihm eine rote Sonne. Der Titel:

Helft Spanien.

Darunter in Mirós Handschrift:

Im gegenwärtigen Kampf sehe ich auf der Seite der Faschisten die von der Zeit überholten Kräfte, auf Seiten des Volkes die unermesslichen, schöpferischen Energiequellen, die Spanien Kraft verleihen und die Welt in Erstaunen setzen werden.

1940 kehrt Miró nach Spanien zurück. Dort entsteht die Folge "Sternbilder”, mit der er endgültig zu seiner unverwechselbaren Zeichensprache findet: Wie in Kinderzeichnungen tummeln sich auf den Gouachen verträumte Vögel, Monde, Schiffe, Fische, Sterne, die Miró künftig in kräftigen Grün-, Gelb-, Blau- und Rottönen auf oft schwarze Leinwände setzen wird. Verschlüsselte Botschaften seines Innenlebens.

"Er hatte ein ausgesprochenes Alphabet. Es war wie eine Syntax oder eine Grammatik. Feststehende Zeichen."

Im selben Jahr bringt ihm eine Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art den internationalen Durchbruch. Ab den 50er Jahren gilt Miró mit seinen vermeintlich verspielten Traumwelten als Kultfigur. Bis heute bedienen sich Designer seiner Formensprache. Doch Mirós Bilder sind mehr als nur verträumt-heiter: Immer wieder malt er monsterähnliche Figuren. Und angesichts der herrschenden Realität scheinen seine kleinen Vögel vor pechschwarzem Bildgrund: Inbegriff von Einsamkeit, von Angst und Schrecken. Er wolle auch das Düstere zeigen, erklärt Miró Ende der 70er Jahre in einem seiner seltenen Interviews, denn:

Wir leben schließlich in einer grässlichen Zeit. Und die wirkt auf einen ein, ob man es will oder nicht. Wir leben leider heute nicht zwischen Blumen.

Ab 1956 lebt und arbeitet Miró in seinem Atelierhaus in Palma de Mallorca. Dort stirbt der Künstler am 25. Dezember 1983. Kurz vor seinem Tod erklärt der 90-Jährige munter, er habe vor, sich mit folgenden Worten vom Leben zu verabschieden:

Scheiße auf die ganze Gesellschaft. Scheiße auf alles, was unwichtig ist.

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