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StartseiteSonntagsspaziergangTrauriges Kapitel12.09.2010

Trauriges Kapitel

Die ehemalige deutsche Sklavenhochburg an der Küste Ghanas

Bei den Hauptakteuren des Sklavenhandels denkt man vor allem an Briten, Franzosen und Holländer. Dass sich auch Deutsche am Sklavenhandel beteiligt haben, wissen die Wenigsten. Brandenburg-Preußen besaß vor gut 300 Jahren eine Sklavenburg in Ghana.

Von Anna Mielke

Fußkette mit Kugel: Auch Preußen beteiligte sich phasenweise aktiv am Sklavenhandel in Afrika. (Stock.XCHNG / Jeff Prieb)
Fußkette mit Kugel: Auch Preußen beteiligte sich phasenweise aktiv am Sklavenhandel in Afrika. (Stock.XCHNG / Jeff Prieb)

Der Mann mit der Bibel hangelt sich von Sitzreihe zu Sitzreihe durch den fahrenden Bus, er singt, predigt und schüttelt Hände. Wenig später wird er den Mitfahrern Zahnpasta und Kinderbücher verkaufen. Er kann sich Zeit lassen. Von der ghanaischen Hauptstadt Accra bis zur Straßenkreuzung in Abora sind es sieben Stunden Fahrt.

Weiter geht es mit dem Sammel-Taxi, die letzten 20 Kilometer nach Princess Town sind eine Herausforderung für Fahrer und Stoßdämpfer. Die Straße scheint mehr aus Schlaglöchern als aus Erde zu bestehen. Die Piste führt durch Kakao und Bananenstauden, ab und zu blinken blechgedeckte Lehmhütten durch das dichte Grün der Blätter.

In Princess Town weht eine frische Brise, das 800-Einwohner-Dorf liegt direkt am Meer. Über der Bucht, oben auf dem Hügel, thront das Fort Großfriedrichsburg. Ein schmaler Pfad schlängelt sich über rote Erde hinauf. Noch ein paar Steinstufen und man erreicht die Terrasse. Gusseiserne Kanonenrohre zeigen noch immer zwischen den Zinnen aufs Meer hinaus. Von hier oben blickt man auf Palmen und weite Sandstrände.

Alex ist 20 Jahre alt und in Princess Town aufgewachsen. In Trägerhemd und tiefsitzenden Sporthosen führt er Touristen durch die Burganlage. Er zeigt auf ein kleineres Steinhaus, unten am Hang.

"Da haben sie die Sklaven untergebracht, kurz bevor sie sie abtransportiert haben. Normalerweise waren sie im Kerker, und wenn sie weggeschafft werden sollten, brachte man sie da rüber. Das Schiff ging dort unten an Land und dann wurden die Sklaven weggebracht."

In Flip-Flops geht Alex in den Hof hinunter, biegt um die Ecke und betritt ein dunkles Gewölbe. Es riecht muffig.

"Das war der Kerker der Sklaven. Durch dieses Loch in der Decke haben sie Essen und Wasser runter gelassen. Sie hatten Angst, die Tür zu öffnen, weil die Sklaven dann hätten fliehen können."

Wieviele Sklaven von hier verschifft wurden, lässt sich heute nicht mehr genau sagen. Der Historiker Ulrich von der Heyden von der Berliner Humboldt-Universität hat sich viele Jahre mit der Geschichte der Sklavenburg beschäftigt. Er schätzt, dass zwischen 10.000 und 30.000 Sklaven von hier aus nach Amerika gebracht wurden.

"Nach Besitzergreifung des Küstenstreifens an der westafrikanischen Küste haben die Brandenburger begonnen mit dem transatlantischen Sklavenhandel. Das heißt, sie haben Sklaven nicht selbst gejagt, dazu waren sie gar nicht in der Lage. Aber man hatte einheimische Helfer, die bereit waren andere Afrikaner zu fangen und an die Europäer weiter zu verkaufen."

Die Brandenburger, das war die Brandenburgisch-Afrikanische Kompanie, eine Art Aktiengesellschaft, die zu großen Teilen dem Kurfürst gehörte. Die ersten Schiffe landeten 1681 im heutigen Princess Town. Ein Vertrag mit den Chiefs, den Stammesoberhäuptern, sicherte den Brandenburgern ein Stück Land, auf dem sie das Fort bauen ließen.

Heute, über 300 Jahre später, kommen die Deutschen wieder nach Princess Town, als Touristen. Alex kann die Nachfahren der einstigen Kolonialherren verstehen:

"Was die Deutschen hier gemacht haben, ist viele Jahre her. Es sollte nicht komisch sein, wenn deutsche Touristen herkommen und erfahren wollen, was ihre Vorfahren hier verbrochen haben. Man kann sie dafür nicht zur Rechenschaft ziehen. Man muss sie lieben, wie Brüder oder Schwestern. Ich finde es nicht komisch, wenn Deutsche hier sind."

Die ghanaische Regierung will die Erinnerung an die Geschichte wach halten. Anfang der Sechziger, wenige Jahre nach der Unabhängigkeit, hat sie das Fort zum kulturellen Erbe erklärt. Die Leute im Dorf hoffen auf Touristen. Platz wäre genug, das Hauptgebäude der Burg dient als Gästehaus. In Scharen kommen die Touristen aber nicht gerade.

Am Abend sitzen vier Übernachtungsgäste auf der Terasse. Die Zigaretten, die die Franzosen anbieten, will keiner von den Einheimischen. Der Schnaps des Kanadiers kommt dagegen gut an, auch das aus Deutschland mitgebrachte Autan-Spray gegen die Moskitos ist ein beliebter Luxus-Artikel. Außer ein paar funzeligen Petroleumlampen gibt es kein Licht weit und breit, nur die Signalleuchte am einige Kilometer entfernten Handymast scheint durch die Nacht.

Der Tag beginnt mit einer Dusche aus dem Eimer, gefolgt von ghanaischem Frühstück: Weißbrot mit salziger Margarine, gebratene Tomaten, Zwiebeln und Ei.

Der Kanadier Duncan ist Dauergast auf der Burg. Der hagere Mann mit Vollbart und ledriger Haut flieht vor den kanadischen Wintern, wie er sagt. Er bleibt jedes Mal gleich mehrere Monate in Princess Town.

"An diesem Ort gibt es frische Luft, Wasser, einen großartigen Ausblick, alles Essen, das man braucht bekommt man im Dorf, es gibt wunderschöne Strände. Es ist ein sehr friedlicher Ort."

Dieses Paradies ist allerdings alles andere als vollkommen. Oft gibt es in Princess Town keinen Strom, und die wilde Müllkippe am Fuß des Hügels wird nur an stürmischen Tagen vom Meer weggeräumt. Und ganz so friedlich, wie Duncan es beschreibt, ist es hier auch nicht. Immer wieder gibt es im Dorf Streitigkeiten zwischen den Chiefs. Ein abgebranntes Haus unterhalb der Burg kündet von den Auseinandersetzungen.

Alex wohnt bei seiner Mutter, unten im Dorf. Wenn Touristen da sind, kann er mit seinen Führungen Geld verdienen. Ein bisschen Deutsch hat er auch aufgeschnappt.

"Wie geht? Gut? Woher kommst du? Danke, I know: Wasser, I know: Ich liebe dich, Ich habe Hunger, lass uns zum Strand gehen, I Know: Später, Tag, Abend."

Jedes neue Wort schreibt Alex in eine Kladde. Fürs nächste Mal, wenn deutsche Touristen nach Princess Town kommen, um die Sklavenburg ihrer Vorfahren anzuschauen.

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