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StartseiteVerbrauchertippFiltersysteme: teuer und nutzlos24.05.2019

Trinkwasser Filtersysteme: teuer und nutzlos

Das Grundwasser ist immer höheren Schadstoffbelastungen ausgesetzt - wirkt sich das auch auf unser Trinkwasser aus? Mit dieser Angst spielt ein Vertriebsnetz für Wasserfiltersysteme, das sich innerhalb kurzer Zeit bundesweit ausgebreitet hat. Verbraucherschützer sagen: Die Geräte sind nicht nur überteuert - sondern auch nutzlos.

Von Maike Strietholt

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Ein Glas läuft unter einem laufender Wasserhahn voll (imago / Christian Ohde)
In Privathaushalten mit zentraler Wasserversorgung seien die behaupteten Schadstoffe schlichtweg nicht vorhanden, sagen Verbraucherschützer. Deswegen bräuchten Privathaushalte keine keine Wasserfilter. (imago / Christian Ohde)
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Sigrun Kapp wohnt in der Nähe von Hamburg und lernte kürzlich bei einem Nachbarschaftstreff einen jungen Mann kennen, der zu einem privaten Wasservortrag einlud:

"Er hat dann erklärt, was mit dem Wasser eigentlich los ist und dass wir doch sehr viele Schadstoffe drin hätten. Und dass man das filtern müsste, um das Wasser überhaupt nutzen zu können. Davon hat er uns in die Küche eingeladen und hat drei Gläser Wasser hingestellt. Dann nahm er ein Gerät, das stellte er da rein. Und das Zweite, da waren schon 370 Milligramm Schadstoffe."

Bei dem Glas, das mit Wasser aus dem Wasserhahn des Gastgebers befüllt war, zeigte das Gerät nur einen Wert von nur 40 Milligramm Schadstoffen an. Es war durch einen Wasserfilter gelaufen, der unter dem Waschbecken verbaut war. Kostenpunkt: Satte 3.594 Euro. Die Seniorin wurde stutzig – statt zuzugreifen ließ sie sich am nächsten Tag vom örtlichen Wasserversorger einen Prüfbericht ihres Leitungswassers zuschicken:

"Da sah ich plötzlich die Zahl 370... Die 370, das entspricht der elektrischen Leitfähigkeit! Das hat überhaupt nichts mit Schadstoffen zu tun! Schadstoffe sind alle gleich Null."

"Sehr, sehr teure und weitgehend nutzlose Geräte"

Sigrun Kapp meldete den Fall bei der Verbraucherzentrale Hamburg – und erfuhr, dass diese die Verkaufsveranstaltungen schon seit Längerem beobachtet. Tristan Jorde: 

"Eine Art Vertriebsoffensive, fast so im Stil von den Partys für Haushaltsgeschirr, die unter dem Titel 'Gesundheitsinformation' den Leuten sehr, sehr teure und weitgehend nutzlose Geräte verkaufen. Die Leitfähigkeit selber sagt nur aus, welchen Anteil an gelösten Salzen es grundsätzlich im Wasser gibt. Dann haben Sie vielleicht höhere Wasserhärte, Carbonate, Sulfate. Das sind alles Stoffe, die Leitfähigkeit erhöhen, aber im menschlichen Körper unerheblich sind beziehungsweise sogar verwertet werden."

Die Filteranlagen seien zwar tatsächlich auch dazu in der Lage, alle möglichen Schadstoffe aus dem Wasser zu filtern – in Privathaushalten mit zentraler Wasserversorgung seien diese Schadstoffe aber schlichtweg nicht vorhanden, sagt Tristan Jorde. Obwohl die Belastung vom Grundwasser natürlich ein reales Problem sei:

"Was macht eine Wasserversorgungsinstitution? Natürlich nimmt die dann nicht aus diesen Grundwasserschichten das Wasser, wo die Belastung drin ist. Und je tiefer Sie da runterbohren, desto weniger haben Sie Belastung von dem, was oben drauf sickert." 

Geräte könnten sogar schaden

Die teuren Wasserfilter könnten dem Trinkwasser unter Umständen aber sogar schaden, warnt Tristan Jorde. Weil "diese Wasserfiltertechnologie eigentlich aus Großanlagen stammt – dort habe ich allerdings den Vorteil, dass ich alles rundum permanent mit Messungen begleiten kann. Bei einem privaten Gerät haben Sie das alles nicht. Sie haben da irgendeine Kiste, eine Blackbox. Und da wird gesagt: Immer wenn das Lämpchen rot aufleuchtet oder alle drei Monate ist der Filter zu tauschen. Sie haben aber keine Ahnung, ob dieser Filter da schon durchgeschlagen hat. Unter Umständen, bei einem zum Beispiel schadhaften, durchschlagenden Filter können Sie sich einen größeren Schadstoffschwall einfangen als Sie vorher hatte, ohne diese Aufbereitungsanlage."

Unterm Strich kann sich Tristan Jorde nur wenige Gründe für eine sinnvolle Verwendung irgendeines Wasserfilters im Haushalt vorstellen: 

"Wenn ich irgendwo ganz weit draußen in der Pampa lebe, habe meinen eigenen Hausbrunnen und vielleicht dann auch noch 100 Meter daneben einen Intensiv-Schweinemastbetrieb. In allen anderen Fällen kann ich mir keine sinnvolle Anwendung vorstellen."

Und wer tatsächlich gefährliche Stoffe wie Blei im Trinkwasser hat, sollte auch nicht versuchen, diese heraus zu filtern, sondern schleunigst die Ursache beseitigen – in diesem Fall also: Die Bleirohre austauschen. 

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