Kommentare und Themen der Woche 15.02.2020

Triumph von Sinn FéinEin Schritt in Richtung irischer EinigungVon Friedbert Meurer

Beitrag hören Die Sinn-Fein-Vorsitzende Mary Lou McDonald und ihre Anhänger jubeln. (dpa/ AP / Peter Morrison)Mary Lou McDonald von Sinn Féin freut sich über ihren Wahlerfolg (dpa/ AP / Peter Morrison)

Es sei durchaus denkbar, dass Nordirland und Republik Irland in einigen Jahren über eine Wiedervereinigung abstimmen, kommentiert Friedbert Meurer im Dlf. Denn gerade die jüngere Generation sei offen für dieses Thema und der Wahltriumph von Sinn Féin könne zu Schritten in Richtung Einigung führen.

Es ist schon erstaunlich: eine Partei eines so kleinen Landes wie Irland ist eine der berühmtesten Parteien der Welt. Manche werden sagen: eine der berüchtigsten. Dass Sinn Féin weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist, hat vor allem, aber nicht nur mit dem Bürgerkrieg in Nordirland zu tun. Sinn Féin ist ein Mythos. Ähnlich wie der ANC in Südafrika oder die Sandinisten in Nicaragua war Sinn Féin Vorbild für viele linke Bewegungen weltweit.

Es schwingt dabei ein wenig Sozialromantik mit, dass Sinn Féin auch für die deutsche Linke eine Chiffre war für den gerechten Freiheitskampf der Iren gegen britische Imperialisten. Das alles bildet den Hintergrund für das große Interesse, auf das der Wahlerfolg einer kleinen irischen Partei international gestoßen ist. Insofern ist es auch nur konsequent, wenn die jüngere irische Generation weitgehend unbefangen Sinn Féin als die Partei ausgemacht hat, die sich um ihre sozialen Belange am meisten kümmern will.

Generationenwechsel

Ältere haben da weitaus größere Probleme, der Metamorphose Sinn Féins zu folgen: vom politischen Arm der Terrororganisation IRA, die 2000 Menschen ermordet hat, zu einer Art Neuauflage einer Labour-Partei unter Jeremy Corbyn. Sinn Féin hat mit Mary Lou McDonald ein ganz anderes Gesicht bekommen und auch in Nordirland steht ihr mit Michelle O’Neill eine modern wirkende Frau vor. Gerry Adams, den langjährigen Präsidenten und Vorgänger McDonalds, hielten selbst etliche Iren in Wahrheit für ein IRA-Mitglied, was Adams immer vehement bestritten hat.

Aber die Jüngeren sind vielleicht klüger als die Älteren, denn sie sehen nach vorne. Die beiden etablierten Parteien der Republik Irland, Fine Gael und Fianna Fáil, sind angestaubt, ein wenig ähnlich wie SPD und CDU in Deutschland. Die Republik Irland hat die letzten Jahrzehnte einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung erfahren, unterbrochen allerdings durch eine schwere Finanzkrise. Jetzt geht es darum, ob die Jüngeren sich ein Leben im teuren Dublin oder anderen Städten noch leisten können.

Ein zentrales Anliegen von Sinn Féin ist aber auch ihre Forderung nach einer Wiedervereinigung auf der irischen Insel. Im Wahlkampf hat das keine Rolle gespielt, aber Sinn Féin würde – als Preis zum Beispiel für eine Tolerierung von Fianna Fáil – einen Schritt in Richtung irischer Einigung verlangen. Vermutlich würde eine neue Regierung Vorbereitungen vornehmen sollen für den Tag, an dem es ein Referendum in Nordirland gibt über eine Einheit, gefolgt von einem Referendum dann auch im Süden. London muss ein Referendum ansetzen, sobald eine Mehrheit in Nordirland für eine Wiedervereinigung wahrscheinlich ist – so heißt es im Karfreitagsabkommen.

Der Brexit fördert die Gedankenspiele

Die Jungen in der Republik sind auch bei diesem Thema offener. Die Älteren wollen das Pulverfass Nordirland lieber nicht anfassen. Aber es spricht noch mehr für eine vorsichtige Zeitenwende: Der Brexit entfremdet Nordirland von der britischen Hauptinsel, denn der Backstop sieht vor, dass es an der Landgrenze zwischen Republik Irland und Nordirland weiter keine Kontrollen geben wird, wohl aber zwischen Nordirland und Großbritannien.

Früher lebten auch doppelt so viele Protestanten wie Katholiken in Nordirland, heute liegt man gleichauf. Und wenn Schottland gehen sollte, wird Nordirland folgen – umso mehr als Nordirland damit sofort wieder Mitglied der EU wäre, anders als Schottland. Zu alledem ist es noch ein weiter Weg. Eine Wiedervereinigung kann kaum gegen den erbitterten Willen der meisten Unionisten erfolgen. Selbst etliche Briten räumen aber ein, dass Nordirland mit einigem Recht auch zur Republik Irland gehören könnte. Es ist kein völliges Hirngespinst mehr, dass Nordirland und Republik Irland durchaus in einigen Jahren über eine Wiedervereinigung abstimmen könnten.

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

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