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Trügerische Sicherheit

Technik. - Bis 2012 sollen in Polen zehn Abfangflugkörper installiert werden, die die USA und Teile Europas vor Langstreckenraketen aus dem mittleren Osten schützen sollen. Experten bezweifeln aber, ob das System technisch, aber auch politisch seinen Zweck erfüllen wird.

Von Ralf Krauter | 18.08.2008

    Eine Batterie von Abfangraketen, die feindliche Atomsprengköpfe vom Himmel holt – in Warschau fand man diese umstrittene Vision des Pentagons so verlockend, dass die Regierung jetzt ihr Einverständnis für ein Raketensilo in Nordpolen gab. Ein spezielles Bahnverfolgungsradar in Tschechien soll den zehn Abfangraketen darin im Ernstfall den Weg weisen. Der MIT-Professor Ted Postol bezweifelt allerdings, dass die Polen mit ihrer Entscheidung gut beraten sind. Die bodengestützte Raketenabwehr wird nämlich kaum halten, was die Pentagon-Strategen versprechen.

    "Wir haben die Behauptungen der Raketenabwehrbehörde geprüft. Unseren Analysen zufolge ist es technisch unmöglich, dass das System jemals so funktioniert, wie man uns Glauben machen will."

    Weil die Abfangraketen noch nie unter realistischen Bedingungen getestet wurden, ist völlig offen, ob sie im Ernstfall ihr Ziel treffen. Zumal die in Tschechien geplante Radarstation, die sie mit Zieldaten versorgen soll, dazu gar nicht leistungsfähig genug ist. Ihre zentrale Komponente befindet sich derzeit noch auf den Marshall-Inseln. Eine riesige Kuppel mit 17000 Sende- und Empfangsantennen. Bei Raketenabwehrtests im Pazifik setzen US-Militärs dieses Radar seit über zehn Jahren ein. 2011 soll es nach Tschechien versetzt werden.

    "Ein Nuklearsprengkopf hat einen sehr kleinen Radarquerschnitt. Die US-Raketenabwehrbehörde geht all bei ihren Berechnungen davon aus, dass dieser Radarquerschnitt etwa einen Quadratmeter groß ist. In Wirklichkeit ist er aber hundertmal kleiner. Das bedeutet: Das in Tschechien geplante Radar wird nicht in der Lage sein, anfliegende Sprengköpfe zu lokalisieren, weil seine Auflösung zu gering ist. Ein Ziel das man nicht sieht, kann man nicht verfolgen. Und ein Ziel das man nicht verfolgen kann, kann man nicht abschießen."

    Weil die US-Militärs das zweifellos wissen, liegt der Verdacht nahe, dass sie die veraltete Radarstation in Tschechien – sobald sie erst einmal installiert ist – kontinuierlich aufrüsten wollen, mit zigtausenden zusätzlichen Sende- und Empfangsantennen. Ein solchermaßen verbessertes Radar könnte auch Details russischer Raketentests erspähen - weshalb Moskau die Pläne mit Sorge sieht. Völlig zu Recht findet, Ted Postol. Denn auch bei den Abfangraketen in Polen spielt Washington nicht ganz mit offenen Karten.

    "Offiziell heißt es immer: Die Abfangraketen in Polen wären nicht schnell genug, um Interkontinentalraketen aus dem europäischen Teil Russlands aufhalten zu können. Das stimmt aber nicht. Diese Abfangraketen basieren auf der Pegasus-Trägerrakete für kleine Satelliten. Deren technische Daten sind bestens bekannt. Eine simple Analyse zeigt, dass diese Abfangraketen – sofern sie funktionieren – viel schneller sind als die Raketenabwehrbehörde vorgibt. Sie werden schnell genug fliegen, um russische Interkontinentalraketen abschießen zu können."

    Aus der Sicht Moskaus gefährden die Installationen in Polen und Tschechien deshalb die strategische Balance. Götz Neuneck, Abrüstungsexperte vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg findet die US-Pläne darum kontraproduktiv und provozierend.

    "Die Gefahr ist eben, dass die Russen tatsächlich glauben, dass ihr Abschreckungspotenzial irgendwann einmal irrelevant werden könnte. Sicherlich nicht in fünf Jahren. Sicherlich nicht in zehn Jahren. Aber längerfristig. Dasselbe gilt übrigens für China. Und die werden ihre Konsequenzen daraus ziehen müssen, militärisch, um dieses Abschreckungspotenzial zu erhalten. Und das ist für die Europäer, die sozusagen unmittelbar vor Ort sind, weitaus schlechter als für die USA, die aus der mehr oder weniger sicheren Distanz ihrer Insel eine andere Kalkulation haben."

    Bleibt zu hoffen, dass nach einem Regierungswechsel mehr Nüchternheit ins Weiße Haus einzieht. Denn ob die zehn Milliarden Dollar pro Jahr, die Washington derzeit in Entwicklung und Aufbau der Raketenabwehr steckt, ihr Geld wert sind, muss bezweifelt werden. Experten prophezeien: Selbst wenn das System in zehn oder 20 Jahren einmal wie geplant funktionieren sollte, wäre es mit einfachen technischen Tricks spielend zu überlisten. Tricks, die Ingenieure, die eine Interkontinentalrakete bauen können, sicher auch drauf hätten.