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StartseiteTag für Tag"Wir dürfen uns jetzt nicht in Pessimismus suhlen"15.11.2016

Trump und die Kirchen"Wir dürfen uns jetzt nicht in Pessimismus suhlen"

Wie reagieren die Kirchen auf einen künftigen Präsidenten Donald Trump, in dessen Reden Gott keinen Platz zu haben scheint? Gewählt von vielen Evangelikalen, abgelehnt von den schwarzen Gemeinden: Die Kirchen spüren die tiefe Spaltung im Land - und so wird Trump auch zum Thema in den Gottesdiensten.

Von Martina Buttler

Eine Gruppe Menschen, angeführt von Rev. Richard Dames (vorne links), auf dem Weg zu den Wahl-Urnen am 06.11.2016. Mit dem Slogan "Souls to the Polls" sollen die Gemeindemitglieder ermuntert werden, direkt nach der Messe zu den Wahllokalen zu gehen. (imago stock&people/ZUMBA press)
Die Initiative "Souls to the Polls" hat Gemeindemitglieder ermuntert, nach dem Gottesdienst zu den Wahllokalen zu gehen und ihre Stimme für die US-Wahl abzugeben. (imago stock&people/ZUMBA press)
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Trump bricht alle Regeln. Seit Ronald Reagan Mitte der 80er-Jahre gehört "God bless the United States" so sicher ans Ende jeder Rede eines Wahlsiegers wie das Amen in die Kirchen. Bei Trump gilt auch das nicht mehr. Gott hatte keinen Platz in seiner Rede in dem immer noch zutiefst religiösen Amerika. Das übernahm dafür sein Vize Mike Pence. Ein Evangelikaler mit strikt konservativem Wertesystem:

"Ich komme demütig hierher und bin Gott dankbar für seine unglaubliche Gnade."

Dass Donald Trump der nächste US-Präsident wird, ist für einen Teil des Landes ein Schock. Während ihn viele Evangelikale wählten, sind beispielsweise zahlreiche schwarze Gemeinden fassungslos über Trumps Sieg. Das geht auch Pastor Donte Hickman von der Southern Baptist Church in Baltimore so:

"Wir sind geschockt und haben Angst. Niemand hat geahnt, dass das Land so viele grelle moralische, ethische und geschäftliche Fehler von Donald Trump übersieht und ihn wählt."

Donald Trump während seiner Rede in New York nach seinem Wahlsieg bei der US-Präsidentschaftswahl (AFP/ Mandel Ngan)Donald Trump während seiner Rede in New York nach seinem Wahlsieg bei der US-Präsidentschaftswahl (AFP/ Mandel Ngan)

Donte Hickman ist bei den Krawallen in Baltimore auf die Straße gegangen. Versucht Schwarz und Weiß einander wieder ein bisschen näher zu bringen. Vor der Wahl hat er versucht, die Menschen in den Straßen seiner Gemeinde zum Wählen zu motivieren:

"Ich habe mich mit jungen Leuten in einem Friseurladen unterhalten und die haben gesagt, dass sie nicht wählen gehen wollen, weil sie beide Kandidaten für korrupt halten und das Land eh zur Hölle fährt. Ich habe versucht, ihnen klar zu machen, dass das unsere Chance ist, uns Gehör zu verschaffen."

"Wir können jetzt nicht tatenlos daneben sitzen"

In schwarzen Kirchen ist es normal, dass es sich in der Predigt um den Alltag der Menschen in der Gemeinde dreht. Die Pfarrer sind nah am Leben ihrer Leute und deshalb ist es für Donte Hickman gar keine Frage, dass er diesen Sonntag Donald Trump zum Thema macht in seinem Gottesdienst. Auch wenn der nicht seine Wahl war, versucht der schwarze Pastor die Zukunft nicht zu düster zu malen:

"Wir können jetzt nicht tatenlos daneben sitzen und uns in Pessimismus suhlen. Wir müssen uns engagieren. Trump ist kein König, sondern er dient uns, den Bürgern."

Die Menschen wieder zusammenbringen

Die tiefe Spaltung im Land - die Kirchen spüren sie. Sie ist deutlich greifbar, wenn Muslime beschimpft werden, auf Wänden steht "macht Amerika wieder weiß" oder Hakenkreuze über Nacht gesprayt werden. Die Frage, die seit Wochen im Land steht: wie soll man die Menschen nach einem so schmutzigen und polarisierenden Wahlkampf wieder zusammenbringen? Die Kirchen könnten dabei durchaus eine Rolle spielen, erklärt der katholische Bischof David Zubik aus Pittsburgh:

"Die Leute müssen sich ganz praktisch angucken, wer mir am Tisch gegenübersitzt oder neben mir im Bus sitzt. Wenn wir Christus in anderen Menschen suchen, kann das vielleicht ein erster Schritt sein, Wunden zu heilen in einem Land, das in so vielen Dingen gespalten ist."

Bei den rassistischen und frauenfeindlichen Kommentaren, die derzeit in den USA hochschwappen klingt das wie ein frommer Wunsch. Aber in diesem zutiefst religiösen Land geht eine Versöhnung nicht ohne die Kirchen. Denn aus den politischen Schützengräben bewegt sich keiner wirklich heraus. Es müssen andere vermitteln und versöhnen. Da sind die Pastoren, Imame und Rabbis gefragt, etwas Höheres anzubieten, etwas Unpolitisches, das die Menschen wieder zusammenführt.  

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