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StartseiteTag für TagDie Kneipe als Kirchenersatz?14.03.2017

TschechienDie Kneipe als Kirchenersatz?

Tschechien ist eines der atheistischsten Länder in Europa. Dennoch werden auch hier Rituale gepflegt - zum Beispiel in der Kneipe. Die Gaststätte gilt vielen Tschechen als quasi heiliger Ort. Wird also der Kneipenwirt in Prag zum Ersatzpriester?

Von Martin Becker

Ein Glas Pilsener Urquell Bier im Rudolfinum Bierkeller in Prag, Tschechische Republik. (imago / Stefan M Prager)
Warten auf das erste Bier im Rudolfinum Bierkeller in Prag: Viele Tschechen sehen in der Kneipe einen Ort der Vergebung, Hoffnung und Reinigung. (imago / Stefan M Prager)
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"Allein diese Blicke, wenn man in der Kneipe sitzt und auf das erste Bier wartet: Wann kommt das endlich? Und du schaust immer zu dieser Theke rüber, zu diesem Priester, der sich manchmal auch mehr Zeit nimmt, oder er muss manchmal auch andere Brüder und Schwestern in Not zuerst versorgen."

Die tschechische Kneipe ist sozusagen ein heiliger Ort. Ein Raum für überlebenswichtige Rituale. Zumindest der Schriftsteller Jaroslav Rudiš ist bei dieser These sofort dabei: Die Kneipe als Ort der Vergebung, als Ort der Hoffnung, als Ort der Reinigung. Das hat kulturgeschichtliche Tradition in Böhmen.

"Bohumil Hrabal hat das übrigens auch so mal erzählt und geschrieben: Ja, der wahre Priester von uns Tschechen ist ein Kneipier, ist ein Mann hinter der Theke, ist der Mann, der das Bier pflegt, der das Bier auch zelebrieren kann."

Religiöse Skepsis hat Tradition

Auf den ersten Blick scheint also was dran zu sein an der Kneipe als Kirchenersatz: Tschechien ist eines der atheistischsten Länder in Europa. Bei der jüngsten Volkszählung vor mehreren Jahren gaben von den zehneinhalb Millionen Tschechinnen und Tschechen 34,5 Prozent an, nicht religiös zu sein. Also ein Drittel. Noch bemerkenswerter: Fast die Hälfte wollte oder konnte die Frage nach der eigenen Religion nicht beantworten. Die Skepsis gegenüber Religionsgemeinschaften hat Tradition in Tschechien.

"Oft schiebt man das auf die sozialistische Zeit, aber die Wurzeln sind natürlich viel, viel länger und gehen viel, viel tiefer in die Geschichte. Nach 1918, als die Tschechoslowakei entstanden ist, sind Leute wirklich massenhaft aus der katholischen Kirche ausgetreten, denn katholisch hieß auch österreichisch, und das war nicht modern."

Im berühmten Bierlokal U Fleku in der Altstadt von Prag wird dunkles Bier aus eigener Brauerei ausgeschenkt. (picture alliance / dpa / Uwe Gerig)Das Bierlokal U Fleku in der Altstadt von Prag (picture alliance / dpa / Uwe Gerig)

Nach der Samtenen Revolution im Jahr 1989, erzählt Jaroslav Rudiš, der mittlerweile beim zweiten Bier angekommen ist, änderte sich die Stimmung allerdings – und mündete aus seiner Sicht in einer wilden Suche.

"Die waren buddhistisch, die waren dann katholisch, dann waren sie protestantisch, dann waren die nix, dann haben die Weltreisen gemacht, dann haben die an Indianer geglaubt und sich als Indianer verkleidet, das habe ich alles in meiner Umgebung gesehen! Letztendlich, alle hat gerettet ein Bier in einer Kneipe. Vielleicht ist das wirklich die Kirche von vielen Tschechen, einfach ein Bier in einer schönen Kneipe."

"Von Natur aus unabhängig"

Verlassen wir das Bier für einen Augenblick: In der Nikolauskirche am Altstädter Ring, dem touristischen Zentrum Prags, steht Alberto Rocchini vor seiner kleinen Gemeinde und predigt. Einmal wöchentlich für eine halbe Stunde feiert er einen hussitischen Gottesdienst in deutscher Sprache.

"Man sagt, Tschechen sind nicht ausdrücklich atheistisch. Sie mögen keine Angehörigkeit zu einer Gruppe. Also, weder einer religiösen oder einer politischen oder wie auch immer. Sie sind von der Natur her eher selbständig und haben vielleicht Angst, sich eingrenzen zu lassen."

Ein Italiener, der im Zentrum Prags auf Deutsch predigt. Alberto Rocchini hat Literatur und Geschichte studiert, war in Deutschland, wo er die Reformation für sich entdeckte und fasziniert war von der Freiheit des Glaubens und des Denkens. Seitdem war er auf der Suche nach einer spirituellen Heimat. In Italien fand er sie nicht mehr. Dafür aber ausgerechnet in Tschechien.

"In Italien wäre es schon problematisch, es gibt diese waldensische Kirche, die hat 25.000 Mitglieder und vertritt eine bestimmte Alternative zur katholischen Kirche. Hier gibt es eine weite Breite von Möglichkeiten, und man hat dieses Gefühl, man kann sich etwas vorstellen, etwas anbieten. Aber wichtig ist für mich, dass ich diesen Freiraum habe."

Die Kneipe als Kirche?

Es kommen nur wenige Besucher in seinen Gottesdienst – in erster Linie Touristen. Aber der Freiraum ist es, der den Italiener fasziniert und der mittlerweile seit vier Jahren in Tschechien Theologie studiert. Und die Kneipe als Kirche? So richtig überzeugt ist Alberto Rocchini nicht von dieser Idee.

"Also, ein Ritual ist es schon. Und Menschen brauchen Rituale, aber es ist eine ganz andere Ebene des Lebens, das ist das Problem. Weil in der Religion suchen wir eine Transzendenz. Die man in der Kneipe nicht oder, ja, es kann da schon passieren. Aber es ist nicht der Ort und die Zeit dafür."

Das sieht auch Martin C. Putna so. Die erste Interview-Anfrage beantwortete er so: "Wir können uns schon treffen, aber Ihre These mit der Kneipe als Kirche ist völliger Blödsinn." Putna ist eine der wichtigsten alternativen Stimmen in der tschechischen Gesellschaft. Ein kritischer Geist, der die Kontroverse nicht scheut und dafür mittlerweile auf offener Straße attackiert wird:

"Ja, Schweinefleisch und nackte Frauen, ja, ja, das sind wirklich christliche Werte!"

Martin C. Putna ist bekennender Katholik, Publizist und Professor für katholische Literatur an der Prager Karlsuniversität, noch dazu ein schwuler Aktivist für gesellschaftliche Offenheit. Deshalb wollte Tschechiens Präsident Miloš Zeman ihm vor einigen Jahren die Ernennung zum Professor verweigern. Putna sieht durchaus eine Renaissance der christlichen Werte in seinem Land – allerdings auf populistischem Niveau, das nichts mit wirklichem Glauben zu tun habe:  

"Aber um Gottes Willen, was sind denn diese sogenannten christlichen Werte in der Interpretation dieser Leute? Das bedeutet nur eins, nämlich, dass wir gegen Moslems sind. Das ist das Einzige. Ja, und vielleicht auch gegen Schwule, gegen Intellektuelle, gegen Multikulturalismus."

"Religion ist wichtig, aber Privatsache"

Dabei sei der Glaube, wenn er nicht für populistische Zwecke missbraucht werde, laut Putna tief verwurzelt. Schon dem ersten Präsidenten der Tschechoslowakei Tomáš Garrigue Masaryk war das ein wichtiges Anliegen bei der Gründung des Staates – nur eben als Privatsache des Einzelnen:

"Am Ende beschreibt er seine Idee von einem geistigen, spirituellen Staat, im Grunde, nämlich die neue Tschechoslowakei. Er ist nicht gegen Kirchen, er ist gegen die Verbindung von Kirche und Staat. Und seine Idee, wie die Tschechoslowakei aussehen soll, geht zurück auf seine amerikanische Erfahrung, nämlich: Religion ist wichtig, aber jeder hat das Recht, sich zu entscheiden."

Übrigens, so sehr Putna sich auch gegen das Klischee sträubt, die Tschechen hätten sich die Kneipe zum ritualisierten Kirchenersatz auserkoren – ganz abgeneigt ist er der Idee gegenüber nach hartnäckigem Nachfragen doch nicht mehr:

"Wo sich zwei oder drei in meinem Namen treffen, ich bin dabei. Also in der Kirche, in dem Kaffeehaus, in der Kneipe – das ist alles egal. Also, auch in der Kneipe ist es möglich, über wichtige Dinge tief zu sprechen. Aber es ist eine Ausnahme."

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