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StartseiteEuropa heuteZwischen Liberalisierung und Kriminalisierung05.09.2019

Tschechiens DrogenpolitikZwischen Liberalisierung und Kriminalisierung

Auf der einen Seite gilt in Tschechien eine liberale Drogenpolitik, auf der anderen Seite hat sich die organisierte Kriminalität im Land gut eingerichtet. Tschechien gilt als Hochburg der illegalen Crystal-Meth-Produktion. Müssen die Regeln und Gesetze angepasst werden?

Von Kilian Kirchgeßner

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Teilnehmer des Global Marijuana March 2015 in Prag (picture alliance / CTK / Vit Simanek)
Die Tschechische Republik gilt vielen wegen seiner liberalen Drogenpolitik als die Niederlande Osteuropas. Cannabis ist dennoch verboten. (picture alliance / CTK / Vit Simanek)
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Die Fernsehserie spielt tief im Untergrund. Irgendwo auf dem flachen Land in Tschechien, eine kriminelle Bande hat unter der Erde ein riesiges Gewächshaus aufgebaut, eine geheime Produktion für Hanfpflanzen. Eine verschuldete vietnamesische Familie ist hier eingesperrt, in Ganzkörper-Schutzanzügen den Pestiziden ausgesetzt und dem grellen Kunstlicht.

"Pestirna" heißt die Serie aus dem Jahr 2017 – frei übersetzt etwa Zuchtstation. Ihr Erfolg beim tschechischen Publikum zeigt: Manche Phänomene rund um den Drogenkonsum sind inzwischen mitten in der Gesellschaft angekommen. Lukas Behal muss schmunzeln, wenn er an die Serie denkt.

"Ich habe einige Teile davon gesehen, und ich muss sagen: In gewissem Maße könnte es sein, dass sie auf der früher üblichen Praxis basieren. Wie es jetzt funktioniert, weiß ich nicht, aber es war schon interessant gedreht."

"Man nannte Prag das 'zweite Amsterdam'"

Lukas Behal ist eines der prominentesten Gesichter der tschechischen Hanfszene. Mit illegalen Auswüchsen, wie sie im Fernsehen zu sehen waren, hat er indes nichts zu tun: Er ist Organisator des "Cannafests" – der nach eigenen Angaben weltgrößten Hanfmesse, die alljährlich in Prag stattfindet. Bei der nächsten Auflage rechnet Behal mit 300 Ausstellern aus 27 Ländern – es wird das zehnte Jubiläum der Messe sein.

"Bei den ersten Jahrgängen hatte Tschechien noch einen speziellen Ruf bei allen, die sich für das Thema interessieren, man nannte Prag das 'zweite Amsterdam'. Inzwischen aber haben sich die Zeiten geändert, es wird mehr auf die Einhaltung verschiedener Regeln geachtet. Was die Freiheit im Zugang zu Marihuana angeht, ist es nicht mehr so desorganisiert, wie es vor zehn Jahren der Fall war."

Das soll heißen: Die Polizei greift stärker durch. Aber auch: Aus der etwas anarchischen Drogenszene ist ein umkämpfter Markt in der Illegalität geworden.

Lukas Behal organisiert seit zehn Jahren eine große Cannabismesse in Tschechien (Deutschlandradio / Kilian Kirchgeßner)Lukas Behal organisiert seit zehn Jahren eine große Cannabismesse in Tschechien (Deutschlandradio / Kilian Kirchgeßner)

Lukas Behal hingegen pflegt die Transparenz: Mitten im Prager Zentrum hat seine Firma ihre Zentrale, die Räume sind frisch renoviert, die Glastüren zu den hellen Büros sind mit leuchtend grünen Aufklebern in Form von Hanfblättern beklebt. Mit seiner Messe konzentriert sich Behal immer stärker auf Hanf als Medikament, aber die "erholungssuchenden Nutzer", wie er die Joint-Raucher nennt, spielen immer noch eine Rolle.

"In Tschechien gilt immer noch: Wer bis zu zehn Gramm Marihuana zum Eigengebrauch dabei hat, begeht eine Gesetzeswidrigkeit, bei mehr als zehn Gramm wird es eine Straftat. Ähnlich ist es beim Züchten: Man darf es nach dem Gesetz gar nicht, aber bei bis zu fünf Pflanzen wird es lediglich als Gesetzeswidrigkeit eingestuft, darüber kann es zur Straftat werden."

Dieser Beitrag ist Teil der Reportagereihe "Europa im Rausch – Den Drogen auf der Spur".

Immer noch sei Cannabis stigmatisiert, sagt Lukas Behal. Er spricht sich für eine Freigabe aus – nicht nur von Cannabis, sondern auch von allen anderen Drogen. So könne man die Verbreitung unter Kontrolle bekommen und gleichzeitig gegen die Organisierte Kriminalität vorgehen.

Drogenpolitik als "Suche nach dem goldenen Mittelweg"

Die völlige Freigabe ist eine Vorstellung, die Viktor Mravcik Bauchschmerzen bereiten würde. Der Arzt sitzt in einem Regierungsgebäude mit halligen Fluren, gelegen gleich an der Moldau in Prag, und leitet das Nationale Drogen-Beobachtungszentrum. Fast sein ganzes Berufsleben lang beschäftigt er sich mit dem Thema.

"Für mich bedeutet Drogenpolitik die Suche nach dem goldenen Mittelweg, wo das Maß der Repression nicht so hoch ist, dass es zu einer Stigmatisierung und Kriminalisierung führt; andererseits sollten wir auch nicht zum Ziel von Drogentouristen aus aller Welt werden."

Und auf der Suche nach dieser Balance, wie sie Mravcik vorschwebt, stehe Tschechien gut da: Was Cannabis angeht, sei der Trend ohnehin rückläufig, nachdem junge Tschechen über viele Jahrzehnte hinweg die europäische Statistik angeführt hatten, in der es um Erfahrungen mit Marihuana geht.

"Der Rückgang betrifft auch die Teenager, da sehen wir in Studien in den vergangenen Jahren einen deutlich Rückgang der Nutzung von Marihuana, aber auch von anderen Drogen. Bei der ersten Studie, in der sich diese Tendenz zeigte, haben wir erst selbst gezweifelt, ob wir die Daten richtig erhoben haben. Also haben wir die Untersuchung im nächsten Jahr wiederholt, und die Ergebnisse haben sich bestätigt. Also haben wir uns gefragt: Wie ist das möglich?"

Tschechische Jugend: Mehr im Internet als auf Droge

Die Antwort gibt Viktor Mravcik selbst: Vor allem liege es an der starken Internet-Nutzung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die verbrächten mehr Zeit vor dem Rechner und weniger Zeit im öffentlichen Raum, wo sie eher mit Drogen in Kontakt kämen.

Plastikbeutel mit Kristallen der Droge Crystal Speed die sichergestellt wurden, liegen am Donnerstag (12.01.2012) im Hauptzollamt in Nürnberg (Mittelfranken). Deutsche und tschechische Drogenfahnder haben bei einer gemeinsamen Kontrolle im Grenzgebiet 1,6 Kilogramm der gefährlichen Droge Crystal Speed sowie vier Kilogramm Marihuana aus dem Verkehr gezogen. Wegen des Erfolges der rund zwei Monate andauernden Aktion sollten die Beamten beider Nationen deshalb auch in Zukunft gemeinsam ermitteln. Foto: Daniel Karmann dpa/lby | (picture alliance / dpa / D. Karmann)Tschechien hat ein Problem mit harten Drogen, sagt Viktor Mravcik vom Nationalen Drogen-Beobachtungszentrum (picture alliance / dpa / D. Karmann)

Außerdem griffen wohl auch die Präventionsprogramme, deren erklärtes Ziel es sei, den Erstkontakt mit Drogen möglichst weit hinauszuzögern, sagt Viktor Mravcik. Während er also bei Marihuana eine allmähliche Entspannung sieht, bereitet ihm und den übrigen Drogen-Experten eine andere Entwicklung Kopfzerbrechen.

"Ein tschechisches Spezifikum ist Methamphetamin, also Crystal Meth. Es stellt die am weitesten verbreitete Problemdroge in unserem Land dar – also eine Droge, die von langfristigen Nutzern genommen wird; von Nutzern, die abhängig sind und die Substanz über Injektionen einnehmen. Wir haben mehr Nutzer von Crystal Meth als Nutzer von Opiaten wie etwa Heroin. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal in Europa. Wenn Sie sich eine Europakarte des Methamphetamin-Konsums anschauen – auf ihr blinkt Tschechien regelrecht auf."

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