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StartseiteEuropa heuteEin Besuch beim Prager Anti-Amazon16.12.2014

Tschechischer Online-HändlerEin Besuch beim Prager Anti-Amazon

Statt auf Amazon setzen die Tschechen auf eigene Internet-Versender. Das Geschäftsmodell ist überall gleich: Im Internet können die Kunden alles bestellen, der Paketdienst bringt es am nächsten Tag zu ihnen nach Hause. Es ist das Modell, mit dem der amerikanische Versender weltberühmt geworden ist – nur eben angepasst an die Verhältnisse und speziellen Bedürfnisse in Mitteleuropa.

Von Kilian Kirchgessner

Amazon-Symbol auf einem iPad (AFP / Lionel Bonaventure)
Amazon ist bislang nicht nach Tschechien gekommen. Örtliche Händler konnten in aller Ruhe expandieren und ihre Geschäftsmodelle ausfeilen. (AFP / Lionel Bonaventure)
Weiterführende Information

Streik bei Amazon - Ausstand im Weihnachtsgeschäft
(Deutschlandfunk, Aktuell, 15.12.2014)

Erfahrungsbericht - Im Bauch von Amazon
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 04.11.2014)

Streitgespräch - Wie hältst du's mit Amazon?
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 06.10.2014)

Er steht mittendrin im Gewimmel, Petr Hach, der Logistik-Experte. Gabelstapler fahren um ihn herum, auf Förderbändern rollen Dutzende Pappkartons durch die Halle.

"Das hier ist unsere kleine Warenannahme. Hier kommen die kleinen Artikel an, Speicherkarten, Fotoapparate, solche Dinge. Da oben, sehen Sie die Regale? Da kommen die Produkte hin, da vorne ist dann der Teil, wo wir bei größeren Mengen ganze Paletten lagern."

Die Dimensionen der Halle sind gewaltig: Rund 20.000 Quadratmeter Lagerfläche bietet sie, das sind etwa drei Fußballfelder. Zwölf, vierzehn Meter hoch ist die Decke, bis oben hin stapeln sich in mehreren Etagen die Waren. Mehr als 60.000 verschiedene Produkte sind hier vorrätig – von der Luftmatratze über Babynahrung bis zur Waschmaschine.

Das Erfolgsrezept des Versandhändlers Mall ist die Regionalität; die Konzentration auf den mitteleuropäischen Markt. In Fernsehspots ist er im Land allgegenwärtig – das sei Teil der Strategie, sagt Marek Liska. Er ist der Kopf hinter der Idee, dem amerikanischen Giganten Amazon ein kleines, lokales Pendant entgegenzustellen. Um die 40 Jahre alt ist er, ein smarter junger Mann in Hemd und legerem Pullover:

"Als wir angefangen haben, wussten wir nichts vom ausländischen Markt. Wir haben uns gesagt, hier in Tschechien fehlt etwas im Segment der Online-Händler, und diese Lücke wollten wir schließen. Wir sind da mit Enthusiasmus reingegangen, auch mit viel Naivität – wir haben einfach alles so gemacht, wie wir dachten, dass es richtig ist. Erst nach und nach haben wir ins Ausland geschaut, vor allem natürlich auf Amazon."

Tschechische Eigenheiten berücksichtigen

Der Riese aus den USA hatte auf seinem globalen Siegeszug erst einmal andere Ziele als ausgerechnet den tschechischen Markt – lediglich zehn Millionen potenzielle Käufer gibt es dort, und Amazon wollte seine Kräfte lieber auf die großen Länder konzentrieren. Für Tschechien bedeutete das: Örtliche Händler konnten in aller Ruhe expandieren und ihre Geschäftsmodelle ausfeilen. Dazu gehört vor allem, dass sich die Händler perfekt an die Gewohnheiten der tschechischen Kundschaft angepasst haben. Die nämlich ist gegenüber Bestellungen im Internet immer noch skeptisch – nicht wegen der Arbeitsbedingungen in den Lagerhallen, die anders als in Deutschland kein Thema in der öffentlichen Debatte sind, sondern wegen ihrer Sorge, von den Online-Händlern übers Ohr gehauen zu werden. Darauf haben Mall und einige andere große Anbieter reagiert: In fast allen größeren tschechischen Städten haben sie Filialen errichtet – dort können die Kunden ihre Ware abholen, die sie vorher online bestellen. 40 Prozent aller Verkäufe laufen bei Mall nicht über den Paketdienst, sondern über diese Filialen – Tendenz steigend. Marek Liska:

"Das ist ein tschechisches Phänomen. Der Kunde will es so, er will einen Ansprechpartner haben, bei dem er die Ware gegebenenfalls auch gleich reklamieren kann; ein Geschäft von Hand zu Hand."

Vor allem die Geschwindigkeit ist für viele ein Argument: Wer bis 14 Uhr bestellt, kann seine Auswahl aus mehreren Zehntausend Produkten ab 16 Uhr in der Filiale abholen – am gleichen Tag. Dass die Internet-Branche durch diese Filialen nicht anonym sei, sondern nah am Kunden – das mache im traditionell konservativen Tschechien ihren Erfolg aus, urteilt Branchenkenner Jan Simkanic:

"Bei uns gab es im Sozialismus das alte Schlagwort: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Vielen ist das so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie es bis heute so halten – ein gewisser Konservatismus. Davon profitieren die örtlichen Anbieter, und paradoxerweise gilt das selbst im Internet: Wenn ich weiß, dass ich bei einer tschechischen Firma bestelle, die im tschechischen Fernsehen ihre Werbung hat und ihre Filiale direkt an meiner U-Bahn-Station betreibt, dann erleichtert mir das meine Entscheidung. Wenn ich dann auch noch zufrieden bin, habe ich keinen Grund, etwas anderes zu probieren."

Genau deshalb gehen Branchenkenner davon aus, dass es Amazon eines Tages schwer haben wird in Tschechien. Die lokale Kompetenz, so scheint es, ist auch im Zeitalter der Globalisierung noch Gold wert.

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