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StartseiteTag für TagDie Rückkehr der Christen09.05.2019

TürkeiDie Rückkehr der Christen

Syrisch-orthodoxe Christen mussten aus dem Süden der Türkei fliehen. Danach beschlagnahmte der Staat ihre Klöster und Kirchen. Nun investieren die Gläubigen: in Gerichtskosten und in die Restaurierung der Gebäude.

Von Marion Sendker

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Yahkup vor dem Kloster xxx (Deutschlandradio/ Marion Sendker)
Yahkoup pendelt zwischen Deutschland und der Türkei. Er engagiert sich für den Wiederaufbau der Kirchen seíner Heimat. Hier steht er vor dem Kloster Mor Augin. (Deutschlandradio/ Marion Sendker)
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Eine Pizzeria mitten in Mesopotamien, im Südosten der Türkei. Die Pizzeria ist das Herz des kleinen Dorfes Kafro, nahe der Grenze zu Syrien. Zu hören ist ein Stimmengewirr aus Deutsch, Türkisch, Kurdisch, Englisch und Aramäisch, Das ist die Sprache Jesu und die Muttersprache der Menschen, die wieder in Kafro leben. Sie gehören der syrisch-orthodoxen Kirche an. Früher lebten in der Türkei zehntausende von ihnen, heute sind es nur noch höchstens zweitausend.

Alp Arson (Mitte) mit zwei Gästen der Pizzeria im Dorf Kafro, nahe der Grenze zu Syrien (Deutschlandradio/ Marion Sendker)Alp Arson (Mitte) mit zwei Gästen der Pizzeria im Dorf Kafro, nahe der Grenze zu Syrien (Deutschlandradio/ Marion Sendker)

Einer von ihnen ist Alp Arson, er ist vor vier Jahren aus Deutschland nach Kafro ausgewandert und arbeitet dort in der Pizzeria.

"Ist mein Dorf Heimatdort. Hier sind 17 Familien zurückgekehrt hier ist eine neue Siedlung, hier sind alle aus Deutschland und Schweiz und Schweden zurückgekehrt."

So wie Yahkup, wenn auch nur für ein paar Monate im Jahr. Er pendelt zwischen der Türkei und Deutschland, wo seine Frau und Kinder leben. Doch Yahkups Heimat ist hier, im Zweistromland Mesopotamien. Sein Dorf heißt Echo. Dort hat er das Haus seiner Kindheit wiederaufgebaut – und die Kirche des Dorfes.

"Das Blut von unseren Eltern, Opa, Oma, Großvater, die sind alle hier, deswegen wollen wir auch zurück nach unsere Heimat."

Die Angst, wieder vertrieben zu werden, sitzt tief

Und diese Heimat mussten sich die Christen in den vergangenen Jahren teuer in Gerichtsprozessen zurückerstreiten. Denn nachdem sie geflohen waren, konfiszierte der Staat viele ihrer Felder, Klöster und Kirchen. Das passiere ihnen nicht noch einmal sagt Yahkup:

"Zum Beispiel durch Winter da kommen zwei drei Personen, so als Aufpasser. Wir haben ja Angst, dass fremde Leute rein und dann nicht mehr von Häusern rausgeht, dass sie die Häuser besetzen, hier in der Türkei ist das normal."   

In seiner Kindheit lebten noch 900 Familien in seinem Dorf Echo, mit den Jahren wurden es weniger. Die Angst, wieder vertrieben zu werden, sitzt tief im kollektiven Gedächtnis der syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei. Dabei gehe es ihnen dort heute viel besser als früher.

Yahkup sagt: "Im Moment, so schlimm ist das nicht. Also früher, wir als Christen haben gestanden zwischen Türken und Kurden."

Er erinnert sich, wie damals immer wieder auch Kämpfer der Terrororganisation PKK in sein Dorf kamen. Sie wollten die Jungs rekrutieren, doch die Christen weigerten sich. Als Yahkup 19 Jahre alt war, floh er nach Deutschland. Sein Cousin und sein Onkel blieben in Echo, sie gehörten zu den letzten Christen in der Gegend. Doch dann stand eines Tages das türkische Militär vor der Tür - mit Maschinengewehren und einer klaren Botschaft: Wenn die Bewohner von Echo in 24 Stunden nicht weg seien, würden die Soldaten wiederkommen, alle erschießen und sagen, es sei die PKK gewesen, erzählt Yahkup. Und so flüchteten auch sein Cousin und sein Onkel nach Deutschland, wo sie noch heute leben.

"Das sind Welten Unterschied zwischen Türkei und Deutschland. Natürlich in Deutschland für uns ist es ja viel viel besser. Aber leider hier ist auch unsere Heimat."

Der Berg der Knechte Gottes

Hin und her gerissen zu sein zwischen ihrem Leben im Ausland und der Heimat Türkei, das kennt auch die Familie Can. Vor 40 Jahren sind sie nach Berlin gegangen, haben sich dort ein Leben aufgebaut, und als Kieferorthopäden gleich mehrere Praxen eröffnet. Doch ein oder zwei Mal im Jahr kommen sie zurück in die Heimat ihrer Kindheit, den Tur Abdin. So heißt die Landschaft nördlich der syrischen Grenze in der Türkei.

"Tur Abdin" bedeutet "der Berg der Knechte Gottes". Es gibt unzählige Kirchen und Klöster dort. In einem Kloster, hoch oben in den Bergen macht die Familie Can Urlaub. Das sei wichtig, erklärt die Mutter Selva Can – schon allein, damit ihre Tochter Feride die Sprache ihrer Religion – Aramäisch – lernt und erfährt, wo ihre Wurzeln sind. Ob die Familie aber eines Tages einmal ganz zurückkommen möchte? Das liege allein in der Hand Gottes, sagt Selva Can:  

"Wenn wir dann auch hier sehen, dass Enteignungen hier und Gerichte laufen, das ist schon beängstigend, weil wir einfach schon in den Genuss der Selbstbestimmung gekommen sind und so auch leben wollen - ohne jetzt auch andere zu beschneiden in ihren Rechten oder so."

Christen habe es schon immer im Tur Abdin gegeben, sie seien zuerst dort gewesen.

Selva Can sagt: "Wir sind hier der Ursprung, missionieren müssen wir uns nicht, nein, das ist nicht unser Gedanke, sondern einfach ein Stück in Frieden leben zu können, mit den Kurden, mit den Yesiden, mit den Türken, also in Freundschaft."

Befreundet ist Selva Can aber mit keinem der muslimischen Nachbarn - auch wenn die Familie mehrmals pro Jahr immer wieder an denselben Ort fährt. Für einen echten Dialog könne sie auch einfach nicht genug Türkisch, sagt sie. Die Türen der Köster und Kirchen seien dennoch für alle offen, für Muslime und Christen. Frau Can gibt sich gastfreundlich, auch wenn sie selbst nur zu Besuch ist. Was passiert, wenn tatsächlich mal ein paar Türken anklopfen, erzählt Tochter Feride:

"Wenn die hier irgendwas wollen, dann können sie das ganz kurz machen, und sie können auch ins Gebet reingehen, aber auch keinen Aufstand machen in der Kirche, weil (lacht) wir brauchen die ganze Konzentration für uns und manche sind auch mit ihren Kindern reingekommen, das war auch ein bisschen laut – ja, stört."

Moschee und Jakobskirche blieben heil

Die Erinnerungen an die Verfolgung von damals hat Spuren hinterlassen, selbst bei den Kindern, die die Türkei nur aus dem Urlaub kennen. Entsprechend zurückgezogen leben die Christen in Tur Abdin. Selbst in den Städten bleiben sie eher unter sich. So wie Daniel, ein Aramäer in der Stadt Nusaybin, direkt an der Grenze zu Syrien. Dort lebt er seit einigen Jahren mit seiner Familie. Sie sind die einzigen Christen hier.

Betende im Kloster Mor Augin (Deutschlandradio/ Marion Sendker)Betende im Kloster Mor Augin (Deutschlandradio/ Marion Sendker)

Daniel meint: "Das ist schon ganz gut so, kein Problem. Ist echt so, habe ja meine Kinder hier."

Daniel lächelt, seine Worte klingen ein bisschen einstudiert und abgespult. In Nusaybin hat er eine wichtige Aufgabe: Er kümmert sich um einen Schatz der Aramäer: die Jakobskirche, erbaut wohl im vierten Jahrhundert nach Christus. Ihre Ruinen befinden sich neben einer Moschee, direkt auf dem Gelände der Schule von Nusaybin. Das sei die erste Universität der Welt, sagt Daniel stolz. Ihre Mauern und Säulen reichen einige Meter bis nach Syrien hinein. Vor zwei Jahren musste Daniel seine Arbeiten abbrechen – es herrschte Krieg in Nusaybin. Kurdische PKK-Milizen und türkische Sicherheitskräfte lieferten sich heftige Straßenschlachten – die Schusswechsel fanden zum Teil direkt vor der Kirche statt, erinnert sich Daniel. Er floh und kam wieder. Während er ganze Stadtviertel verwüstet wiederfand, blieben die Jakobskirche und die Moschee nebenan nahezu unversehrt.

"Ich habe die Kirchen, Klöster und die historischen Stätten schon immer sehr geliebt", erzählt Daniel. "Deswegen bin ich gekommen, ich wurde ja nicht gezwungen. Und wie jeder sonst, der diese Kirche sieht, liebe auch ich sie."

Die Aramäer haben in den vergangenen Jahren viel Geld in den Südosten der Türkei investiert. 20 bis 25 Millionen Euro mindestens, schätzt Yahkup. Selten gebe es auch Unterstützung von der türkischen Regierung, zuletzt etwa vor den Kommunalwahlen Ende März. Da schickte Ankara ein paar LKW-Ladungen Sand für den Straßenbau – doch als die Wahlen vorbei waren, war es auch mit der Unterstützung vorbei. Der Sand ist längst vom Regen der letzten Tage weggespült.

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