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StartseiteTag für TagHinweise auf das ökumenische Konzil im Iznik-See04.02.2014

TürkeiHinweise auf das ökumenische Konzil im Iznik-See

Luftaufnahmen sorgten für eine Sensation: Türkische Forscher entdeckten im Iznik-See Ruinen. Es könnte sich hierbei um den Tagungsort des ersten christlichen Konzils in Nicaea aus dem Jahr 325 handeln, bei dem das Wesen Christis definiert wurde.

Von Susanne Güsten

Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Das Wesen Christis wurde beim ersten Konzil in Nicaea definiert. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Weiterführende Information

600 Jahre Konzil von Konstanz - Kirchliche Neuordnung und Scheiterhaufen für einen Reformer (Deutschlandfunk, Tag für Tag, 21.01.2014)

Konzil von Trient - Trennung der evangelischen und der katholischen Kirche (Deutschlandfunk,Kalenderblatt, 04.12.2013)

Als sich das Judentum und das Christentum voneinander abgrenzten (Deutschlandfunk, Tag für Tag, 12.07.2013)

Die Wellen rauschen ans Ufer des Iznik-Sees im Nordwesten der Türkei. Ascanius hieß dieser See früher. Die Stadt am Ufer hieß Nicaea und war eine Metropole des Oströmischen Reiches. Einen besonderen Platz hat die Stadt in der Geschichte des Christentums, denn hier tagten zu byzantinischer Zeit zwei der sieben allgemein anerkannten ökumenischen Konzile, und zwar das erste und das letzte. Noch heute ziert der Tagungsort des siebten Konzils, die Sophienkirche, den zentralen Platz der Stadt, aber der Tagungsort des ersten Konzils wurde bis heute nicht gefunden. Nun haben türkische Forscher eine wichtige Entdeckung im See gemacht, wie der Archäologe Mustafa Sahin von der nahen Uludag-Universität berichtet:

"Bei der Auswertung von Luftbildaufnahmen für die Stadt Iznik haben wir auf den Bildern einige Ruinen im See entdeckt. Diese Ruinen liegen etwa 20 Meter vom Ufer entfernt unter Wasser, in einer Tiefe von anderthalb bis zwei Metern. Die Umrisse lassen den Plan einer dreischiffigen Basilika erkennen."

Eine wahre Sensation ist diese Entdeckung, denn im See hatte bisher niemand nach Überresten des Byzantinischen Reiches gesucht. Dabei hatte der See selbst schon lange Hinweise auf die in seinen Fluten verborgenen Geheimnisse geliefert.

Die grauen Kiesel am Strand des Sees sind mit roten Backsteinbrocken durchmischt, die vom Wasser abgeschliffen sind. Tausende solcher byzantinischen Ziegelreste haben die Wellen hier angespült im Laufe der Jahrhunderte – ungefähr zwölf Jahrhunderte müssten es sein, wenn Archäologe Sahin mit seinen Erkenntnissen richtig liegt:

"Auf den Luftbildern ist zu erkennen, dass im Inneren des Baus viele Steinbrocken und Geröll liegen. Das deutet darauf hin, dass das Bauwerk eingestürzt sein muss, vermutlich bei einem Erdbeben. Ich vermute, dass es bei dem schweren Beben von 740 eingestürzt ist. Zugleich ist damals wohl der Grund unter Wasser geraten, auf dem es steht. Deshalb ist es seither zwei Meter unter Wasser begraben."

Am Seeufer, direkt außerhalb der byzantinischen Stadtmauern, wurde der Tagungsort des ersten Konzils früher vermutet. "Senatspalast" steht noch immer auf einem schiefen Schild, dass dort unter Feigenbäumen und Weiden neben einigen antiken Mauerresten aufgestellt ist. Die Stadtverwaltung hatte es vor Jahren aufgestellt, als die verschlafene Kleinstadt noch auf christliche Glaubenstouristen aus dem Westen hoffte. Senatspalast, so wurde der kaiserliche Sommerpalast genannt, in dem Kaiser Konstantin I. im Mai des Jahres 325 die Bischöfe aus dem ganzen Römischen Reich zum ersten ökumenischen Konzil zusammenrief. Dass der Palast hier am Ufer stand, ist aber längt widerlegt, sagt der Archäologe Bedri Yalman, der jahrzehntelang in Iznik gegraben und geforscht hat:

"Aufgrund meiner Feldforschungen hier bin ich der Ansicht, dass es sich bei diesen Ruinen nicht um die Überreste des Senatspalastes handelt – eher um eine Verlängerung der Stadtmauer, einen Festungsturm."

Wo aber war dann der Senatspalast. Und was ist aus ihm geworden? Darüber rätseln Experten schon lange, schließlich wurden hier die Fundamente der christlichen Theologie gelegt. Nichts weniger als die Frage nach dem Wesen Jesu Christi hatte das erste ökumenische Konzil zu beantworten. Seine Beschlüsse legte es im Bekenntnis von Nicaea nieder, das später in Konstantinopel seine endgültige Fassung bekam und noch heute von fast allen Christen der Welt rezitiert wird: "Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt." Ein archäologischer Fund aus dem 4. Jahrhundert hier im ursprünglichen Nicaea lässt deshalb aufhorchen. Sahin beschreibt ihn so:

"Es handelt sich um eine Basilika aus dem vierten bis fünften Jahrhundert. Die Apsis zeigt nach Osten, deswegen glauben wir, dass es sich um eine Kirche handelt."

Die auf den Luftbildern sichtbaren Umrisse des Bauwerks lassen aber auch andere Spekulationen zu. Basiliken wurden nämlich in der Antike ursprünglich als öffentliche Prachtbauten und Paläste errichtet. Erst nach der Christianisierung des Römischen Reiches im 4. Jahrhundert wurden auch Kirchen so gebaut. Nicht auszuschließen ist deshalb, dass es sich bei den Ruinen tatsächlich um die Überreste jenes kaiserlichen Sommerpalastes handeln könnte, in dem das Konzil im Jahr 325 tagte. Klarheit darüber werden allerdings erst die Untersuchungen unter Wasser bringen können, die Sahin jetzt beim türkischen Kulturministerium beantragen will.

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