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StartseiteEuropa heutePrivate Universitäten unter Druck 09.12.2015

TürkeiPrivate Universitäten unter Druck

In den vergangenen Jahren ist die türkische Regierung schon gegen Tausende mutmaßlicher Anhänger von Fethullah Gülen vorgegangen, vor allem bei Justiz und Polizei, aber auch in den Medien. Jetzt fürchten die privaten Universitäten des Landes eine stärkere Einflussnahme der Regierung. Immer mehr Wissenschaftler ziehen ihre Konsequenzen.

Von Stefanie Rohde

Anhänger der Gülen-Bewergung protestieren am Dienstag vor dem Gebäude der Koza Ipek Mediengruppe in Istanbul, an dem eine riesige türkische Fahne hängt (picture alliance / dpa / Cem Turkel)
Anhänger der Gülen-Bewegung protestieren vor dem Gebäude der Koza Ipek Mediengruppe in Istanbul. (picture alliance / dpa / Cem Turkel)
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Einer ist schon weg. Ali Atif Bir, der Rektor der Istanbuler Sehir Universität, musste seinen Posten räumen. Er hatte mehrmals kritisiert, dass Studentinnen an Universitäten Kopftücher tragen. Das könnte kein Einzelfall bleiben. Denn seit wenigen Tagen kann der Hochschulrat YÖK private Universitäten einer staatlichen Leitung unterstellen oder sie auf unbestimmte Zeit schließen, wenn sie wie es im Gesetzestext heißt, "Aktivitäten gegen die unteilbare Einheit des Staates durchführen oder unterstützen".

"Eine direkte lineare Verbindung wird zur Regierung aufgebaut", sagt Günes, die Politikwissenschaft an einer privaten Universität in Istanbul lehrt und ihren vollen Namen nicht im Radio hören will. "Und das ist total gefährlich, weil das heißt, dass die AKP eben vorhat - wie es auch bei der Medienlandschaft der Fall war - die Universitäten AKP-freundlich neu zu gestalten und dass Freiraum für freie wissenschaftliche Kritik total vertuscht wird."

Der besagte Hochschulrat YÖK hingegen versteht die Aufregung der Kritiker nicht. Durch die Gesetzesänderung sei die Zahl der Gründe, die zur Schließung von Universitäten führen können, sogar geringer geworden, so das Argument des YÖK. Die Gewerkschaft der Hochschullehrer ist anderer Meinung. Sie warnt davor, dass die Regierung politisch unliebsame, private Universitäten mit Gummiparagrafen gefügig machen wolle.

In der Türkei gibt es 76 private Universitäten, davon sollen 17 der Fetullah-Gülen-Bewegung nahe stehen – also jener islamischen Bewegung, gegen die Präsident Erdogan seit rund zwei Jahren massiv vorgeht. In den vergangenen Wochen hat die Regierung vor allem Gülen-nahe Medienhäuser durchsuchen lassen. Gleiches werde jetzt auch bei bestimmten Universitäten passieren, meint Edhem Eldem, Historiker an der staatlichen Bogazici Universität in Istanbul: "Ich glaube, dass es eine Art Kreuzzug geben wird gegen das, was die Regierung als 'verschwörerische Parallelstrukturen' bezeichnet. Also gegen Universitäten, die von Fetullah Gülen gegründet wurden. Bei den anderen privaten Universitäten ist das nicht wahrscheinlich, denn es wäre sehr selbstzerstörerisch, so viel Unsicherheit und Instabilität zu erzeugen."

Seine Kollegin, die Politologin Günes, glaubt allerdings nicht, dass die türkische Regierung an dieser Linie Halt macht. Sie befürchtet, dass sich das neue Gesetz auf alle privaten Universitäten auswirken wird: "An privaten Universitäten ist es so, dass die Universitätsgründer mehr Macht haben, und nachdem eben von YÖK so ein Druck besteht, werden sie sich natürlich auch anpassen an diesen Druck. Autonome Universitäten gibt es keine, jetzt ist es vorbei, endgültig."

Ein Kollege von ihr sei nicht mehr weiterbeschäftigt worden, so Günes, weil die "politische Chemie" nicht gestimmt habe. Nach ihren Beobachtungen verzichten viele Wissenschaftler schon darauf, regierungskritische Artikel in ihre Veröffentlichungslisten aufzunehmen. Für Günes ein Hinweis darauf, dass nicht nur die Universitätsleitungen, sondern auch Angestellte den Druck spüren. Doch so häufig müsse die Regierung gar nicht mehr direkt eingreifen, davon ist Edhem Eldem von der staatlichen Bogazici Universität überzeugt. Viele seiner Kollegen stützten ganz bewusst die Ideologie der AKP mit historischen Arbeiten. "Wenn sich der durchschnittliche türkische Historiker mit osmanischer Geschichte beschäftigt, tut er das nicht, um sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Ich denke, dass die meisten Historiker mehr oder weniger zur Glorifizierung des Osmanischen Reichs beitragen, und zwar auf eine sehr unwissenschaftliche Art und Weise."

Es ist absehbar, dass die AKP-Regierung Forschung, die in ihr ideologisches Konzept passt, in Zukunft noch fördern dürfte. Weil sie kritischen Instituten jetzt mit der Schließung drohen kann, werden sich wohl einige Wissenschaftler selbst zensieren. Allerdings bleibt ihnen, wie Günes berichtet, noch ein anderer Weg: "Ich höre immer von Freunden, die das Land verlassen wollen, also Wissenschaftler, ein paar haben das sogar schon gemacht - woanders eine Zukunft suchen."

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