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StartseiteHintergrundTräume von der osmanischen Vergangenheit28.02.2015

TürkeiTräume von der osmanischen Vergangenheit

Die türkische Regierungspartei AKP und Präsident Recep Tayyip Erdogan pflegen ganz bewusst die Erinnerung an das Osmanische Reich. Es steht bei vielen Menschen für die glorreiche Vergangenheit der Türkei. Dabei sind kritische Fragen zum Alltag im Osmanischen Reich unerwünscht. Der Traum vom perfekten Großreich soll nicht zerstört werden.

Von Luise Sammann und Fatih Kanalici

Türkische Soldaten in osmanischen Marineuniformen im Juli 2008 während einer Zeremonie in Istanbul.  ( imago/ABC Medya)
Türkische Soldaten in osmanischen Marineuniformen im Juli 2008 während einer Zeremonie in Istanbul. ( imago/ABC Medya)
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Ein osmanischer Sultan bei der Eroberung von Konstantinopel: 500 Jahre alte Ritterrüstungen - endlose Schlachten zu Pferd. Eigentlich hätte der Historienstreifen "Fetih 1453" ein Flop werden müssen. Denn auch bei türkischen Schülern gilt Geschichte nicht gerade als Lieblingsfach – schon gar nicht in einer Zeit, in der ihr Land so rastlos in die Moderne strebt. "Fetih 1453" aber war schon kurz nach seinem Kinostart im Februar 2012 der erfolgreichste Film, den es in der Türkei je gab. Im Nu waren die 17 Millionen Dollar Produktionskostenwieder eingespielt. Denn: Am Bosporus herrscht das Osmanen-Fieber!

Ein Besuch im großen Basar von Istanbul. Rechts und links der überdachten Gassen stapeln sich türkische Süßigkeiten, Seidenschals und Olivenseife. Juweliere mit perfekt gegeltem Haar preisen auf Englisch, Deutsch und Spanisch ihre Auslage an. Ein Gewürzhändler lockt vorbeiziehende Touristen mit zuckersüßem Lokum. Mitten im Gewühl bittet Fuat in seinen Laden voller rot-goldener Samtgewänder.

"Das hier sind die Kleider, die die Sultane einst trugen. Alles handgemacht. Dieses hier zum Beispiel – erst mit goldenem Faden bestickt und dann mit Steinen besetzt. Typisch osmanisch."

Während er spricht, legt Fuat sein Maßband um die Taille einer Frau. Ihr Partner probiert derweil einen kürbisgroßen Sultanshut auf. Jeden Tag, so schwärmt Fuat, kleidet er mindestens ein Pärchen im Osmanen-Stil ein. "Mühtesem Yüzyil – Wunderbares Jahrhundert" hieß die Serie, die den Türken in den vergangenen Jahren die Intrigen und Liebschaften am Sultanspalast ins Wohnzimmer trug. Mit insgesamt 139 Folgen brach sie gleich mehrmals die Quotenrekorde im Abendprogramm – und machte Basarhändler Fuat so zu einem wohlhabenden Mann.

Der Osmanen-Stil ist wieder in

"Früher wussten viele Leute gar nicht, wie osmanische Kleider eigentlich aussehen. Aber seit sie es im Fernsehen sehen, denken sie sich: Ach, wie schön wäre es, wenn ich auch einmal ein Kleid von damals tragen könnte."

Ringe und Halsketten, Gewänder, Handspiegel und Wandgemälde. Nicht nur auf dem großen Basar von Istanbul verkauft sich seit einigen Jahren all das besonders gut, was die Türken an ihre glorreiche Vergangenheit erinnert. Auch Möbelkollektionen, Bucheditionen und ganze Wohnungseinrichtungen gibt es längst im Osmanen-Stil. Ganz zu schweigen von den zahlreichen Restaurants, die sich stolz auf die traditionelle Palastküche von einst berufen.

Was belanglos klingt, ist dabei viel mehr als nur eine kitschige Modeerscheinung. Denn nicht nur in türkische Kleiderschränke und Wohnzimmer haben die Osmanen wieder Einzug gehalten. Auch die Politiker der regierenden AK-Partei erinnern sich auffällig oft an ihre berühmten Vorfahren: Die dritte Bosporus Brücke, die zurzeit in Istanbul gebaut wird, wurde schon jetzt feierlich auf den Namen "Yavuz-Sultan-Selim-Brücke" getauft. Und die höchste Moschee des Landes, die auf dem Camlica-Hügel im asiatischen Teil der Metropole entsteht, ist nur eine von Hunderten Neubauten, die sich stilistisch klar am osmanischen Vorbild orientiert.

Osmanisch wieder Pflichtfach

Ein weiteres Beispiel für den Historientrend war die jüngste Forderung von Präsident Erdogan, Osmanisch-Unterricht an türkischen Gymnasien zum Pflichtfach zu machen. Türkische Schüler, so der konservative Politiker, sollten damit in Zukunft wieder die Grabsteine ihrer Großeltern entziffern können.

"Unsere Halsschlagader ist durchtrennt. Stellen Sie sich eine Nation vor, die nicht in ihren eigenen Archiven lesen kann! Ob sie es wollen oder nicht: In diesem Land wird es Osmanisch-Unterricht geben!"

Foyer: Pferde mit osmanischen Reitzeugen, Ende 17./Anfang 18. Jahrhundert (Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer. Foto: David Brandt)Alles Osmanische ist beliebt: Pferde mit osmanischen Reitzeugen, Ende 17./Anfang 18. Jahrhundert (Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer. Foto: David Brandt)Nicht nur die Opposition im türkischen Parlament reagierte empört auf die bildungspolitische Einmischung des Präsidenten. "Gott sei Dank, wir werden in Zukunft antworten können, falls uns ein osmanischer Soldat auf der Straße nach dem Weg fragen sollte", witzelten Erdogan-Kritiker bei Twitter. Andere überlegten dort, wie man in der zukünftigen Türkei wohl auf Osmanisch ein Bier bestellen könnte. Und ein Journalist der Tageszeitung "Hürriyet" wies auf das katastrophale Abschneiden türkischer Schüler in europäischen Englisch-Ranking hin. Zuerst müsse doch dieses Problem gelöst werden, bevor die Sprache einer Dynastie zum Pflichtfach werde, die vor 100 Jahren unterging. Doch eine Debatte zu diesem Thema war nicht vorgesehen. Erdogans Plan stand – und die nach wie vor treu ergebene AKP setzte ihn um. An Tausenden Schulen im ganzen Land – den sogenannten Imam-Hatip-Gymnasien – ist Osmanisch inzwischen fest im Stundenplan verankert.

Die Diskussion um den Osmanisch-Unterricht machte es einmal mehr deutlich: Anspielungen auf die glorreiche Vergangenheit sind am Bosporus mehr als nur ein bisschen Nostalgie. Längst sind sie zum innenpolitischen Instrument in Ankara geworden. Gerade in den Anfangszeiten der AKP, in denen das Land sich erst langsam von einer Währungskrise erholte, in denen Armut und innenpolitische Konflikte die Tagesordnung bestimmten, ließ sich das Selbstbewusstsein aus derVergangenheit schöpfen, das in der Gegenwart so häufig fehlte.

"Auch die Enttäuschung darüber, nicht in die Europäische Union aufgenommen zu werden, stimmte damals viele Türken hoffnungslos", erinnert sich die Soziologin Nilüfer Narli von der privaten Istanbuler Bahcesehir-Universität, die das Phänomen seit Jahren beobachtet. "Dann wurden sie trotzig und sagten sich: Mag die EU uns doch ablehnen – aber wir sind die Enkel eines glorreichen Weltreiches! Unsere osmanischen Großväter konnten mehrere Sprachen, sie formten die Weltpolitik und lebten in atemberaubenden Palästen. Solche Gedanken geben den Menschen einen Grund, wieder stolz zu sein."

"Wir sind bewegt von dem Geiste, der das Osmanische Reich gründete", verkündete Recep Tayyip Erdogan – damals noch Ministerpräsident – seinen Landsleuten im November 2012. Und auch Nachfolger Ahmet Davutoglu griff den Faden bei seinem Amtsantritt im August des vergangenen Jahres auf. Als eine "große Restaurationsbewegung" bezeichnete er die AKP und ihre seit gut zwölf Jahren währende Rolle als Regierungspartei. Eine Restaurationsbewegung, die – so lässt sich schlussfolgern – das Land zu alter Größe zurückführen möchte.

Das Osmanische Reich als perfekter Rechtsstaat

"Die AKP ist verwurzelt in einer historischen Staatstradition und schreitet von dort in die Zukunft. Ohne Zweifel wird die große Restaurationsbewegung der letzten Jahre ohne Unterbrechung weitergehen. Ein Land, das bis vor zwölf Jahren als kranker Mann angesehen wurde, steht wieder auf seinen Füßen. Eine Nation hat sich ihrer historischen Aufgabe erinnert und ist zu einem gesegneten Marsch aufgebrochen."

Als "neo-osmanisch" wird die Politik der AKP wegen genau solcher Reden gern bezeichnet. Ein Begriff, der allerdings nur halb zutrifft, findet der Istanbuler Historiker Erdogan Aydin. Denn das durch und durch positive Osmanen-Bild, auf das die konservativen Politiker in Ankara sich gern berufen, hat mit der wahren Geschichte nur wenig zu tun. "Das Osmanische Reich wird den Menschen als ein perfekter Rechtsstaat aufgezeigt. Aber wir Historiker wissen, dass die Realität anders aussah. Wenn wir in die Geschichte schauen, sehen wir ein despotisches Regierungswesen."

Das Osmanen-Bild aber, das schon türkische Grundschüler im Unterricht vermittelt bekommen, spart unpopuläre Wahrheiten lieber aus. Oft ist es nicht weniger romantisch als das Leben zwischen Sultanspalast und Harem, das den Zuschauern jahrelang im Fernsehen vorgeführt wurde. Kein Wunder, dass Erdogan – damals noch Ministerpräsident – anfing öffentlich gegen die Serie "Wunderbares Jahrhundert" zu wettern, als sie nicht mehr seinen Vorstellungen entsprach.

"So einen Vorfahr, wie ihn diese Serie zeigt, haben wir nicht! Der Sultan Süleyman, den wir kennen, verbrachte 30 Jahre auf dem Rücken eines Pferdes und nicht im Harem. Ich verurteile die Regisseure dieser Serie und die Besitzer dieses Senders vor der ganzen Nation!"

Kritik an Osmanen unerwünscht

Nicht zuletzt wegen Erdogans öffentlichem Aufruf, auch über rechtliche Schritte gegen die Serie nachzudenken, ließ der ausstrahlende Sender seinen Quotenhit schließlich früher auslaufen als ursprünglich geplant. Erdogan hatte gewonnen. Im doppelten Sinne, glaubt Historiker Aydin. Denn auch hier ging es am Ende um mehr als nur Geschmacksfragen und eine kitschige Fernsehserie.

"Er hat gegen alles in dieser Serie opponiert, was das Image des Sultans beschädigen könnte. Er konnte es zum Beispiel nicht akzeptieren, dass gezeigt wurde, wie der Sultan seinen Sohn umbringen ließ und die Menschen unterdrückte, die ihre Rechte forderten. Denn über das Vorbild der Osmanen soll doch ein Traum kreiert werden. Die Leute sollen denken: Wenn auch wir unserem Machthaber bedingungslos gehorchen, dann wird die Türkei wieder so mächtig, wie die Osmanen es einst waren."

Hagia Sofia in Istanbul (Marius Becker/dpa)Die Hagia Sofia in Istanbul wurde nach der Eroberung Konstantinopels 1453 zur Hauptmoschee des Osmanischen Reichs. (Marius Becker/dpa)Tatsächlich lässt sich vielleicht nur so erklären, warum die beständig wachsende Macht des ehemaligen Premiers und jetzigen Präsidenten Erdogan in großen Teilen der türkischen Bevölkerung kritiklos hingenommen wird.

Ein Beispiel unter vielen ist der mehr als 1.000 Zimmer zählende Palast, den Erdogan kurz nach der gewonnenen Präsidentschaftswahl am 28. August 2014 in Ankara einweihte. Allein eine der unzähligen Toiletten des Prunkbaus soll mehrere tausend Dollar gekostet haben, schimpften kritische Journalisten. Seine Anhänger jedoch erfüllen solche Zahlen mit Stolz. Schließlich, so argumentieren nicht wenige, lebten doch auch die Osmanischen Sultane in atemberaubenden Palästen!

"Die heutige Türkei ist nicht mehr die der letzten Jahre. Wir sind eine wachsende Nation und brauchen deswegen einen Palast wie diesen."

"Es geht um das Image unseres Landes. So, wie man Amerika mit dem Weißen Haus verbindet, so wird man durch diesen Palast auch die Türkei als eine große Nation wahrnehmen."

"Ein Palast wie dieser ist nicht bloß Luxus für ein Land wie dieses. Er steht ihm einfach!"

Doch die türkische Gesellschaft ist gespalten wie kaum eine andere. Was die Wähler der AK-Partei stolz macht, macht ihre Gegner oft wütend.

Wochenlang demonstrierten sie gegen den Palast, der mitten in einem unter Naturschutz gestellten Waldstück entstand. Hunderte von Bäumen mussten dem Prunkbau weichen. Bäume, die der Gründer der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, vor mehr als 80 Jahren höchst persönlich unter Naturschutz gestellt hatte. Dass Erdogan ausgerechnet sie fällen ließ, glich auch einer Machtdemonstration gegenüber Atatürks Anhängern, den Kemalisten. Lange galt das Erbe des Republikgründers als unantastbar am Bosporus. Erdogan hat diese Ära beendet. Und er lässt keine Gelegenheit aus, das zu betonen. Sei es, wenn er ausgerechnet auf dem für die Republik so symbolträchtigen Istanbuler Taksim-Platz eine Moschee errichten will. Oder sei es, indem er den bisher größten Flughafen der Türkei, den Atatürk-Flughafen, durch einen noch größeren ersetzen lässt – der Mediengerüchten zufolge den Namen Erdogan-Flughafen erhalten soll.

Das Gerangel um die Vormachtstellung zwischen der säkularen, in der Vergangenheit oft wohlhabenderen kemalistischen Elite und den von ihr als unmündiges Volk vernachlässigten anatolischen Massen ist ein alter Kampf, der vielen Konflikten in der heutigen Türkei zugrunde liegt. Auch in der Begeisterung der türkischen Regierung für ihre osmanische Vergangenheit hat er seinen Platz.

"Die säkularen Reformen, die Atatürk in den ersten Jahren nach der Republikgründung durchsetzte, ließen viele Menschen zu Fremden im eigenen Land werden", erklärt Ismail Caglar vom AKP-nahen Thinktank SETA. Schon damals, gleich in den ersten Jahren der modernen Türkei, begann die Sehnsucht vieler konservativer Türken nach dem gerade erst untergegangenen osmanischen Reich.

Konservative Mehrheit wieder im Zentrum

"Dass sie den Muezzin plötzlich nicht mehr im arabischen Original hören konnten, dass ihre religiösen Schulen geschlossen wurden, dass das Kopftuch vielerorts verboten wurde. All das führte dazu, dass konservative Türken sich plötzlich nicht mehr zuhause fühlten."

Mehrere Jahrzehnte sind seit diesen teils mit Gewalt durchgesetzten Reformen vergangen. Lägst ruft auch der türkische Muezzin wieder auf Arabisch, und längst ist die ebenfalls von Atatürk eingeführte westliche Hutpflicht für Männer wieder Geschichte. Doch die heimliche Abneigung vieler religiöser Türken gegen die säkulare, von oben aufgedrückte Republik, ist geblieben. Es war Recep Tayyip Erdogans Erfolgsrezept, dass er vom ersten Tag seiner politischen Karriere an verstand, diese Gefühle in Wählerstimmen umzuwandeln. Analyst Caglar: "Wenn Erdogan sich jetzt immer wieder auf die Osmanen bezieht, dann sagt er den Menschen damit gleichzeitig: Die Zeiten, in denen ihr euch in eurem eigenen Land fremd fühlen musstet, sind vorbei. Sie verstehen, dass sie – die konservative Mehrheit – jetzt wieder der Mittelpunkt der Gesellschaft sind. Und dass die Politik in ihrem Land sich nicht länger genau in die ihnen entgegengesetzte Richtung entwickelt."

Doch was den einen Genugtuung verschafft, gibt nun den anderen immer häufiger das Gefühl, nicht mehr erwünscht zu sein. Die Kemalisten in der Türkei sehen sich und ihre Werte bedroht von einer Regierung, die stolz verkündet an osmanische Zeiten anknüpfen zu wollen. Eine Regierung, die die 92 Jahre seit der Republikgründung als eine Art historischen Ausrutscher sieht.

"Die AKP ist die Bewegung, die das Interregium beendet und den türkischen Staat restauriert hat", sagte Premierminister Davutoglu in seiner Antrittsrede im vergangenen Sommer. Den Istanbuler Historiker Erdogan Aydin überraschen solche Worte nicht.

"Die türkische Republik und das Osmanische Reich haben ein strukturelles Problem miteinander. Denn die Republik bedeutet eine republikanische, demokratische und laizistische Regierung. Das Osmanische Reich aber basierte auf dem Kalifat, das sich direkt durch Gott legitimiert sah und in dem eine politische Kaste herrschte, die ihre Macht vom Vater zum Sohn weitergab."

"Der Sultan vom Bosporus"

Natürlich ist die Türkei auch unter der AKP-Regierung weiterhin eine Republik. Dass aber ausgerechnet ihr Präsident sich nun so häufig auf die Osmanen beruft, sagt viel aus über dessen Haltung zu dieser Staatsform. Nicht umsonst gaben türkische Journalisten Erdogan schon vor Jahren den Spitznamen "der Sultan vom Bosporus".

"Sicherlich träumt der Präsident nun nicht von einer klassischen Monarchie, in der er seine Macht an seine Kinder vererben kann. Aber er verfolgt doch den Ansatz, seine eigene Position und die seiner engsten Verbündeten so weit zu festigen, wie nur irgend möglich."

Der vielleicht wichtigste Schritt auf diesem Weg war der bereits erwähnte 28. August 2014. Der Tag, an dem das türkische Volk seinen langjährigen Premier zum neuen Präsidenten wählte. Schon im vorangegangenen Wahlkampf war klar geworden: Ein Präsident Erdogan wird sein Amt niemals nur repräsentativ ausfüllen. Ein Präsident Erdogan will regieren. Und so überraschte es denn auch nur noch wenige, als er kurz nach der Amtsübernahme verkündete, in Zukunft auch Kabinettssitzungen leiten zu wollen. Eine Aufgabe, die eigentlich explizit Ministerpräsident Davutoğlu zusteht.

Es sind nicht nur kemalistisch eingestellte Türken, die eine solche Ansammlung von Macht erschreckt. Auch außerhalb des Landes sorgt das selbstbewusste Auftreten Erdogans immer wieder für Verwirrung. Wie weit will der Präsident bei seiner Reise in die Vergangenheit wirklich gehen? Was meint er, wenn er wie im November 2012 verkündet: "Wir müssen überall dorthin gehen, wo unsere Vorfahren gewesen sind?" Hat die Türkei im 21. Jahrhundert tatsächlich wieder Weltmachtambitionen? Und wenn schon. Historiker Aydin winkt ab. Bei aller Bewunderung, die die AKP-Regierung vor allem zu Anfang bei den arabischen Nachbarn erntete. Ihre Außenpolitik betrachtet man dort mit Argusaugen.

"Im Gegensatz zu dem, was unsere Regierung gern vorgibt, wird das Osmanische Reich vor allem in der arabischen Welt mit dem Kolonialismus gleichgesetzt. Der wirkliche Feind der arabischen Nationalisten sind die Osmanen."

Und so bleibt der Osmanische Traum der Regierung Erdogan wohl vor allem ein innenpolitisches Instrument. Als Solches aber hat er sich ein ums andere Mal bewährt. Auch bei den im Juni anstehenden Parlamentswahlen scheint ein Wahlsieg der AKP vorprogrammiert.

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