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StartseiteCampus & Karriere"Ein Abbruch von Beziehungen schafft keine Luft"03.11.2016

Türkisch-Deutsche Universität "Ein Abbruch von Beziehungen schafft keine Luft"

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat sich besorgt über die Kündigung von Mitarbeitern an der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul geäußert. Er befürchte eine Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit, sagte Ulrich Grothus vom DAAD im DLF. Die sei für das wissenschaftliche Arbeiten so "wichtig wie die Luft zum Atmen".

Ulrich Grothus im Gespräch mit Kate Maleike

Ein leerer Stuhl in einem Büro. ( imago/Horst Rudel)
Sechs Mitarbeiter sind offenbar auf Betreiben der türkischen Regierung an der Türkisch-Deutschen Universität entlassen worden. ( imago/Horst Rudel)
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Kate Maleike: Ihr baulicher Grundstein wurde 2010 gelegt, als wichtige, prestigeträchtige Kooperation zwischen der Türkei und Deutschland. Die Türkisch-Deutsche Universität hat seitdem großen politischen Bahnhof erfahren und seit dem Wintersemester 2013/2014 ist sie gestartet, unter anderem mit Rechtswissenschaften und Ingenieurwissenschaften und Naturwissenschaften.

Jetzt aber gibt es die Nachricht, dass dieser Brückenschlag schwierig wird, denn die Uni ist ins Visier des türkischen Staatspräsidenten Erdogan geraten und wir hören, dass sechs Mitarbeiter gekündigt wurden.

Der stellvertretende Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes Ulrich Grothus ist am Telefon, grüße Sie!

Ulrich Grothus: Guten Tag, Frau Maleike!

Maleike: Was wissen Sie über die aktuelle Lage?

Grothus: Wir wissen, dass nach einer ersten Entlassung im September jetzt fünf weitere wissenschaftliche Mitarbeiter der Deutsch-Türkischen-Universität entlassen worden sind. Ein Professor, zwei Assistenzprofessoren, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter und eine Deutschlektorin.

Maleike: Das bedeutet also, dass die, wie es immer so schlimm formuliert wird, die Säuberungsaktion, die Welle jetzt auch an diese Universität gekommen ist und dass da möglicherweise noch mehr kommen?

Grothus: Das wissen wir natürlich alle nicht genau. Wir wissen ja, dass es Teil einer viel größeren Entlassungswelle ist, die praktisch alle türkischen Hochschulen und alle möglichen weiteren Bildungseinrichtungen und öffentlichen Einrichtungen betrifft. Wir hoffen, dass man einhält, aber wir wissen es nicht.

Maleike: Es ist natürlich ein sehr sensibles Feld, weil gerade diese Universität eben eine besondere ist. Sie existiert ja auf der Grundlage eines Regierungsabkommens und unterliegt aber der türkischen Hochschulgesetzgebung. Wie ist denn die Reaktion der Bundesregierung?

Grothus: Die Bundesregierung hatte sich ja durch die Bildungs- und Forschungsministerin Frau Wanka im Sommer sehr besorgt und kritisch über die erste Entlassungswelle geäußert. Nach meiner Kenntnis hat sich die Bundesregierung selbst jetzt zu diesen neuen Entlassungen nicht geäußert.

Es handelt sich, wie Sie richtig sagen, um eine türkische Universität, die türkischem Hochschulrecht unterliegt, aber es ist zugleich ein gemeinsames deutsch-türkisches Projekt. Und wir können uns eine deutsch-türkische oder türkisch-deutsche, wie sie jetzt offiziell heißt, Universität ohne Wissenschaftsfreiheit nicht vorstellen.

Maleike: Die Situation ist ja im Moment sehr angespannt, wir erleben das ja auch, wenn es um die Medienfreiheit geht in diesem Land. Der Deutsche Akademische Austauschdienst, für den Sie ja jetzt sprechen, ist ja auch involviert, Sie sind ja auch beim Austausch mit beteiligt. Inwieweit ist eigentlich diese angespannte Lage gerade, die unklare Lage eine Behinderung zum Beispiel auch für den studentischen Austausch?

Grothus: Im Moment nicht. Es gab ja unmittelbar nach dem Putschversuch ein Ausreiseverbot für Studenten und Wissenschaftler. Das ist aber nach, glaube ich, zwei Wochen wieder aufgehoben worden. Und wir sehen, so erstaunlich sich das vielleicht anhört, im Moment weder an der TDU selbst noch in unseren Austauschprogrammen mit der Türkei eine wesentliche Beeinträchtigung.

"Das wissenschaftliche Interesse ist groß"

Maleike: Das bedeutet, das Interesse, das wissenschaftliche Interesse ist nach wie vor ungebrochen?

Grothus: Das wissenschaftliche Interesse ist groß, wir haben weiter eine große Zahl von Bewerbungen für unsere Stipendien und wir vergeben Stipendien, die Stipendiaten treffen ein, gerade jetzt zum Beginn des Semesters ist ja wieder eine ganze Kohorte nach Deutschland gekommen und hat mit dem Studium angefangen. Wir sehen natürlich umgekehrt bei deutschen Wissenschaftlern und Studierenden eine große Verunsicherung und Skepsis, was man und wie man dort arbeiten kann.

Maleike: Gehen Sie denn davon aus, dass diese ja noch, wie Sie gerade beschrieben haben, relativ unproblematische Lage sich verschlimmert, wenn zum Beispiel jetzt auch noch mehr Entlassungen an den Universitäten stattfinden?

Grothus: Das müssen wir befürchten.

"Es ist immer leichter, rote Linien zu nennen als faktisch mit ihnen umzugehen"

Maleike: Wo ist denn für Sie als DAAD die rote Linie?

Grothus: Es ist immer leichter, rote Linien zu nennen als faktisch mit ihnen umzugehen. Also, deshalb möchte ich keine roten Linien definieren. Ich habe gesagt und dabei bleiben wir, dass für unsere gemeinsame wissenschaftliche Arbeit, die gemeinsame Arbeit von deutschen und türkischen Studierenden und Wissenschaftlern, Wissenschaftsfreiheit wesentlich ist wie die Luft zum Atmen. Und was wir tun können, tun wir, um Luft zu verschaffen. Und ein Abbruch von Beziehungen schafft keine Luft.

Maleike: Was tun Sie denn konkret, um die Luft zu verschaffen?

Grothus: Nun, natürlich sind wir im Gespräch mit der Leitung der Hochschulen, gelegentlich auch mit dem Hochschulrat selbst. Sie wissen selbst, wie schwierig der zwischenstaatliche Dialog im Moment ist, und das ist in unserem Bereich auch nicht viel besser.

Maleike: Die Deutsche Hochschulrektorenkonferenz hat formuliert, dass das skrupellose Einschnitte seien und eine nicht hinnehmbare Situation. Das sehen Sie aber schon auch so?

Grothus: Ja, wir sehen es als eine wichtige und problematische Gefährdung der Grundlagen unserer Zusammenarbeit.

Maleike: Es gibt in diesen Tagen ja auch immer wieder die Forderungen, dass die Bundesregierung sich stärker positionieren müsse, zum Beispiel bei den Medienrazzien war das ganz eindeutig die Forderung auch an die Kanzlerin, ein deutlicheres Wort zu sprechen. Das hat sie nun getan, würden Sie sich das auch für die Wissenschaft wünschen?

Grothus: Die Lage in den Medien ist glaube ich, wenn ich das als Zeitungsleser und Radiohörer und Fernsehzuschauer beobachte, noch viel zugespitzter. Dementsprechend deutlich hat sich die Bundeskanzlerin dazu geäußert. Ich bin nicht sicher, ob und was es helfen würde, wenn sie das auch zum Hochschulbereich machen könnte, jedenfalls ist es nicht an uns, ihr dazu gute Ratschläge zu geben.

Maleike: Ulrich Grothus war das, der stellvertretende Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, zu den Kündigungen an der Türkisch-Deutschen Universität und zu den Einschätzungen der allgemeinen Lage in der Wissenschaft zwischen Deutschland und der Türkei. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Grothus: Vielen Dank, Frau Maleike!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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