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StartseiteEuropa heuteKurden in der Türkei protestieren gegen Mauerbau07.11.2013

Türkisch-syrische GrenzeKurden in der Türkei protestieren gegen Mauerbau

Mit keinem Nachbarland hat die Türkei eine so lange und gleichzeitig umkämpfte Grenze wie mit Syrien. Diese will die türkische Armee nun mit einer Mauer sichern. Die Kurden in Nusaybin wehren sich dagegen.

Von Thomas Bormann

Ein Panzer fährt auf einer grünen Wiese an einem Grenzzaun entlang, ihm entgegen kommt ein Kind mit einer Kuh (picture alliance / dpa / Aykut Unlupinar / Anadolu Agency)
Türkische Soldaten auf Panzerpatrouille an der Grenze zur Syrien (picture alliance / dpa / Aykut Unlupinar / Anadolu Agency)

Mit Trommeln und Gesang protestieren sie seit Wochen gegen die „Mauer der Schande“, wie sie das sieben Kilometer lange Bauwerk nennen. Die Bürgermeisterin von Nusaybin, Ayse Gökkan, ist seit einer Woche sogar im Hungerstreik gegen den Mauerbau. Heute wollen alle führenden Politiker der türkischen Kurden-Partei BDP in Nusaybin gegen die Mauer demonstrieren,  auch der Bürgermeister der Millionenstadt Diyarbakir, Osman Baydemir:

„Wir brauchen hier keine neue Berliner Mauer, keine Mauer der Schande. Eine solche Mauer wird zwischen die gemeinsame Zukunft des kurdischen Volkes gezeichnet. Das kurdische Volk wird das nicht zulassen."

Beiderseits der Grenze leben Kurden. Vor fast 100 Jahren, nach dem Ersten Weltkrieg, haben Kolonialmächte diese Grenze recht willkürlich gezogen: Im Norden dieser Linie ist heute die Türkei, im Süden Syrien. Eine Grenze, die Familien trennt, bis zum heutigen Tag:

„Wenn man dort an die Grenze geht, sieht man immer wieder Leute, die an die Grenze gehen und mit ihrer Familie drüben sprechen“, sagt Kerem, ein kurdischer Student, der in Hamburg aufgewachsen ist und derzeit bei einer Baufirma in Nusaybin ein Praktikum macht. „Wenn Sie dort hingehen, sehen Sie immer wieder Leute, die zusammen an der Grenze stehen und sich unterhalten. Entweder mit dem Telefon, weil es das gleiche Netz ist. Oder sie werfen sich Sachen rüber, etwas zu essen, je nachdem, zu gucken, wie es einander geht.“

Drüben, in der syrischen 200.000-Einwohner-Stadt Qamishli, leiden die Menschen unter dem Bürgerkrieg:

„Ja, man hört immer wieder die Bomben. Man merkt das: Ich sitze hier; wenn dort eine Bombe fällt, rüttelt auch hier manchmal der Boden, also man spürt schon, dass es dort ordentlich Ärger gibt und  das prägt auch einen selber.“

Inzwischen aber haben kurdische Kämpfer die Stadt Qamishli unter Kontrolle. Das mag für die türkische Regierung mit ein Grund sein, eine Mauer zwischen Nusaybin und Qamishli zu bauen, denn die syrischen Kurden pflegen enge Kontakte zur PKK, die in der Türkei als Terror-Organisation gilt und die für kurdische Autonomie im Südosten der Türkei kämpft.

 

Eindämmung des Schwarzmarkts

Offiziell aber teilt die türkische Regierung lediglich mit, die Mauer solle für mehr Sicherheit im Grenzgebiet sorgen und die Bürger davor schützen, in Minenfelder zu geraten. Allerdings liegen im engen Grenzstreifen zwischen den beiden Städten Nusaybin und Qamishli keine Minen; die gibt es nur weit außerhalb der Städte.

Quasi als Nebeneffekt des Mauerbaus entlang der Grenze kann die Regierung in Ankara den Schwarzmarkt eindämmen, denn trotz Bürgerkrieg in Syrien blüht der Handel mit allen möglichen Waren in der türkischen Grenzstadt Nusaybin:

„Hauptsächlich Kosmetik-Produkte und Geschenkartikel. Das sind so die Hauptsachen - und Zigaretten. Ohne Zigaretten geht gar nichts. Das sind so die Hauptsachen.“

Viele Familien leben vom Schmuggel, vom Schwarzmarkt. Aber je stärker die Grenze befestigt ist, desto schwieriger wird das Schmuggeln. Auf der geschäftigen Haupt-Einkaufsstraße Nusaybins sieht man deshalb immer mehr Familien mit Kindern in zerschlissener Kleidung; sie betteln, die meisten sind Flüchtlinge von der syrischen Seite der Grenze:

„Die Leute brauchen auch Hilfe. Denen geht’s nicht gut. Eine Mauer - was bringt das, wenn die da eine Mauer hinbauen. Ich find so eine Mauer überhaupt nicht gut und so sehen es viele andere auch,“ sagt Kerem, der kurdische Student aus Hamburg. „Und wenn’s jetzt noch schlimmer wird, dann wird die Mauer zum Verhängnis für viele Menschen.“

Die Kurden haben keinen eigenen Staat; sie leben in einer zusammenhängenden Region im Grenzgebiet zwischen Türkei, Syrien, Irak und Iran. Sie träumen davon, eines Tages ohne trennende Grenzen miteinander zu leben; frei hin- und herreisen zu können.

Eine Mauer zwischen zwei benachbarten kurdischen Städten läuft diesem Traum zuwider. Haluk Koc, Sprecher der größten Oppositionspartei der Türkei, der CHP, meint, diese Mauer sei genau das falsche Zeichen, jetzt, wo die türkische Regierung doch eigentlich mit der PKK über Aussöhnung und Frieden verhandelt:

„Glaubt man, damit Frieden und Konsens erreichen zu können - mit so einem Mauerbau? Ausgerechnet in dieser sensiblen Zeit? Diese Mauer wird eigentlich nicht in Nusaybin gebaut, sondern rund um die Herzen und das Gewissen unserer kurdischen Mitbürger."

Die Kurden hoffen, mit ihrer Protestaktion an der Grenze heute den Mauerbau doch noch stoppen zu können. Aber die Regierung in Ankara ist bislang auf all die Proteste nicht eingegangen und plant weiter, die Grenze zu Syrien mit Zäunen und Mauern abzuriegeln.

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