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StartseiteCampus & KarriereAus Istanbul nach Berlin für die Forschungsfreiheit17.01.2020

Türkische Akademikerfamilie im ExilAus Istanbul nach Berlin für die Forschungsfreiheit

Spätestens seit dem gescheiterten Putschversuch steht die Wissenschaft in der Türkei unter massivem politischem Druck. Tausende Forscher wurden nach 2016 entlassen und verfolgt. Die "Akademie im Exil" bietet Betroffenen eine neue wissenschaftliche Heimat - mit Stipendien, die allerdings befristet sind.

Von Manfred Götzke

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Wissenschaftler in Ankara haben aus Protest gegen die Entlassung von Kollegen ihre Talare vor die Universtät gelegt. (Picture Alliance / dpa / Depo Photos / abaca)
Ankara 2017: Wissenschaftler legen aus Protest gegen die Entlassung von Kollegen ihre Talare vor die Universität (Picture Alliance / dpa / Depo Photos / abaca)
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Ihren kleinen Sohn im Arm kommt Zeynep Türkyilmaz ins Foyer der Tagungsstätte der Freien Universität in Dahlem. Türkyilmaz kennt fast jeden hier. Die Community der Exil-Forscher aus der Türkei ist klein – fast wie eine Familie, sagt sie, während sie ihren Freunden und Bekannten zunickt.

Manche der Forscher kennt Türkyilmaz aus Berlin, andere noch aus der Türkei, von damals, als man dort noch frei forschen und lehren konnte:

"Ich habe die Türkei freiwillig verlassen. Ich bin keine von denen, die gehen mussten. Aber ich habe damals gemerkt, dass es immer schwieriger wurde, wissenschaftlich frei zu arbeiten - und dass es auch schwieriger wurde, das Land zu verlassen."

Ausreise gerade noch rechtzeitig

Damals - das war 2016, kurz nach dem gescheiterten Putschversuch. Anders als vielen ihrer Forscher-Kollegen wurde Türkyilmaz nicht der Pass entzogen: Sie konnte die Türkei ganz einfach mit dem Flugzeug verlassen, ohne Schleuser – wie viele ihrer Freunde.

"Die Politik wurde damals immer autoritärer, engstirniger; und das hatte natürlich auch Folgen für meine wissenschaftliche Arbeit. Ich konnte einfach nicht mehr machen, was ich wollte – und bin gegangen. Zum Glück, denn kurz danach wurde auch gegen mich ermittelt."

Zeynep Türkyilmaz setzt sich auf einen der schweren Ledersessel hier im Foyer, erzählt vom Leben und Arbeiten im deutschen Exil. Ohne den Blick abzuwenden, zieht sie immer wieder – wie automatisch - ihren knapp 2-jährigen Sohn an ihre Brust. Die 43-Jährige hat mit ihrem Mann, der gerade seine Doktorarbeit beendet hat, die Türkei verlassen. Eine kleine Forscherfamilie im Exil.

"Berlin hat uns zwar warm empfangen. Aber hier gibt es ja wie überall viele Schwierigkeiten im akademischen Leben. Die Möglichkeiten sind hier schon sehr begrenzt. Es hängt ja von Marktverhältnissen ab, was man hier machen kann - und was man bekommt."

Forschungsschwerpunkt war politisch heikel

Türkyilmaz ist Kulturhistorikerin. Sie forscht über religiöse und ethnische Minderheiten im osmanischen Reich:

"Mir geht es um Yesiden, Kryptochristen – und andere nicht konforme Communities – die die identitären Grenzen des osmanischen Reiches immer wieder überschritten haben – und so das Reich auch reformierten." 

Ein Forschungsschwerpunkt, der auch lange vor dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei ein heikler war, erzählt sie.

"Es war immer schon schwierig, aber nicht unmöglich darüber zu arbeiten;  es ist glaube ich immer noch möglich, sich damit zu beschäftigen. Aber der Preis, den man zahlt, der wurde immer höher. Heute würde keine Universität jemanden einstellen, der sich damit beschäftigt."

Unterschrift unter Friedensresolution kostet Existenz

Wie viele türkische Akademiker im Exil hat auch sie vor einigen Jahren die Resolution "Akademiker für den Frieden" unterzeichnet. Die sprach sich damals gegen Erdogans Angriffe auf kurdische Gebiete aus. Kurz darauf – nach dem gescheiterten Putschversuch wurden viele ihrer Kolleginnen und Kollegen vom Regime verfolgt.

"Und das war ja alles völlig willkürlich, viele wurden aus den Unis geworfen, anderen der Pass entzogen und viele wurden inhaftiert – manche sind es noch immer. Für viele Akademiker war das Schlimmste: der gesellschaftliche Tod, die meisten können ihrer Berufung nicht mehr nachgehen, sie können noch nicht mal ein Konto eröffnen – sie überleben, irgendwie."

Prekäre Existenz statt Professur

Zeynep Türkyilmaz hat für die Forschungsfreiheit einiges aufgegeben. In Istanbul forschte sie an einer der renommiertesten Hochschulen des Landes, war Programmkoordinatorin – auf bestem Weg in eine Professur. Seit knapp drei Jahren ist sie nun in Berlin – wissenschaftlich prekär unterwegs wie die allermeisten deutschen Nachwuchsforscher auch.

Ihr Stipendium an der Freien Universität läuft noch genau ein Jahr. Wie es dann für sie und ihre kleine Familie weitergeht - sie weiß es noch nicht.

"Aber hier kann ich immerhin das machen was ich will, ich bin froh diese Art Heimat gefunden zu haben; mit allen Problemen, die das so mit sich bringt. Ich versuche hier natürlich eine dauerhafte Stelle zu bekommen – schließlich wird sich in der Türkei in naher Zukunft nichts ändern."

Als Akademikerin im Berliner Exil fühlt sich Türkyilmaz privilegiert – sie könne hier immerhin frei arbeiten und frei reden, sagt sie. Anders als Tausende ihrer Kollegen in der Türkei.

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