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StartseiteKommentare und Themen der WocheIn der Lira-Krise kochen Emotionen hoch10.08.2018

Türkische Währung unter DruckIn der Lira-Krise kochen Emotionen hoch

Kann der Absturz der Landeswährung Lira den türkischen Präsidenten ins Straucheln bringen? Karin Senz bleibt in ihrem Kommentar skeptisch: Erdogan könne nun von hausgemachten Wirtschaftsproblemen ablenken und auf einen Schuldigen zeigen - auf die USA und auf Donald Trump.

Von Karin Senz

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Ein Mann geht an einer türkischen Wechselstube vorbei (Diego Cupolo / NurPhoto / dpa)
Ist das der Todesstoß für die Lira? (Diego Cupolo / NurPhoto / dpa)
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Fast schon schadenfroh reibt sich manch Erdogan-Gegner heute die Hände. Wenn der türkische Präsident schon nicht an der Wahlurne verliert, dann doch zumindest an den Finanzmärkten. Und die sind, so hört man gerade an einem Tag wie heute durchaus von Emotionen beeinflusst und nicht nur von nüchterne Zahlen. Anders lassen sich die Panikverkäufe und der neue Absturz der Lira nicht erklären. Und dann kommt noch die Komponente Trump dazu - der US-Präsident bringt immer eine emotionale Komponente hinein.

Mit ihm liegt Ankara über den US-Pastor Andrew Brunson im Clinch. Er sitzt seit zwei Jahren in der Türkei wegen Terrorvorwürfen fest. Trump hatte getwittert, er werde diesen ehrenwerten Mann befreien. Das ist ihm bis jetzt allerdings nicht gelungen. Also hat er Sanktionen gegen zwei türkische Minister erlassen - mehr ein symbolischer Akt, der aber gereicht hat, die Lira stürzte daraufhin ab. Allerdings hat der Akt nicht gereicht, um Ankara dazu zu bewegen, den Pastor ausreisen zu lassen.

Eine türkische Delegation machte sich also erst mal auf den Weg nach Washington, zu Verhandlungen. Aber offenbar wollte Trump nicht verhandeln. Die Delegation reiste ohne Ergebnis in dem Fall wieder ab. Was seitdem mit der türkischen Lira passiert, sagen selbst Analysten stehe in keinem Verhältnis. All das mache aus rein wirtschaftlicher Sicht keinen Sinn.

Die Lira geht durch den Boden

Internationale Investoren fordern fast schon trotzig, dass die Notenbank den Leitzins erhöht - sozusagen als sichtbaren Beweis, dass sie unabhängig von Erdogan agiert. Der hatte vor der Wahl angekündigt, dass er die Geldpolitik seines Landes künftig stärker kontrolliert - und es ist bekannt, dass Erdogan nichts von einem höheren Leitzins hält. Den Märkten fehlt das Vertrauen, heißt es heute immer wieder.

Erdogan spricht von einem Wirtschaftskrieg und einer Verschwörung gegen die Türkei. In diese Stimmung hinein twittert Trump heute mal wieder: "Unsere Beziehungen zur Türkei sind derzeit nicht gut." Er verdoppelt mal eben die Strafzölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei. Die Lira geht durch den Boden. Erdogans Gegner hoffen, dass der Druck durch die Lira-Krise auf ihn steigt und die Türken endlich aufbegehren gegen ihren Präsidenten.

Aber davon ist man im Moment weit entfernt, vielleicht sogar weiter denn je. Denn jetzt kann Erdogan von den hausgemachten Wirtschaftsproblemen ablenken und auf einen Schuldigen zeigen - die USA, in Person von Donald Trump. Und selbst seine Kritiker, die bis jetzt nicht an eine ausländische Verschwörung glaubten, kommen ins Grübeln. Man hat das Gefühl, er will der Lira den Todesstoß verpassen und sich so an den trotzigen Türken rächen. Emotionen pur.

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