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Tussirecherche

Verlag Das Wunderhorn, 64 Seiten, DM 28,-

Dieter M. Gräf sucht nach den Mythen unserer Zeit. Seine "Tussirecherche" führt ihn zu dem Medium, das wie kein anderes täglich aufs Neue Mythen bedient und produziert. Gebrauchsmythen für die Industrie. Die Rede ist von der Werbung.

André Hatting

Zwanzig großformatige Plakate auf Werbeflächen, wie sie in jedem U-Bahnhof zu finden sind, stehen im Ausstellungsraum, und erst nach und nach begreift der irritierte Betrachter, dass etwas an diesen scheinbar so vertrauten Hochglanzplakaten nicht ins Bild passt. Es ist der Text. Den Mythos von Reichtum und Schönheit verspricht hier kein Schmuckhersteller. Statt des Firmennamens schnörkelt sich das Wort "Diana" über das Goldarmband der Anzeige. Prinzessin Diana ist gemeint. Der moderne Medienmythos ersetzt ein Statussymbol. Das nächste Plakat ist eine Zigarettenwerbung. Doch statt des Markennamens liest man die Worte "Duschen sich küssen". Unter dem Logo einer Shampoofirma auf einem dritten Plakat liest man "Tussirecherche". Die optische Täuschung ist perfekt. Die Künstlerin Margret Eicher hat bis ins kleinste Detail das Originalschriftbild der Anzeigen übernommen. Nur der Inhalt ist ein anderer. Statt der vertrauten Werbeslogans stehen Gedichte auf den Anzeigen. Gedichte von Dieter M. Gräf. Wie zum Beispiel das Gedicht "Starren": aus ihren Klamotten heraus/geschlenkerte, besitzlose Körper/ an einem Strand, nachts./Übrig bleiben: die starren/Knochen, der Ängste Piranhas. Dazu Dieter M. Gräf:

"Im Grunde werden die Gedichte aufgelöst. Sie werden in ihrer Zeilendefinition aufgelöst, und wenn man streng sein möchte, und das sollte man hier sein, sind es überhaupt keine Gedichte mehr. Obgleich alle Zeichen erhalten bleiben, existieren die Gedichte nicht mehr als Gedichte."

Die Allianz zwischen Werbung und Poesie hat Tradition. Franz Wedekind reimte für eine Würzmittelfirma, Bertolt Brecht besang eine Automarke, Eugen Gomringer warb mit den Mitteln der sogenannten Konkreten Poesie für "schreIBMaschinen". Auch wenn es sich hierbei um Auftragsarbeiten handelte, die Beispiele zeigen, Kunst und Reklame haben etwas gemeinsam. Die Techniken der Poesie werden auch in der Werbung eingesetzt: Rhetorische Figuren, Metaphern, Wortspiele, alles wird benutzt, um dem Gebrauchswert einer Ware noch einen verkaufsfördernden Mythos anzudichten. Dazu Gräf:

"Es ist eine Fälschung von Wirklichkeit. Wirklichkeit bedeutet ja immer, Alltägliches, Unscheinbares. Selbst wenn Sie in ganz prunkvolle Orte gehen, irgendwelche Weltwunder sich anschauen in Istanbul, es sind drei Meter weiter irgendwelche Scheunen, Abrisshäuser. Egal, was Sie wahrnehmen, Sie werden nie eine solche gestylte Schönheit sehen können als Sie suggeriert bekommen in der Welt der Werbung, aber auch in der Welt der Television."

Werbung ist Fälschung durch Perfektion. Das Projekt "Tussirecherche" verdoppelt diese Täuschung. Die Texte von Dieter M. Gräf verfremden die Anzeigen und schaffen so völlig neue Assoziationen. Wo zuvor der Anzeigentext das Kaufverhalten steuern sollte, kommunizieren jetzt die Gedichte von Gräf mit der Scheinwelt der Waren selbst. Die Poesie bricht in die täuschende Perfektion der Werbeästhetik ein, um selber zu täuschen. Gräf:

"Diese Irritation gibt dem Betrachter die Möglichkeit, einerseits dem Sprachmaterial dadurch gerecht zu werden, dass er die Oberflächenstruktur goutiert. Es wird ja in meinen Texten viel Alltag, Gegenwart verhandelt. In den Liebesgedichten kommen Kondome vor. Es gibt ein Gedicht, das heißt "Kacken". Wenn man sich auf die Werbeästhetik einlässt, wird dieser Teil auch angesprochen. Es ist diese Irritation da, es ist auch ein Witz da. Das ist eine Ebene. Nun gibt es eine zweite Ebene. Man kann sich eben auch intensiver mit so einer Bildfindung beschäftigen."

Die "intensive Bildfindung" lohnt sich allerdings nur dann, wenn die Kombination aus Bild und Text dazu wirklich einlädt. Und das ist nicht immer der Fall. Vielleicht, weil Dieter M. Gräf mit seinen Gedichten nicht auf die Vorlagen reagiert hat. Alle seine Texte sind unabhängig von dem Projekt entstanden.

Eine durchaus interessante Kombination trägt den Titel "Blauer Kinderwagen". Der Text beschreibt die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer im Herbst 1977. Mit einem Kinderwagen hatten Mitglieder der Roten Armee Fraktion den Dienstwagen Schleyers zum Halten gezwungen. Anschließend eröffneten sie das Feuer und brachten den Industriellen in ihre Gewalt.

Margret Eicher hat nun Dieter M. Gräfs Gedicht auf das Titelbild eines Modemagazins gesetzt. Ein junger Hollywoodschauspieler blickt dem Betrachter entgegen. Die Epeauletten auf seinem schwarzen Hemd verleihen ihm etwas Strenges, fast Militärisches. Seine wasserblauen Augen blicken müde und ernst. Eine Anspielung auf das berühmte Foto aus der Gefangenschaft Hanns-Martin Schleyers? Gräf:

"Im Zusammenhang mit dem Gedicht ergeben sich verschiedene Assoziationsfelder, die möglich sind. Man kann in dieser Figur einerseits etwas von Schleyer und andererseits etwas von seinen Entführern und Mördern sehen."

Die künstlerische Text-Bild-Kombination legt den Blick frei auf ungewöhnliche Zusammenhänge. Doch folgt die Zuordnung von Bild und Text nicht nur rein künstlerischen Kriterien. Die Anzahl der Zeichen muss nämlich bei der typographischen Vorlage und dem jeweiligen Gedicht genau übereinstimmen. Bis zum letzten Punkt, sonst gelänge die Täuschung nicht. Insoweit bilden Motiv einerseits und Text andererseits eine identische, geschlossene Menge. Völlig offen bleibt dagegen der semiotische Dialog zwischen Bild und Schrift, das Zeichenhafte. Dazu Gräf:

"Ich denke dann garnicht mehr daran, dass das aus einem Modemagazin kam. Ich denke auch nicht mehr daran, dass das ein Hollywood-Schauspieler ist. Ich denke auch nicht daran, dass das auf die Fanatismus-Geschichte von Schleyer beziehungsweise seinen Mördern hinweisen kann. Sondern wie ein Symbol scheint nun dieses Bildmotiv für diesen Sachverhalt zu stehen. Und das fasziniert mich bislang am meisten."

Eine Faszination, die nicht jede der zwanzig Gedichtplakate auslöst. Manchmal scheint die Kombination der Motive beliebig, so dass die spontane Begeisterung des Betrachters irgendwo zwischen Bild und Text wieder verloren geht. Das ist schade, denn das Konzept der Ausstellung und des dazugehörigen Katalogs ist brillant. Gerade die aufwendige Gestaltung des Ausstellungskataloges verdient besonderes Lob. Sechzehn Farbplakate sind darin sowohl in ihrer Originalfassung als auch in der Bearbeitung abgedruckt und bieten dem Leser die Möglichkeit, ganz persönliche Bezüge zwischen Original und kunstvoller Fälschung herzustellen; Und das verpricht in jedem Fall ein außergewöhnliches Leseerlebnis.

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