Dienstag, 20.04.2021
 
Seit 07:05 Uhr Presseschau
StartseiteKommentare und Themen der WocheMehr Hollywood als Windsor08.03.2021

TV-Interview mit Meghan und HarryMehr Hollywood als Windsor

Meghan sei die Traumbesetzung für eine neue Prinzessin der Herzen, kommentiert Christine Heuer das TV-Interview von Prinz Harry und Herzogin Meghan. Das Interview sei aber mehr als eine öffentliche Klage über die Zustände im Königshaus. Beide wollten Geld als Influencer verdienen. Dafür bräuchten sie Reichweite.

Ein Kommentar von Christine Heuer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Oprah interviews Duke and Duchess of Sussex, 08 March 2021 Oprah Winfrey spoke to Meghan Markle and Harry Windsor, also known as the Duke & Duchess of Sussex, in an explosive interview shown on CBS in America and due to be shown in the UK later today. Pictured: Harry, Duke of Sussex and Meghan, Duchess of Sussex and Oprah Winfrey, Credit:AIex Todd / Avalon (picture alliance / Photoshot | -)
Prinz Harry von Großbritannien und seine Ehefrau Herzogin Meghan während eines Interviews mit der US-Moderatorin Oprah Winfrey. (picture alliance / Photoshot | -)
Mehr zum Thema

Harry, Meghan und die Medien Morddrohungen und Millionendeals

TV-Interview von Meghan und Harry "Das Urtrauma der gejagten Prinzessin wirkt nach"

Podcast von Harry & Meghan Kontrollierte Einblicke in das nicht mehr royale Leben

Meghan-Berichterstattung im Boulevard Man wundert sich über ein so antiquiertes Frauenbild

Meghan und Harry auf Abwegen Bruch mit einer archaischen Sehnsucht

Rückzug von Prinz Harry und Herzogin Meghan "Die royale Notbremse gezogen"

Wie war das noch bei Tolstoi? Alle glücklichen Familien gleichen einander. Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich. Wie wahr. Das Unglück der Windsors besteht darin, dass wer nicht ganz genau hineinpasst, verloren ist – wie Prinzessin Diana, oder verloren geht – wie Herzogin Meghan. Und mit ihr Prinz Harry.

Oprah Winfrey interviewt Meghan Markle (Harpo Productions/AP/Joe Pugliese) (Harpo Productions/AP/Joe Pugliese)Harry, Meghan und die Medien - Morddrohungen und Millionendeals Die rassistische und aggressive Berichterstattung der Boulevardpresse sei einer der Gründe für den Umzug des royalen Ehepaars in die USA gewesen, so Harry und Meghan im Interview bei Oprah. Statt Medienthema wollen die beiden in Zukunft Medienmachende sein - mit Verträgen bei Spotify und Netflix.

Nicht erst seit "The Crown" wissen wir, dass die englischen Royals der Krone dienen und nicht umgekehrt. Wer mitmacht, lebt ein privilegiertes Leben. Wer ausbüchst, kann nicht mit Gnade rechnen. Das mag unmenschlich sein, aber die königliche Familie ist eben mehr als nur das: Sie ist auch eine Firma.

Hier die gute Seele, da die böse Verwandtschaft

Herzogin Meghan, die vielleicht, vielleicht auch nicht wusste, worauf sie sich einließ, benutzt das Wort gern, um die emotionale Kälte ihrer angeheirateten Angehörigen zu brandmarken. Hier die gute Seele, da die böse Verwandtschaft. Meghan ist die Traumbesetzung für eine neue Prinzessin der Herzen, in der Nachfolge von Diana. Genau wie die früh verstorbene Schwiegermutter ist sie damit im Königshaus gescheitert.

Nun also, auch das nach Dianas Vorbild, ein großes Interview ohne Tabus. Es hält, was CBS in einer perfekten Werbekampagne versprochen hat: Schockierende Enthüllungen. Die schockierendste: Dass in der Familie erörtert wurde, wie schwarz das Kind, das Meghan erwartete, wohl sein würde. Das ist schlimm. Noch schlimmer ist, dass dieselben Leute es offenbar völlig in Ordnung finden, wenn mit Prinz Andrew einer der Ihren im Verdacht steht, Mädchen im Teenager-Alter sexuell missbraucht zu haben. Und sich einem Verhör mit den Ermittlern einfach verweigert.

Aufmerksamkeitsmaschine für die Marke Sussex

Allerdings ist das Interview mehr als die öffentliche Klage über inhumane Zustände in einer nach außen abgeschotteten Institution. Es ist eine Aufmerksamkeitsmaschine für die Marke Sussex. Mehr Hollywood als Windsor. Mehr Meghan als Harry. Wieder eine Firma, diesmal aber die eigene. Die beiden wollen ihr Geld als Influencer verdienen. Dafür brauchen sie Reichweite. Und wer hätte mehr von diesem kostbaren Gut zu bieten als die Königin des US-Talks?

Während Martin Bashir Prinzessin Diana vor 25 Jahren noch ins öffentliche Gespräch über intimste Details hineinmanipulieren musste, hat die Herzogin von Sussex den Kontakt zu Oprah Winfrey aktiv gesucht. Anders als Bashir stellte Winfrey ihren Gästen keine einzige kritische Frage zu deren Verhalten. Die Interviewerin verdient mit dem Gespräch Millionen. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Unglück in der Familie ist schrecklich. Manche können aber auch davon leben. Und nicht mal schlecht.

Christine Heuer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christine Heuer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) Christine Heuer, geboren 1967 in Bonn, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Anglistik. Sie war für den Deutschlandfunk freie Korrespondenten im Bonner und Berliner Hauptstadtstudio, Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen und in der Kölner Chefredaktion Chefin vom Dienst. Heuer war zuletzt Redakteurin in der Abteilung Aktuelles und moderierte viele Jahre lang die Sendung "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk. Seit 2020 berichtet sie als Korrespondentin aus Großbritannien und Irland.   

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk