Mittwoch, 14.11.2018
 
Seit 22:05 Uhr Spielweisen
StartseiteInterviewTV-Regisseurin: New Yorkern fehlt Ort zum Trauern06.09.2006

TV-Regisseurin: New Yorkern fehlt Ort zum Trauern

ARD zeigt Dokumentation zum 11. September 2001

Nach Einschätzung der Fernsehregisseurin Katja Esson haben die New Yorker die Anschläge vom 11. September 2001 in sehr unterschiedlicher Weise verarbeitet. Während viele noch immer in der Trauer verharrten, schöben andere die Erlebnisse beiseite, sagte Esson, die für die ARD die Dokumentation "New York im Schatten der Türme" gedreht hat.

Die Überreste der zusammengestürzten Türme des World Trade Centers in New York nach den Anschlägen vom 11. September 2001. (AP)
Die Überreste der zusammengestürzten Türme des World Trade Centers in New York nach den Anschlägen vom 11. September 2001. (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

"Dieses Schuldgefühl des Überlebenden: Eine Frau von einem Kollegen hat mich damals umarmt und ich habe nur gesagt: 'Es tut mir so leid, dass ich nichts für ihn tun konnte.' Und sie meinte: 'Du musst Dich nicht entschuldigen. Wir sind froh, dass Du hier bist.' Und das hat mir gut getan."

Dirk Müller: Der Feuerwehrmann Bill Spate, der als einziger seiner Einheit das Inferno in New York überlebt hat. Die New Yorker geben sich nicht geschlagen, trotz der tiefen Erschütterung ihrer Werte, trotz der Angst, die seit dem 11. September 2001, seit den Anschlägen auf das World Trade Center stets präsent ist. Die Hamburger Regisseurin Katja Esson beleuchtet die Stimmungslage der New Yorker fünf Jahre nach den Terroranschlägen. Heute wird ihr Film "New York im Schatten der Türme" um 23:15 Uhr in der ARD zu sehen sein. Guten Morgen, Frau Esson!

Katja Esson: Guten Morgen!

Müller: Schuldgefühle der Überlebenden, haben Sie das auch angetroffen?

Esson: Das habe ich auch angetroffen, und merkwürdigerweise habe ich das selber am eigenen Leib gespürt. Ich hatte schon Schuldgefühle, weil ich zu der Zeit nicht in der Stadt war, und das ging wohl vielen New Yorkern so, wie ich später gehört habe. Wir waren nicht dort, wir haben es nicht miterlebt. Und man bekommt deswegen Schuldgefühle und hat so den Instinkt, ich muss sofort dahin, was natürlich verrückt war zu dem Zeitpunkt.

Müller: Frau Esson, haben die Angehörigen dieser Opfer, die Hinterbliebenen bereits Antworten gefunden auf die Frage Warum?

Esson: Nein, und ich glaube es geht ihnen, zumindest denjenigen, die ich kennen gelernt habe, gar nicht so wahnsinnig um die Frage des Warums. Es geht den Angehörigen jetzt eigentlich hauptsächlich darum, sie wollen darüber hinwegkommen und das fällt wahnsinnig schwer, weil meistens noch nicht mal ein Körperteil gefunden wurde, weil es kein Denkmal, kein Memorial gibt, weil dieser Streit da unten am Ground Zero immer weitergeht und sie wirklich keinen Ort haben, wo sie einfach mal die Hand irgendwo auflegen können auf den Namen ihres Mannes, ihres Sohnes und sagen können tschau oder so. Es gibt halt nichts. Es ist einfach nur dieses nichts, diese Leere, die sich dann eben auch in diesem Loch in der Skyline zeigt und sie dann jeden Tag daran erinnert.

Müller: Sie sagen "jeden Tag". Also Sie haben schon die Erfahrung gemacht, dass das immer noch jeden Tag Thema ist?

Esson: Ja. Das war der Grund auch eigentlich, als der WDR auf mich zukam in Form von Christiane Hinz, dass ich dann zugestimmt habe, den Film zu machen, weil ich doch eine sehr große Diskrepanz der Lebensgefühle in New York festgestellt habe. Es gibt wahnsinnig viele Gesichter in New York, wahnsinnig viele Wahrheiten, die auch alle nebeneinander existieren und wahrhaftig sind. Zum Beispiel wird der Feuerwehrmann, den wir eben gehört haben, Schwierigkeiten haben, darüber hinwegzukommen. Ich habe aber auch viele Menschen angetroffen, die gesagt haben, ach, das sind doch alte Kamellen, wir sind doch alle darüber hinweg, New York geht es besser, better and stronger than ever, als je zuvor, wie Phönix aus der Asche. Das existiert alles nebeneinander, und es ist unglaublich, wie viele verschiedene Wahrheiten einfach in der Stadt fünf Jahre nach dem 11. September anzufinden sind.

Müller: Haben Sie, Frau Esson, Betroffene getroffen, die nach vorne blicken?

Esson: Oh ja. Das war mir auch sehr wichtig in meinem Film. Es gab für viele Menschen natürlich in New York Anstöße, ihr Leben zu ändern. Es wurden neue Konzepte geschaffen. Zum Beispiel kollektive Restaurants oder so etwas entstanden plötzlich, und da wird ganz klar gesagt, ohne diesen Geist, der nach dem 11. September da war, wäre so etwas überhaupt nicht möglich. Es gibt halt wirklich viele Leute, die ihr Leben grundsätzlich, grundlegend geändert haben.

Müller: "New York im Schatten der Türme", ein Film heute Abend um 23:15 Uhr in der ARD. Das war Regisseurin Katja Esson. Vielen Dank für das Gespräch.

Esson: Bitte. Tschüß.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk