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StartseiteCorsoDie Lust am Tabubruch20.08.2020

TV-Serie "South Park"Die Lust am Tabubruch

Die Serie "South Park" rebelliert gegen Tabus, Konventionen und den guten Geschmack. Mit ihrem Humor verschont sie niemanden und beleidigt jeden. Frei nach dem Motto: "Alles ist erlaubt!" Und das schon seit 23 Jahren und 307 Folgen.

Von Julian Ignatowitsch

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Szene aus der US-Zeichentrickserie "South Park".  (B3422_ipol)
Die Serie "South Park" kommt mit krassen Bildern und derber Sprache daher (B3422_ipol)
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Serie South Park und das Ende der Kreativität

So wie die Serie das vor jeder Episode macht, so soll auch dieser Beitrag mit dem Hinweis beginnen, dass das folgende Programm eine "derbe Sprache" beinhaltet und besser von niemandem geschaut beziehungsweise gehört werden sollte.

Ja liebe Hörer, und jetzt übergeben wir an vier vorpubertäre Schulkinder: "Mein Arsch!" - "Verdammt, Cartman." - "Mein Arsch!" - "Er furzt Feuerbälle, Alter. Das kommt von der Analsonde, die donnert Feuerbälle aus Cartmans Rektalröhre."

South Park - alles begann 1997 mit Cartman, der wahrscheinlich fiesesten und unmoralischsten Comicfigur seit es Fernsehen gibt, seinen etwas vernünftigeren Freunden Stan und Kyle, dem stummen Kenny, der in vielen Folgen auf grausame Weise stirbt, und einer Analsonde.

Sexualität, Rassismus und Fäkalsprache

Seit 23 Jahren und 307 Folgen mischen die vier Kinder also ihre Grundschule und das fiktive Städtchen South Park im amerikanischen Nirgendwo auf. Die Serie rebelliert gegen Tabus, Konventionen und den guten Geschmack. Sie fordert damit die amerikanischen Zensurbehörden heraus.

"Die größten Tabubrüche sind in Bezug auf 'political corectness', alles was in der Gesellschaft gerade Thema und noch nicht ausdiskutiert ist", erklärt Reinhard Presslaber, der die Serie wissenschaftlich untersucht hat. "Natürlich spielt da Sexualität und Rassismus eine grosse Rolle, die Fäkalsprache, die anfangs sehr präsent war, die ist gar nicht mehr so relevant, die ist zwar noch ein Stilmittel, aber wichtiger sind gesellschaftliche Themen."

Einzigartige Mischung in der Serienwelt

"Und nun wollen wir die Halle der Klischees betreten. Diese Wachsfiguren zeigen wie intolerante Menschen verschiedene Minderheiten darstellen."

Die Simpsons? Nicht so provokativ. Futurama? Nicht so politisch. Family Guy? Nicht so vulgär.

"Und das ist ein geldgeiler Jude!" - "Sehr gut, junger Mann! Die Behauptung Juden wären nur am Geld interessiert ist schon uralt."

In seiner Mischung von infantil, anarchisch und sozialkritisch ist South Park einzigartig. Wenn in einer Folge 162 Mal das Wort "Scheiße" fällt (und das explizit mitgezählt wird), dann passiert das mit der abschließenden Pointe, dass die Zensur des Wortes wohl genauso kindisch ist wie dessen exzessiver Gebrauch.

"Heute Abend im Fernsehen wird das Wort fallen: Scheiße!"

Kein Respekt vor niemandem

Überhaupt: Die Erwachsenen im Städtchen South Park sind kaum reifer als die Kinder - im Gegenteil.

"Heute Abend im Fernsehen wollen sie das Wort Scheiße fallen lassen. Wir sollten uns zusammensetzen und das ansehen."

Die Serie entlarvt Scheinheiligkeit und Doppelmoral, legt seinen Figuren Dinge in den Mund, die sie besser nicht sagen sollten, verschont niemanden und beleidigt jeden: "Da gibt es dieses große Stichwort ‘equal opportunity offenders’, was soviel heißt wie, dass jeder die Zielscheibe des Spotts werden kann, egal ob schwarz oder weiß, ob groß oder klein, da ist jeder potenziell die Zielscheibe."

Steve Jobs, Bono, Saddam Hussein, Jesus, Scientology, Chinesen, Amerikaner, Homosexuelle und Heterosexuelle - sie alle sind vor dem South-Park-Humor gleich! Dabei wechseln Witz und Ernst, Erzähl- und Metaebene so schnell und häufig, dass sich das Gesagte immer wieder selbst reflektiert und jeder moralischen Bewertung entzieht.

Politisierung nach dem 11. September 2001

South Park dekonstruiert gesellschaftliche Diskurse - und führt sie ad absurdum. Dass die Serie selbst an der Realität mitschreibt, zeigte sich zum Beispiel 2001 beim Karikaturenstreit, als der Prophet Mohammed letztlich wirklich unter dem Zensurbalken verschwinden musste, wo er vor dem 11. September - das Datum hat auch die Serie politisiert - noch problemlos in einer Episode gezeigt werden konnte. Oder gerade erst wieder 2019 bei der Folge "Band in China", die nach Thematisierung von chinesischen Menschenrechtsverletzungen und Zensurpraktiken, genau, in China gebannt wurde.

"Nachdem was ich hier gesehen habe, behandelt ihr euer Volk wie Dreck! Ihr sprecht jedem seine persönliche Freiheit ab. Ihr habt Winnie Push und Ferkel ins Gefängnis geworfen. Ach kommt schon China!"

"Wie die 'Heute Show' - nur krasser und politisch inkorrekter"

Dabei brechen die Macher Trey Parker und Matt Stone mit der unfertigen Papercut-Optik und lieblosen Vertonung - sie sprechen fast alle Charaktere selbst - auch formal die gängigen Fernsehkonventionen. South Park sieht, um es mit den Worten seiner Figuren zu sagen, echt scheiße aus. Eine Episode wird manchmal in wenigen Stunden produziert, was gleichzeitig nachrichtengleiche Aktualität mit sich bringt.

"Also es ist so bisschen wie die Heute Show, nur krasser, spitzer und politisch inkorrekter."

Einer politischen Tendenz (oder Anhängerschaft) verweigert sich die Serie - zum Glück - bis heute. Sie setzt an dessen Stelle ein plakatives: "Alles ist erlaubt!" South Park zu schauen heißt: gesellschaftlichen Konsens und vermeintliche Gewissheiten genau so zu hinterfragen und zu verhöhnen wie Verschwörungstheorien und Einzelmeinungen, aber nicht aus einer postmodernen "Alles geht"-Haltung heraus, sondern aus Lust am Tabubruch, am Querdenken, am Dagegen-Sein.

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