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StartseiteKommentare und Themen der WochePolitisch spannend, journalistisch gut gemacht30.08.2021

TV-TriellPolitisch spannend, journalistisch gut gemacht

Beim ersten Triell der Kanzlerkandidaten standen sich drei Kandidaten gegenüber, die jeden Eindruck von ideologischer Starre vermieden, kommentiert Stephan Detjen. Das, sowie die sachliche Gesprächsführung des Moderatorenpaares könne als Ausdruck der Funktionsfähigkeit eines politischen Systems betrachtet werden.

Ein Kommentar von Stephan Detjen

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Auf einem Fernseher in einem Wohnzimmer ist "Das Triell" im Fernsehprogramm RTL zu sehen. Die Kanzlerkandidaten von Bündnis 90/Grüne, CDU und SPD, - Baerbock, Laschet, Scholz treffen in einer ersten TV Diskussion bei RTL und ntv aufeinander.  (picture alliance/dpa | Henning Kaiser)
„Positionen wurden deutlich, Differenzen markiert, Charaktere der Kandidaten erkennbar“, so das Fazit von Dlf-Chefkorrespondent Stephan Detjen zum ersten TV-Triell (picture alliance/dpa | Henning Kaiser)
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Die Mehrheit der Fernsehzuschauer entschied sich gestern Abend für den Tatort in der ARD, Titel "Wer zögert, ist tot". Wer glaubte, es gehe auch hier um den Wahlkampf, täuschte sich. Wer sich dagegen für das Triell entschied, erlebte zwar keinen mörderischen Krimi, aber eine politisch spannende und journalistisch gut gemachte Debatte. Positionen wurden deutlich, Differenzen markiert, Charaktere der Kandidaten erkennbar. Alle überlebten. In diesem Wahlkampf bleibt noch alles möglich.

  (picture alliance/dpa | Henning Kaiser) (picture alliance/dpa | Henning Kaiser)Das TV-Triell und seine Effekte
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Dass Olaf Scholz in einer ersten Umfrage nach dem Ende der Sendung von einer deutlichen Mehrheit der befragten Zuschauer zum Gewinner erklärt wurde, ist nicht erstaunlich. Scholz zog seine Merkel-Nummer konsequent durch: "Ich und die Kanzlerin", rühmte sich der Vizekanzler nonchalant. Mit monotoner Stimme und regloser Mine reklamierte Scholz den vakanten Bonus der Amtsinhaberin für sich und machte es wie Merkel, die nie gezögert hat, das politische Kapital ihrer Koalitionspartner für sich und ihre Partei zu monetarisieren.

Armin Laschet ist damit aber nicht der Verlierer des Abends. In der prekären Ausgangslage, in der sich der Unionskandidat befand, ging es für ihn darum, den Rücken irgendwie wenigstens ein Stück von der Wand zu lösen, an die er - nicht zuletzt durch die ständigen Sticheleien des CSU-Chefs - gedrängt worden war. Laschet blieb nichts als die Offensive. Dass er mit aggressiven Spitzen gegen Scholz Sympathiepunkte verspielte, musste Laschet in Kauf nehmen, um den Wahlkämpfern an der eigenen Basis Mut und Zuversicht einzuflößen.

Doppelte Herausforderung für Baerbock

Auch für Annalena Baerbock ist dieser Wahlkampf zu einer Auseinandersetzung an zwei Fronten geworden: nach außen kann und muss sie nach wie vor den Anspruch der Grünen vertreten, am Ende doch noch als Kanzlerpartei aus der Wahl hervorzugehen. Nach innen muss sie sich zugleich einem innerparteilichen Machtkampf gegen Robert Habeck behaupten. Es geht dabei um die Frage, wer ab dem Tag nach der Wahl den Kurs der Grünen bestimmt und damit eine Schlüsselrolle bei der Regierungsbildung übernimmt.

Könnten und müssten es die drei unter sich ausmachen, würden die Koalitionsverhandlungen nicht lange dauern. Bei allen Differenzen in der Verteidigungs-, Steuer- und Klimapolitik standen sich drei Kandidaten gegenüber, die jeden Eindruck von ideologischer Starre und Kompromissunfähigkeit vermieden. Von den Moderatoren aufgefordert, wussten sie sogar auszudrücken, was sie an ihren Konkurrenten schätzten. Dadurch wurde deutlich, wie weit dieser Wahlkampf von den extrem polarisierten Richtungskämpfen entfernt ist, die die USA, Frankreich und Großbritannien zerrissen haben. Man darf das als Ausdruck der Qualität und Funktionsfähigkeit eines politischen Systems schätzen, ebenso wie die sachliche und ruhige Gesprächsführung des Moderatorenpaares vom Privatsender RTL.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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