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StartseiteCorso"Utopien sind zum Vorverlegen da"25.05.2019

Udo Lindenberg auf Tour"Utopien sind zum Vorverlegen da"

Wegen massiver Alkoholprobleme drohte vor Jahren das Aus: Doch Udo Lindenbergs Kollegen und Fans brachten den "Panik-Rocker" zum Nachdenken und verhalfen ihm zum Comeback. „Ich kann doch nicht wegdriften wie Elvis“, erklärte Lindenberg im Dlf - und auch, warum seine Themen von früher noch aktuell sind.

Udo Lindenberg im Corsogespräch mit Uli Kniep

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Der Musiker Udo Lindenberg neben der Hamburger Elbphilharmonie am Rande einer Pressekonferenz, auf der er Einblicke in sein neues Album gab.  (dpa-Bildfunk / Georg Wendt )
Udo Lindenberg: "Die Leute haben mir auf der Straße gesagt: 'Udo, gib uns Udopium, wir brauchen neuen Stoff, lass uns nicht hängen.'" (dpa-Bildfunk / Georg Wendt )
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Uli Kniep: Seit zehn Jahren bist Du wieder obenauf, eine Zeit lang aber ging es Dir auf Grund von massiven Alkoholproblemen schlecht. Drohte ein Karriere-Aus?

Udo Lindenberg: Ich hatte eine Auszeit, war ein Suchhund, viel unterwegs auf der Suche nach Texten, wie geht es jetzt weiter, wenn ich dann mal 60 bin oder vielleicht sogar 70, wie gehe ich dann auf die Bühne – als Rock'n'Roll-Nachtigall oder als Chansonier mit Charles-Aznavour-Höckerchen, stille Lieder? Liederabende - oder mach' ich weiter Action, big Showtime, bretthart, so dass die Klampfen um die Ohren fliegen?

Für Letztes hab' ich mich dann entschieden: Der zeitlose Rock'n'Roller. Und ich bin ein Glückspilz, ich hatte das Glück, zu der Zeit auf meinen Producer zu treffen, Andreas Herbig, auf Jem Seifert und Henrik Menzel, und Jan Delay war dann da. Und ich bin hier auf der Szene auch in Berlin rumgestiegen in den Kellern und Studios - und schnacke-di-schnack und lass' mal kieken.

"Miese, fiese, kleine Midlife-Krise"

Vor allem habe ich erstmal aufgehört zu saufen, das spielt 'ne große Rolle. Ich war ja Alkoholstudent, Wissenschaftler. Ich hab' gedacht: bewusstseinserweiternde Drogen – lass' mal ordentlich 'was reinballern. Ich ging in die Kneipe nach dem Motto: Was muss hier noch weggeballert werden? Ich war so eine Art Erkenntnis-Erleuchtungstrinker - hab' ich mir jedenfalls erzählt, wenn ich durch den Underground schlich.

Wie geht es nun weiter? Ich hatte ja in den 70ern große Dinger, in den 80ern auch. Und dann wurde ich 50 und bekam eine miese, fiese, kleine Midlife-Krise und wusste nicht so genau, wie geht es später weiter als Sänger und mit Jugendkultur und Rock'n'Roll?

Ende der Mengenlehre in Sachen Saufen

Dann hab ich aufgehört mit der Sauferei, hab' mich umgestellt auf fernöstliche Drogen, die sehr bekömmlich waren. Aber die Mengenlehre in Sachen Saufen wurde eingestellt. Und dann ganz neugierig geforscht, denn ich hab' gedacht: Das muss doch irgendwie weitergehen. Ich kann doch nicht wie Elvis-mäßig wegdriften. Das kann ich auch meinen Sympathisanten nicht antun, von denen ich ja wusste, dass sie sorgenvoll meine Entwicklung beobachteten. Okay, Udo muss wieder an Bord kommen.

Jan Delay. (AP)Guter Freund von Udo Lindenberg und dessen musikalischer Partner: Jan Delay. (AP)

Und dann, durch die klare Sicht und die Producer, viel experimentiert und der Zusammenarbeit mit Jan Delay, mit Silbermond und ganz vielen jungen Leuten, kam unser neuer Sound. Ich war wieder schnell und schlank und frisch. Früher war ich ja der Rock'n'Roll-Mops, wenn du jeden Tag zwei Flachen Whiskey reinballerst, wenn du auch keinen Sport machst, keine Ernährung, dann hängst du irgendwann in der Ecke, dann ist das auch mit der Bühne nicht mehr so sexy.

Und dann wurde ich wieder schnell und grazil wie die Gazelle, und dann ging es wieder los: Wieder auf die Bühne, und dann kam es zu diesem wahnsinnigen Comeback. Das war wie ein Geschenk. Ich freu' mich jeden Tag darüber.

Kniep: Jetzt machst Du Dir im Augenblick selber Konkurrenz durch das Unplugged-Projekt auf der einen Seite, wo die Leute auch erwarten, eine Unplugged-Tournee zu sehen. Wirst du denn einen Unplugged-Teil einbauen? 

Lindenberg: Ja, wir haben auch einen solch' einen leiseren Teil, wir haben immer auch Balladen im Programm, also neben dem ganzen Rock'n'Roll-Geballer - schön laut - haben wir auch leise Strecken, was auch hervorragend funktioniert; also nur die Stimme, ganz leise am Klavier oder zwei Akustikklampfen, so die stillen Dinger, die berühmte Stecknadel hörst du fallen, haben wir so 'nen Unplugged-Teil.

"Die Nachfrage war eine Art Volksbegehren"

Welche Songs genau, weiß ich noch nicht, denn die Auswahl ist so groß: Wir haben ungefähr 700 Dinger, 700 Lieder, die so entstanden sind im Laufe der Jahrhunderte. Auch in den 70ern ist viel entstanden, schön breit unterm Mischpult – hier 'ne Idee, da 'ne Idee, viele grandiose Songs, und wir mussten jetzt überlegen: Welche Songs nehmen wir für die zweite "MTV unplugged"? Die wurde ja gefordert!

Die Leute haben mir auf der Straße gesagt: "Udo, gib uns Udopium, wir brauchen neuen Stoff, lass' uns nicht hängen. Wir brauchen jetzt 'ne zweite MTV." Weil: Die erste ist so gut reingegangen und hat so viele Menschen so tief berührt, dass die Nachfrage eine Art Volksbegehren war!

Kniep: Auf Platten oder während der Live-Shows, ob laut oder leise, immer wieder taucht der Wunsch nach Frieden und Abrüstung als Thema auf, und auch Kinder werden da mit einbezogen.

Lindenberg: Ja, Kinder kommen ja nicht auf die Welt als Rassisten oder Nationaldröhner oder als Kriegshetzer auf die Welt. Und Kinder haben auch ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsfeeling, wenn die hören Krieg ... und es gibt ja auch dieses Lied "Kleiner Junge", Kinder sagen: So darf das nicht bleiben, wir müssen uns da einschalten. Und dann wollen sie los und was machen oder versuchen, sich zu orientieren.

Und im Moment ist es ja schlimm: Die Welt in der sie aufwachsen – die hören nur was von Aufrüstung, Kriegshetzerei, Trump, Putin, die Schwachmaten, die aufrüsten und eine endlose Kohle reinballern, also Billionen in Kriegsmaterial, Kriegsmaschinerie, während in anderen Teilen der Welt ganz viele Kinder und Frauen sterben, jeden Tag Zigtausende. Und hier werden Billionen reingeballert in die Hochrüstung und kein Ende abzusehen.

Aufstehen gegen die Ungerechtigkeit in der Welt

Und das wird ja auch exzessmäßig geradezu gefeiert! Mit einer Euphorie verkündet so ein Schwachmat wie Trump: Schon wieder 800 Billionen, das kann man sich gar nicht vorstellen, wie viel Kohle das ist! Das ist so pervers, und da dürfen wir auch nicht still halten, und die Kinder auch nicht. Und deswegen sagen wir: Wir müssen da was tun, müssen aufstehen, und wir können nicht wie eine Art stumme Armee passiv das mittragen, diese Ungerechtigkeit in der Welt, dass hier die Kohle für Waffen ... auf der anderen Seite Hunger im Jemen, humanitäre Katastrophe, und da können wir doch nicht still bei bleiben.

Kniep: Vor vielen Jahren hast du schon Ähnliches gefordert: Keine Pershings, aber auch keine "SS20". Ist es da nicht auch frustrierend, dass es so viele Jahre danach immer noch nötig ist, aufzustehen?

Lindenberg: Genau wie das Lied "Wozu sind Kriege da"? Das singe ich auch immer noch, und das ist auch schon seit 30 Jahre alt. Wir müssen immer dieses Feuer weitertragen. Ich denke auch zurück, 50 Jahre: Woodstock, Jimi Hendrix, Joe Cocker ... viele wissen das noch, love and peace – das waren die Visionen, Menschenketten um den Globus, Hand in Hand. Stoppt die Kriege, "Give Peace A Chance", diese Visionen, aber auch der Fight dafür – auf die Straßen gehen gegen ...!

Es gingen ja wahnsinnig viele Leute auf die Straße damals gegen den Vietnam-Krieg, und der wurde dann ja auch beendet. Und es sind Journalisten losgezogen: Watergate – dieses Lügengebäude bringen wir zum Einsturz.

Phantasie von einer Welt ohne Waffen

Oder die Bürgerrechtsbewegung auch mit dem Kollegen, dem Sänger Harry Belafonte, Martin Luther King, für Gerechtigkeit, für die Rechte der Schwarzen sind die Leute auf die Straße gegangen. Auch in Deutschland in den 80ern gegen "Pershing" und "SS20" war jede Menge Leute auf der Straße. Und das soll so weitergehen! Wenn die jetzt auch noch kommen mit neuen Mittelstreckenraketen, davon ist ja jetzt die Rede, Trump steigt ja aus allem Möglichen aus: Klimaschutz et cetera, aus allem, was man international regeln muss. Man muss reden und nicht immer mehr neue Waffen ...

Zum Friedensong möchte ich noch sagen: Das ist ja auch ein utopisches Lied! Und Utopien sind zum Vorverlegen da. Also wir brauchen ja auch Visionen und die Phantasie von einer Welt ohne Waffen. Das können nicht Nationalstaaten klären: die verdreckten Ozeane, Klimakatastrophe, Kriege um Wasser, riesen Völkerwanderung, Dürre ... können die nur international machen, und deshalb haben wir in 100 Jahren eine Art Weltregierung. Von der WG zum World Government - im besten Hippie-Stil, und dazu gibt es keine Alternative.

Kniep: Die Welt ein kleines bisschen zu verbessern, ist auch das Ziel der "Udo-Stiftung" – was ist da geplant?

Lindenberg: In Calw machen wir zusammen mit der Popakademie in Mannheim Unterstützung für junge provokante Bands mit frechen Texten, die im Radio nicht stattfinden – im Geiste auch von Herrmann Hesse, ganz individuell, auch freche,kesse Dinger, nicht so die milde Sorte. Es gibt ja so viele sanfte, junge Bands.

Kniep: Udo Lindenberg, vielen Dank für dieses interessante Corsogespräch.

Lindenberg: Hau' rein ist Tango - keine Panik!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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