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StartseiteKommentare und Themen der WocheLehrstück für die Öffentlichkeit und "Bild"03.06.2020

Überarbeitete Drosten-StudieLehrstück für die Öffentlichkeit und "Bild"

Der Virologe Christian Drosten hat seine umstrittene Coronavirus-Studie überarbeitet – trotz gleicher Schlussfolgerung sind die wissenschaftlichen Kritiker nun zufrieden. Daraus können die Öffentlichkeit und die "Bild"-Zeitung lernen, wie Wissenschaft funktioniert, kommentiert Volkart Wildermuth.

Von Volkart Wildermuth

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Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin (dpa/Britta Pedersen)
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Normalerweise blicken die Wissenschaftler durchs Mikroskop auf ihre Experimente. In den letzten Wochen war es mal umgekehrt. Christian Drosten wurden von der Öffentlichkeit, insbesondere der "Bild"-Zeitung analysiert. Der Rollenwechsel hat zu Verwerfungen geführt – und zu unschönem, unnötigen Streit.

Schlussfolgerung bleibt gleich

Jetzt hat Drosten eine überarbeitete Version seiner umstrittenen Studie zur Viruslast bei Kindern und Jugendlichen vorgelegt. Und dieselben Daten mit den neuen Methoden analysiert. Ergebnis: Etwa jeder zweite infizierte Erwachsene produziert genügend Viren, um andere anzustecken. Bei Kindern und Jugendlichen sind es nur ein gutes Drittel und wenn man nur die Kinder unter sechs Jahren anguckt sogar weniger als ein Drittel.

Eine Frau trägt eine Maske zum Schutz gegen das neuartige Coronavirus, während sie auf einer Bank sitzt und die Bildzeitung liest.Die Titelschlagzeile lautet: "Heute Corona-Kehrtwende!". (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg) (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)Heidelberg-Studie - Wieder Streit um eine Studie zu Corona 
Wissenschaft findet meist eher im Verborgenen statt. In Coronazeiten ist das anders. Studien-Ergebnisse wie etwa die zum Infektionsrisiko von Kindern aus Heidelberg werden umgehend öffentlich diskutiert. Zwar fesselt dieser Streit das Publikum, aber was bedeutet das für die Wissenschaft?

Es gibt also messbare Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Aber messbar und relevant sind zwei Paar Stiefel, dass wissen im Übrigen auch die Kritiker. Am Ende kommt Drostens Team zu dem Schluss: "Konkret liefert die vorliegende Studie keinen Hinweis um Behauptungen zu unterstützen, dass Kinder weniger ansteckend sein könnten, als Erwachsene." Das ist komplizierter formuliert, aber im Grunde die gleiche Aussage, wie bei der ersten Version der Studie als es hieß: "Kinder könnten so ansteckend sein wie Erwachsene."

Wissenschaftlich ist die Welt wieder in Ordnung

Version zwei der Studie überzeugt allerdings die vormals kritischen Statistiker. Sie twittern, es seine eine "überzeugende Neuanalyse", Drosten hätte die "Kritik berücksichtigt". Wissenschaftlich ist die Welt wieder in Ordnung. Und alle betonen, es sei nie darum gegangen, die Studie zu verdammen, sondern sie zu verbessern.

Ein Maedchen trägt auf einem Wochenmarkt in Hamburg einen selbstgenaehten Mundschutz (picture alliance/dpa Themendienst/Mascha Brichta) (picture alliance/dpa Themendienst/Mascha Brichta)Schwedischer Forscher: "Ich denke, dass Kindergärten offen bleiben können" 
Welche Rolle Kinder bei der Übertragung des Coronavirus spielen, ist umstritten. Ein Forscher vom Karolinska Institut in Stockholm hat sich relevante Studien angeschaut. Er kommt zu anderen Schlüssen als der Berliner Virologe Christian Drosten.

Kritisieren lassen sich natürlich auch die politischen Folgerungen. In der neuen Version warnt Christian Drosten nicht mehr vor Schulöffnungen, sondern fordert eine Teststrategie, die mögliche Ausbrüche schnell erkennt. Die "Bild"-Zeitung verbucht das quasi als Sieg, wohl weil sich die Redakteure dort nicht vorstellen können, dass jemand auf neue Fakten, in diesem Fall die ja schon beschlossenen Schulöffnungen, mit neuen Einschätzungen reagiert.

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Der ehemalige stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter hat die Berichterstattung der "Bild" über den Virologen Christian Drosten kritisiert. Die Zeitung habe mehrere handwerkliche Fehler gemacht, sagte Streiter, der früher selbst für die Zeitung gearbeitet hat.

Am Ende des Experiments "Wissenschaft unterm Mikroskop" dürfte klar sein: Forscher sind keine Halbgötter im Laborkittel und wollen das auch gar nicht sein. Wissenschaft ist nicht statisch, sondern beweglich. Sie lebt von der Kritik, wird von ihr vorangetrieben. Aber diese Kritik ist sachlich, nie persönlich. Das könnte die Öffentlichkeit und vielleicht sogar die "Bild"-Zeitung aus dem hin und her zu dieser Studie lernen.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

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