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StartseiteInterview"Politik des Kremls zielt darauf, dass die Erinnerung nicht verschwindet"22.06.2021

Überfall auf die Sowjetunion"Politik des Kremls zielt darauf, dass die Erinnerung nicht verschwindet"

Der Kreml fördert die Erinnerung an den Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, sagte der russische Historiker Oleg Budnizkij im Dlf. Dabei sei die Kriegsgeschichte auch ein Mittel zur Erziehung von Patrioten. Allerdings blieben viele wichtige Archive mit Dokumenten aus der Zeit verschlossen.

Oleg Budnizkij im Gespräch mit Thielko Grieß

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Feierlichkeiten zum Gedenken an den 22. Juni 1941 in Moskau zum 80. Jahrestag (imago / TASS / Gavriil Grigorov)
Gedenken in Moskau an den 22. Juni 1941: In der sowjetischen Armee dienten während des Kriegs insgesamt 34,5 Millionen Menschen, insgesamt 27 Millionen kamen ums Leben. (imago / TASS / Gavriil Grigorov)
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Am 22. Juni vor 80 Jahren fielen 160 deutsche Divisionen mit mehr als drei Millionen Soldaten und über 3.000 Panzern in die Sowjetunion ein. Der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt war damit obsolet. Hitler und Stalin hatten sich in dem Vertrag Neutralität im Falle von kriegerischen Auseinandersetzungen zugesichert. Der Vertrag sah auch die Aufteilung Polens und des Baltikums in eine russische und eine deutsche Interessenssphäre zu. Der Angriff Hitlerdeutschlands auf Polen am 17. September 1939, der den Zweiten Weltkrieg auslöste, gilt als direkte Folge dieser Vereinbarungen.

Russland: Geschichtsschreibung mit Lücken

In Russland gilt der 22. Juni 1941 vielen als Tag des Kriegsbeginns. Ein neues Gesetz verbietet es, das Vorgehen der Sowjetunion und Hitlerdeutschlands im Krieg gleichzusetzen. Historiker kritisieren, dass das Bündnis zwischen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion bis zum Überfall auf Polen 1939 ausgeblendet werde.

Panzer an die poln.-sowjet.Grenze 2. Weltkrieg / Russlandfeldzug 1941/42: Deutscher Ueberraschungsangriff auf die UdSSR am 22. Juni 1941 (Unternehmen Barbarossa). - Deutsche Panzer beim Vormarsch an die polnisch-sowjetische Grenze. - Foto, Juni/Juli 1941 (Alois Beck). (picture-alliance / akg-images) (picture-alliance / akg-images)Kommentar: Es gibt etwas nachzuholen im Gedenken
Der 80. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion hat gezeigt: Das Gedenken an die Opfer des deutschen Vernichtungskrieges muss vertieft werden, kommentiert Florian Kellermann. Das ist momentan jedoch schwer.

Die Sowjetunion sei auf den Überfall der deutschen Wehrmacht nicht vorbereitet gewesen, sagte der russische Historiker Oleg Budnizkij sagte im Deutschlandfunk. Stalin habe die Bedrohung zwar als real angesehen, aber nicht vor 1942 mit einem Angriff gerechnet. Die Rote Armee und die Wehrindustrie seien "vom Idealzustand weit entfernt gewesen". Bei der Bewaffnung habe es große Probleme gegeben. Stalin habe wichtige Funktionäre und Militärs entlassen, etwa den Minister für Munition und die Führung der Luftwaffe, die später auch festgenommen und erschossen wurden. "Das war ein für Stalin typisches Verhalten".

Am 23. August 1939 unterzeichneten der Außenminister des Deutschen Reiches, Joachim von Ribbentrop (l) und der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow (vorn) in Moskau den deutsch-russischen Nichtangriffspakt. Hinten neben Ribbentrop Josef Stalin, ganz rechts Friedrich Gaus, daneben U. Pavlov. (picture-alliance / dpa) (picture-alliance / dpa)Russlands Heroisierung der Vergangenheit
Am 23. August 1939 unterzeichneten Hitler-Deutschland und die Sowjetunion einen Nichtangriffspakt. Stalin wird dafür nach heutiger russischer Lesart kein Vorwurf gemacht. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs wird unter Putin fast nur als Abfolge heroischer Taten dargestellt.

Furchtbare Folgen für die Menschen

Fast jede Familie sei vom Krieg berührt worden, betont der russische Historiker Budnizkij im Dlf. Die Deutschen hätten die besetzten Gebiete in der Sowjetunion als Territorium von Barbaren betrachtet, in dem man sich habe benehmen können, wie man wollte. Etwa 7,4 Millionen Zivilisten seien vorsätzlich vernichtet worden, sagte Budnizkij. In der Armee dienten während des Kriegs insgesamt 34,5 Millionen Menschen. Insgesamt kamen 27 Millionen Menschen ums Leben. Zudem wurden zwei bis zweieinhalb Millionen sowjetische Juden bei Massenerschießungen ermordet.

Das Interview mit Oleg Budnizkij im russischen Original

Der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel sagte im Deutschlandfunk, dass Stalin trotz der Warnungen aus den eigenen Reihen, aber auch von britischer Seite, mit einem deutschen Angriff nicht gerechnet habe. Er sei davon überzeugt gewesen, dass Hitler keinen Zwei-Fronten-Krieg wagen würde. Die hohe Zahl der Toten auf sowjetischer Seite habe auch mit Stalins Art der Kriegsführung zu tun, betont Neitzel.

Das Interview im Wortlaut:

Thielko Grieß: In welchem Zustand befand sich die Sowjetunion am 22. Juni 1941?

Oleg Budnizkij: Wenn wir über die Bevölkerung sprechen, so hat sie gar nichts erwartet, keinen Krieg. Was die Staatsführung betrifft, so war ihr wohl klar, dass irgendetwas passieren wird. Faktisch hat man schon am 21. Juni mancherorts angefangen, Truppen in Kampfbereitschaft zu versetzen. Wie ich es anhand der uns zur Verfügung stehenden Dokumente verstehe, hoffte die sowjetische Führung dennoch darauf, dass es keinen Krieg geben wird. Stalin setzte bis zum letzten Moment auf die Möglichkeit, dass das nicht passiert, oder dass es gelingt, den Konflikt lokal einzugrenzen.

Budnizkij: Stalin hat nicht vor 1942 mit Angriff gerechnet

Grieß: Warum hat er so gedacht? Er war doch kein naiver Politiker!

Budnizkij: Sehen Sie, er hat die Bedrohung als durchaus real angesehen, aber wann es geschehen wird, war nicht sonderlich klar, und er hat damit gerechnet, dass es nicht vor 1942 passiert. Aber das war natürlich eine grobe Fehleinschätzung.

Man muss auf den Zustand der Roten Armee und der Wehrindustrie schauen: Sie waren vom Idealzustand sehr weit entfernt. Die Armee ist im Zeitraum von September 1939 bis Juni 1941 zahlenmäßig um mehr als den Faktor zwei gewachsen. Eine riesige Menschenmasse. Es ist völlig offensichtlich, dass die Vorbereitung eines Offizierskorps in dieser Zeit technisch schlicht unmöglich war. Mit Blick auf die Bewaffnung gab es große Probleme, zum Beispiel bei der Produktion von Munition.

Eine Karikatur aus dem Jahr 1939 ("Punch Magazine") zeigt den Handschlag zwischen Hitler und Stalin. (picture alliance / Heritage-Images) (picture alliance / Heritage-Images)Ein Gesetz, das Stalin verharmlost?
In Russland geht das Erinnern an den Sieg über Hitler-Deutschland mit einer Glorifizierung Stalins einher. Nun haben Abgeordnete der Partei "Einiges Russland" einen Gesetzentwurf eingebracht, der unliebsame Ansichten unterbinden soll.

Man muss auch sagen, dass Stalin auf die ihm eigene Art und Weise im März 1941 den Volkskommissar, also den Minister für Munition seines Amtes enthoben hatte, später wurde dieser Iwan Sergejew festgenommen und erschossen. Die Luftwaffe war in einem bedauernswerten Zustand. Im Juni, vor und nach Beginn des Krieges, wurde praktisch ihre gesamte Führung festgenommen. Das ist ein für Stalin typisches Verhalten.

Eine Woche vor Kriegsbeginn erscheint eine Mitteilung der Agentur TASS, in der erklärt wird, zwischen der Sowjetunion und Deutschland sei alles in Ordnung. Ich denke, das war so ein Signal an die deutsche Seite: Schauen Sie, wir wollen keinen Krieg, wir wollen mit Ihnen verhandeln.

Zerschlagung der sowjetischen Westfront - ein katastrophales Debakel

!!Grieß:!! Wie hat Stalin selbst auf den Angriff reagiert?

Es gibt die Auffassung, Stalin sei geschockt gewesen, dass er am 22. Juni handlungsunfähig gewesen sei. Doch das war nicht so. Er hat gearbeitet, er war an seinem Platz. Allerdings wies er [Außenminister] Molotow an, eine Erklärung über den Kriegsbeginn abzugeben. Offensichtlich wusste Stalin nicht, was er sagen soll, als etwas geschah, was der sowjetischen Propagandalinie absolut widersprach.

Das sowjetische Militär konnte die Stoßrichtung des deutschen Hauptangriffs nicht antizipieren. Sie dachten, es gehe gegen die Ukraine, doch es ging gegen Belarus, auf dem kürzesten Weg. So eine Zerschlagung der sowjetischen Westfront, so ein katastrophales Debakel hatten sie nicht erwartet. Was Stalin in einen gewissen Schock versetzte, war, als er die Nachricht erhielt, Minsk sei am 28. Juni 1941 gefallen.

Territorien wurden als Objekt von Ausbeutung betrachtet

Grieß: Welche Folgen hatte der Angriff für die Bevölkerung?

Budnizkij: Er hatte furchtbare Folgen. In den besetzten Gebieten lebten nach heutigen Schätzungen fast 70 Millionen Menschen, zu zwei Dritteln Frauen. Denn die Männer waren in der Armee, oder sie wurden, wie ganze Fabriken oder junge Leute, die noch in die Armee eingezogen werden sollten, nach Osten verlegt. Es war so furchtbar, weil diese Territorien als Objekt von Ausbeutung betrachtet wurden, um Nahrungsmittel und dergleichen zu produzieren. Der Bevölkerung wurde sofort mit abschreckenden Beispielen, bis hin zu öffentlichen Todesstrafen, demonstriert, was es bedeutet, nicht auf die Deutschen zu hören.

Nur ein Beispiel: In Charkiw haben sie die Leute zusammengetrieben, ihnen zur Kenntnis gegeben, was sie dürfen und nicht dürfen – und plötzlich haben sie Leute direkt am Balkon aufgehängt, unter den Augen der Menschenmenge.

Außerdem gab es Deportationen zur Zwangsarbeit in Deutschland, die sogenannten Ostarbeiter. Es gab Kollektivstrafen für Aktionen von Partisanen- und Untergrundkämpfern, Massenerschießungen, Brandstiftungen und so weiter. Das war die Politik der Entvölkerung von Städten. Die Zahl der sowjetischen Verluste ist gigantisch: Nach Schätzungen der sowjetischen Kommission zur Untersuchung nazistischer Verbrechen wurden etwa 7,4 Millionen Zivilisten vorsätzlich vernichtet.

Holocaust: Über ein Drittel der Ermordeten waren sowjetische Juden 

Was den Holocaust betrifft, so waren zwei bis zweieinhalb Millionen der ermordeten Juden sowjetische Juden. Im Unterschied zum Holocaust in Ost-, Zentral- und Westeuropa gab es auf dem Territorium der Sowjetunion keine Vernichtungslager, sondern direkte Erschießungen. Die Haltung war: Dies ist das Territorium von Barbaren, hier kann man sich benehmen, wie man will.

Die größte Massenerschießung von Juden fand in Babyn Jar in Kiew statt, wo nach deutschen Angaben [innerhalb von etwas mehr als einem Tag] etwa 33.000 Juden hingerichtet wurden. Auf dem Gebiet der heutigen Russischen Föderation fand das "russische Babyn Jar" in Rostow am Don statt, wo etwa 14.000 - 15.000 Menschen erschossen wurden, auch eine riesige Zahl. Unter denen, die in Rostow getötet wurden, in Smijowskaja Balka, waren mein Urgroßvater und meine Urgroßmutter. Meiner Mutter, die damals zwölf Jahre alt war, gelang es mit meiner Oma und meinem kleinen Onkel, auf einem der letzten Züge zu flüchten.

Die Ausmaße waren horrend: In der Armee dienten während des Kriegs insgesamt 34,5 Millionen Menschen. Insgesamt kamen 27 Millionen Menschen ums Leben. Natürlich berührte das fast jede Familie.

Der Kreml fördert die Erinnerung an den Krieg

Grieß: Wie fällt die Erinnerung an den 22. Juni 1941 im heutigen Russland aus?

Budnizkij: Über den Krieg wird ständig geschrieben und gesprochen. Es erscheinen massenweise Filme. Aber das hat mit der Wirklichkeit des Kriegs immer weniger zu tun. Zu einem sehr großen Grad erinnert es an Computerspiele.

Grieß: Nimmt die russische Politik, nimmt der Kreml Einfluss auf die Erinnerung an den Angriff?

Budnizkij: Nein, im Gegenteil: Die Politik des Kremls zielt darauf, dass die Erinnerung nicht verschwindet. Es gibt andauernd Militärparaden, Gedenktage, die Militärhistorische Gesellschaft wurde gegründet, Literatur und Filme über den Krieg werden gefördert. Die Geschichte des Krieges wird unter anderem als Mittel zur Erziehung betrachtet. Die Erziehung von Patrioten. Das zielt nicht auf das Vergessen, sondern auf die Aufrechterhaltung von Kriegserinnerung.

"Wichtige Archivbestände bleiben verschlossen"

Grieß: Wie gut ist der Zugang zu den Archiven? Was weiß die Geschichtswissenschaft noch nicht gut genug?

Budnizkij: Nutzbringend ist die Datenbank des Verteidigungsministeriums, wo Auskünfte über Gefallene hinterlegt sind. Dazu Scans von Dokumenten, Daten über Kriegshelden und ihre Auszeichnungen. Doch da geht es auf der einen Seite um die leidvollen Teile des Krieges, die Toten, auf der anderen Seite um Kriegshelden, um Heldentaten.

Jedoch bleiben gleichzeitig viele weitere wichtige Archivbestände verschlossen. Zum Beispiel Akten der Hauptverwaltung der Roten Armee und der Kriegsmarine. Also dort, wo sich Auskünfte über den moralischen Zustand des Militärs erhalten haben.

Einige Akten werden jedoch nach und nach freigegeben. Diese Dokumente belegen nicht nur Heldentaten, sondern auch die Kehrseite des Kriegs. Diese Kehrseite ist sein tatsächliches Gesicht. Dieses Gesicht, wenn er ausbricht, ist grässlich. Gemeint ist alles, was damit in Zusammenhang steht, dass Menschen andere Menschen umbringen. Und mehr noch, wie Menschen andere Menschen dazu zwingen zu töten. Die Kriegsdisziplin wird oft mit unglaublich harten Mitteln erreicht. In einem solchen Fleischwolf, in einem solchen Gemetzel zu überleben, war ziemlich schwierig. Und verschlossen sind die Archive der Militärtribunale. Verschlossen sind auch die Archive des [heutigen Geheimdienstes] FSB.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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