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StartseiteForschung aktuellÜberflutete Steinzeit21.09.2009

Überflutete Steinzeit

Forscher lokalisieren Siedlungen, die unter Wasser stehen

Archäologie.- An Dänemarks Küste kam es in den vergangenen Jahrtausenden zu einem starken Anstieg des Meeresspiegels. Im Zuge dessen sind ganze Siedlungen den Fluten zum Opfer gefallen. Heute suchen Archäologen nach den verschollenen Lagerplätzen von Jägern und Sammlern.

Von Michael Stang

Selbst in Wassertiefen von 30 Metern und mehr können steinzeitliche Siedlungen verborgen liegen.  (Monika Seynsche)
Selbst in Wassertiefen von 30 Metern und mehr können steinzeitliche Siedlungen verborgen liegen. (Monika Seynsche)

Seit den spätern 1980er-Jahren suchen dänische Archäologen mithilfe des sogenannten Siedlungsmodells nach steinzeitlichen Hinterlassenschaften, die heute unter Wasser stehen.

"Mit diesem Modell haben wir die besten Chancen, überflutete steinzeitliche Siedlungen zu finden. Wir gehen davon aus, dass die meisten Jäger und Sammler an der Küste gewohnt und dort gejagt haben. Also muss es an einem solchen Platz große Fischbestände gegeben haben, ausreichend Frischwasserzufuhr und die lokalen Gegebenheiten müssen für eine Fischjagd mit einfachen Methoden optimal gewesen sein. Mithilfe dieser historischen Daten können wir potenzielle Siedlungsgebiete geographisch eng eingrenzen",

sagt Jørgen Denker vom Wikingerschiffmuseum im dänischen Roskilde. Mehr als 2500 steinzeitliche Siedlungen in Dänemark sind mittlerweile bekannt, die durch den Anstieg des Meeressspiegels in den vergangen Jahrtausenden heute unter Wasser liegen. Der Archäologe vermutet jedoch, dass es weit über 20.000 alte Lagerstätten sind.

"Um die wirklich bedeutenden Siedlungen zu finden, machen wir erst ein topographisches Modell. Wir rekonstruieren die alte Küstenlinie und schauen, wo gute Siedlungsplätze gewesen sein könnten. Diesen Bereich scannen wir dann mit Sonarsystemen ab. Das Problem ist meist jedoch, dass die alten Siedlungen meterdick von Schlamm und Sedimenten bedeckt sind. Dann müssen wir ein Echolot benutzen, das tieffrequente Signale aussendet. Mithilfe dieser Methoden können wir praktisch alle steinzeitlichen Siedlungen aufspüren."

Eine ganze Handvoll neuer geophysikalischer Methoden sei in den vergangenen Jahren dazugekommen, fügt Jørgen Denker an. Nur so sei es möglich, Siedlungsreste zu finden, die von zehn Meter dickem Sediment bedeckt sind. Mithilfe solcher Methoden gelangen einige spektakuläre Funde, etwa der 7800 Jahre alte Fundort "Italinesvej", unmittelbar vor der Küste Kopenhagens.

"Dort haben wir die fantastischsten Feuersteingeräte gefunden, die jemals in Dänemark entdeckt wurden, zudem Knochen von riesigen Schwertfischen, Stören und Thunfischen. All diese Tiere gibt es heute bei uns nicht mehr, schon gar nicht drei Meter lange und über 300 Kilogramm schwere Exemplare. Wie haben die Menschen damals solche großen Fische erbeutet? Mit Haken, Netzen oder Speeren? Das würde ich schon gerne herausfinden."

Bevor eine solche Siedlung nach der Ausgrabung detailliert untersucht werden kann, eilen die Forscher meist schon zur nächsten Stätte.

"Die tiefste Siedlung, Gobense, befindet sich im Süden Dänemarks zwölf Meter tief und ist mit 9500 Jahren auch die älteste Fundstätte. Sie müssen sich einmal vorstellen, wie heftig damals der Anstieg des Meeresspiegels war – das Wasser stieg über zwölf Meter. Schaut man sich diese historische Katastrophe an, relativiert sich ein zukünftiger Anstieg des Meeresspiegels von einem Meter in den kommenden 100 Jahren doch etwas."

In dieser Hinsicht mache es für ihn keinen großen Unterschied, ob er in fünf oder sechs Metern Tiefe tauchen müsse. Schwieriger werde es aber in Tiefen von mehr als zehn Metern.

"In Dänemark haben wir heute die Möglichkeit auch in Wassertiefen von 30 oder 40 Metern steinzeitliche Siedlungen zu finden und auszugraben. Theoretisch können wir das stemmen, aber Tauchgänge in solchen Tiefen sind anstrengend, zeitlich begrenzt und extrem teuer."

Technische Begrenzungen gebe es kaum. Da viele Siedlungen aber von Erosion betroffen sind und die archäologischen Fundstücke im Laufe der Zeit immer fragiler werden, werden Jørgen Denker und seine Kollegen in Zukunft noch intensiver vor allem die vielversprechenden Plätze mithilfe des Sielungsmodells und modernem Gerät aufspüren. Nur so ist gewährleistet, dass die steinzeitlichen Hinterlassenschaften gefunden, dokumentiert und geborgen werden können, bevor das Meer sie für immer verschluckt.

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