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StartseiteSprechstundeMediziner untersuchen die Gesundheitsrisiken für Raumfahrer15.11.2016

Überleben auf dem MarsMediziner untersuchen die Gesundheitsrisiken für Raumfahrer

Muskelabbau, Sehschwierigkeiten oder die Taucherkrankheit: Die Liste der Gesundheitsrisiken von Raumfahrern ist lang. Trotzdem werden die Pläne für eine Mars-Mission immer konkreter. Eine medizinische Herausforderung, jedoch mit lösbaren Problemen, erklärte Wissenschaftsjournalist Lennart Pyritz im DLF.

Lennart Pyritz im Gespräch mit Christian Floto

Der Astronaut Dave Wolf arbeitet im Juli 2009 außerhalb der Internationalen Space Station im Weltall.   (picture alliance / dpa / NASA)
Die Schwerelosigkeit, der Raumfahrer ausgesetzt sind, hat negative Folgen für die Gesundheit. (picture alliance / dpa / NASA)
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Christian Floto: Herr Pyritz, welche Gesundheitsrisiken haben denn Raumfahrer bei den bereits laufenden Missionen, zum Beispiel auf der ISS?

Lennart Pyritz: Darüber habe ich mit Ulrich Limper gesprochen. Er ist Arzt und arbeitet am Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, kurz DLR, in Köln. Seit vielen Jahren wissen Weltraumphysiologen schon um Probleme mit Knochen- und Muskelabbau bei Raumfahrern. Das liegt an der Schwerelosigkeit. Dem begegnen Astronauten, indem sie im All regelmäßig trainieren und den Körper gezielt belasten.

Außerdem treten bei wochen- und monatelangen Missionen auf der ISS reversible Probleme mit den Augen auf: Der Augapfel ändert die Form, der Sehnerv schwillt an, und die Sehkraft verschlechtert sich. Was genau dahinter steckt, und ob die Schäden bei noch längeren Aufenthalten im Weltraum bleibend wären, das wissen die Experten noch nicht.

"Tauch- und Raumfahrtmedizin haben durchaus Parallelen"

Floto: Gibt es auch Probleme mit der Atemluft bei solchen Missionen?

Pyritz: Ja, ein weiteres Gesundheitsrisiko stellen unterschiedliche Atmosphären dar, also veränderte Druck- und Sauerstoffverhältnisse, denen Astronauten ausgesetzt sind. Ulrich Limper hat das so erklärt:

"Das sind zwei Hauptprobleme, die man vergleichen kann mit einerseits der Taucherkrankheit, der Dekompressionserkrankung, wie wir sie vom Tauchen kennen, und auf der anderen Seite mit der Erkrankung, die wir      vom Höhenbergsteigen kennen, der Höhenkrankheit.”

Pyritz: Die Höhenkrankheit wird durch abnehmenden Sauerstoff-Gehalt in der Atemluft ausgelöst. Das Problem gab es früher bei Spaceshuttle-Flügen, inzwischen nicht mehr. Bei der Taucherkrankheit bilden sich durch zu schnellen Druckabfall Gasblasen im Blut. Das Risiko besteht, wenn Astronauten zum Beispiel von einer Raumstation mit relativ hohem Druck für einen Außeneinsatz in einen Raumanzug mit relativ niedrigem Druck umsteigen.

Ich habe Ulrich Limper übrigens per Mobiltelefon auf einer Fortbildung der "Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin” erreicht. Das zeigt auch, dass Tauch- und Raumfahrtmedizin durchaus Parallelen haben.

"Kosmische Strahlung könnte Krebs verursachen"

Floto: Wie wird diesem Problem in der Praxis begegnet, zum Beispiel auf der ISS?

Pyritz: Vor so einem Außeneinsatz gibt es tatsächlich immer eine stundenlange Umgewöhnungsphase. Die hat Ulrich Limper so beschrieben:

"Wo dann der Druck langsam reduziert wird und auch reiner Sauerstoff vorgeatmet wird, um den Stickstoff aus dem Körper auszuwaschen, der dann hinterher zu dieser Taucherkrankheit führen könnte. Also das ist ein technisch anspruchsvolles Verfahren, was auch viel Zeit in Anspruch nimmt. Das ist auch der Grund, weshalb der Astronaut jetzt nicht einfach mal eben so die Raumstation verlassen kann.”

Floto: Die Pläne für eine Mars-Mission werden immer konkreter. Gerade haben Forscher auf Hawaii ein Jahr lang das Leben auf einer Mars-Station simuliert. Welche neuen Risiken für Raumfahrer sind bei solchen künftigen Missionen zu erwarten?

Pyritz: Da hat der Raumfahrtmediziner drei grundlegende Probleme aufgezählt. Erstens werden die Astronauten einer großen Dosis kosmischer Strahlung ausgesetzt sein, die Krebs verursachen und die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen könnte. Dadurch, dass so eine Mission voraussichtlich etwa drei Jahre dauern wird, hätten außerdem alle bereits bekannten, negativen Folgen der Schwerelosigkeit viel mehr Zeit, sich zu entfalten. Und drittens würden die Astronauten auf dem Mars auch mit sauerstoffärmeren Atmosphären auskommen müssen.

"Keine unlösbaren medizinischen Probleme"

Floto: Wieso das?

Pyritz: Das hängt mit diesem langen Prozedere vor Außeneinsätzen zusammen, über das wir eben gesprochen haben. Auf dem Mars möchte man erreichen, dass die Astronauten häufig und auch schnell ihr Habitat verlassen können, um auf der Marsoberfläche Arbeiten durchzuführen und zu forschen. Laut Ulrich Limper soll die Vorbereitungszeit darum auf 15 Minuten reduziert werden:

"Und das kann man nur, indem man nicht aus einer Normaldruck-Atmosphäre mit normalem Luftdruck in den Raumanzug umsteigt, sondern indem man sich in einer Atmosphäre aufhält, in der der Luftdruck chronisch reduziert ist. Und das beinhaltet auch, dass dadurch der Sauerstoffgehalt niedriger wird."

Pyritz: Studien weisen darauf hin, dass unter solchen Umständen der Muskelabbau bei den Raumfahrern noch stärker ausgeprägt ist. Dem müssten Mars-Besucher durch körperliches Training und eine spezielle Ernährung begegnen.

Floto: Nach Einschätzung der Experten: Wann wird die Medizin so weit sein, Menschen mit gutem Gewissen zum Mars zu schicken?

Pyritz: Es seien keine unlösbaren medizinischen Probleme auf dem Plan, hat Ulrich Limper gesagt. In ein paar Jahren und fortgesetzte Studien vorausgesetzt, sei man aus medizinischer Warte soweit, Menschen zum Mars zu schicken. Da seien eher technische Probleme dann noch ungelöst. Und der DLR-Wissenschaftler hat betont: Entscheidend sei vor allem auch die psychologische Komponente – also ein gut funktionierendes Team für so eine extrem belastende Mission auszuwählen.

 

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