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StartseiteEssay und DiskursWas ist eigentlich Geld?02.10.2016

Überlegungen zur Abschaffung des BargeldsWas ist eigentlich Geld?

Es ist offenbar ein unaufhaltsames Projekt des digitalen Kapitalismus: Das Bargeld wird abgeschafft. Es scheint, als ob höchstens Gangster im Film, Angeber oder Steuerhinterzieher in der Realität noch großes Bargeld mit sich herumtragen. Der Vorteil der Abschaffung des Bargeldes liegt auf der Hand: Niemand muss es zählen, reinigen, sortieren und schwer bewacht transportieren.

Von Markus Metz und Georg Seeßlen

Ein Mann trägt einen Koffer vor einem Hintergrund von Banknoten. (imago stock&people)
Der Vorteil der Abschaffung des Bargeldes liegt auf der Hand: Niemand muss es zählen, reinigen, sortieren und schwer bewacht transportieren. (imago stock&people)

Der Alltag wird bequemer, wenn wir statt mit Geld mit Plastikkarten, mit Handy-Codes oder mit Personenkennungen durch Computer-Scanner operieren. Schon wieder können die Banken teure Arbeit einsparen, ohne ihren Profit zu schmälern. Ändert sich Geld eigentlich, wenn es als Ding, als Schein, als Symbol – kurz als ein vorhandenes Mittel des Tausches nicht mehr existiert? Oder war Bargeld schon immer eine Illusion – zumindest seitdem es nicht mehr aus einem Edelmetall besteht, seit es keine Deckung mehr braucht?

Und seit es nicht einmal mehr die Produktivität einer Gesellschaft, einer Nation, einer Welt ausdrückt, sondern nur das, was es denen wert ist, die damit handeln? Was ist eigentlich Geld? Das ist eine jener Fragen, die jedes Kind beantworten kann – und an der jede ökonomische und philosophische Theorie zu scheitern droht. Der Essay will den Stand der Debatte am Vorabend der Abschaffung des real existierenden Geldes wiedergeben.


Was ist eigentlich Geld? Überlegungen am Vorabend der Abschaffung. Von Markus Metz und Georg Seeßlen.

Prolog.

"Dass Geld nicht glücklich macht, haben wir geahnt. Dass Geld-Sein unglücklich macht, ist ziemlich gewiss."

Aber was ist dieses Geld? Es scheint dazu verdammt zu sein, zu verschwinden. Dieses Geld, das in Sekundenbruchteilen in unglaublichen Mengen um die Erde eilt, durch Algorithmen statt durch Menschen bewegt - und das zugleich an allen Ecken fehlt.

Woher kommt das Geld?

Auf diese Frage gibt es sehr unterschiedliche Antworten. Eines kann man jedenfalls feststellen: Es gibt weder eine Gesellschaft ohne Geld, noch scheint es je eine gegeben zu haben, in der es nicht etwas unserem Geld Vergleichbares gegeben hätte. Die Frage ist nur, welchen Wert man ihm beigemessen hat.

Die einfachste Erklärung für die Entstehung des Geldes liegt in der Arbeitsteilung. Wenn einige Menschen Nahrungsmittel anbauen, andere aber Häuser bauen und wieder andere Arbeitsgeräte herstellen, dann ist recht schnell klar, dass der einfache Tausch Produkt gegen Produkt nicht lange hinreicht.

Geld jedenfalls entsteht auf der Basis von Schrift, Zahl und Übereinkunft

Eine arbeitsteilige Gesellschaft funktioniert also nicht, wenn nicht der eine dem anderen Kredit gewährt und dieser andere weiß, was er dem einen schuldig ist. Um ein Geben und Nehmen zu ermöglichen, das sich über einen gewissen Zeitraum erstreckt und weder einfacher Tausch noch ein System von Geschenk und Gegengeschenk ist, muss zunächst eine Form der Dokumentation entwickelt werden. Eine Schrift, die die Gegenstände bezeichnet, die man sich gegenseitig in Rechnung stellt, und ein Zahlensystem, das diese Rechnungsstellung nützlich und gerecht macht. Ein Haus ist soundsoviel Stück Vieh wert und ein Stück Vieh ist soundsoviel Krüge Wein wert. Je komplizierter die Tauschverfahren werden und je vielfältiger die hergestellten Dinge oder die geleisteten Dienste, desto sinnvoller erscheint es, Zwischenobjekte zu verwenden - Dinge, die weder der Häuserbauer noch der Nahrungsmittellieferant unmittelbar braucht, von dessen Wert aber beide überzeugt sind. Etwas Seltenes, Schönes, Dauerhaftes.

Geld jedenfalls entsteht offenbar auf der Basis von Schrift, Zahl und Übereinkunft. Geld ist schließlich erst dann sinnvoll einzusetzen, wenn mindestens drei Gebote mehrheitlich eingehalten werden:

Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis geben.

Euro-Geldscheine, Schmuck und südafrikanische Münzen liegen auf einem Haufen. (dpa/ picture alliance / Markus Scholz)Euro-Geldscheine, Schmuck und südafrikanische Münzen für eine Auktion. (dpa/ picture alliance / Markus Scholz)

Ohne Geld keine Zivilisation. Geld funktioniert nicht ohne Gesetz und Geld funktioniert nicht ohne Logik. Geld ist ein Kommunikationsmittel, mit dem man sich auf der einen Seite über den Wert bestimmter Dinge im Verhältnis zueinander einigt, auf der anderen Seite aber auch ein Mittel, eine Ordnung zu errichten. Denn gleichgültig, was man nun gerade als Geld benutzt, irgendetwas oder irgendjemand muss dafür garantieren, dass das Tauschmittel oder das Zwischenprodukt einen verbindlichen Wert hat. Natürlich waren es ursprünglich die Götter, die diesen Pakt der Wertbestimmung überwachten. Dann waren es die Priester, die auf eine zweifache Weise prädestiniert schienen, die Vorformen der modernen Finanzwirtschaft zu schaffen. Einerseits, weil sie selbst im klassischen Sinne nicht produktiv wirken und daher auf Unterstützung durch die anderen angewiesen sind. Andererseits weil sie als erste eine sehr einfache, allerdings folgenschwere Gleichung aufmachen konnten, nämlich die von Schuld und Schulden.

Gegen eine Ökonomisierung von Schuld und Sühne

Damit sind wir bei der zweiten Erzählung zur Entstehung des Geldes. Der von Sühne und Opfer. In nahezu allen Religionen dieser Welt gilt das Opfer als probates Mittel, die Götter gnädig zu stimmen. Aber auch ein innerweltlicher Ausgleich von Missetat und Sühne lässt sich mit Geld herstellen. Das Gericht kann dann verlangen, dass der Mensch, dem das Unrecht zugefügt wurde, durch eine Entschädigung versöhnt und damit davon abgehalten wird, das Gesetz der Blutrache anzuwenden. Geld in der Justiz führt zu mehr Gerechtigkeit, weil nun sehr genau gemessen werden kann, welchen Wert die Gesellschaft einem Vergehen beimisst. Natürlich kann Geld auch zu mehr Ungerechtigkeit führen, wenn sich etwa ein reicher Mensch direkt oder indirekt von einer drakonischen Strafe freikaufen kann.

Parallel zum weltlichen Recht gilt es also, die Götter gnädig zu stimmen, welche die Missetat sehr wohl bemerkt haben. Im Zweifelsfall gilt es dann, einen Ablasszettel zu erwerben, auf dem akribisch vermerkt ist, wie viel Zeit des Fegefeuers dieser einem erspart. So einfach wäre das, wenn nicht in allen Religionen auch immer wieder Menschen auftauchen würden, die gegen eine solche Ökonomisierung von Schuld und Sühne wettern, die Geldwechsler mitsamt ihrer Bank aus dem Tempel jagen und den Ablasshandel als Frevel an Gottes Willen und schamlose Bereicherung der Kirche anprangern. Religionen können durch Geld mächtig werden; Religionen können aber auch am Geld zugrunde gehen.

Nach der ökonomischen und der religiösen entwickelt sich die politische Erzählung von der Entstehung des Geldes. Auch die lässt sich in eine sehr einfache Form bringen: Es ist die Erzählung vom Tribut. Woraus entstand, was uns noch heute bedrückt: die Steuer.

Ein Fürst oder ein Staat kann kein Geld machen

Ursprünglich, so lautet das Kernstück dieser Erzählung, verlangten die Herrscher - die Könige, Fürsten und Grundbesitzer - von ihren Untertanen, Leibeigenen oder Bauern einen Tribut in Form eines Anteils an der Ernte, dazu vielleicht Dienstleistungen. Aber der Zehnte, den der Lehnsherr verlangen konnte, machte auch ihn abhängig von der Ernte, von Natur und Geschichte, wie sie über sein Land zogen. Um diese Abhängigkeit zu überwinden, musste man eine Form von Tribut finden, die unabhängig vom Augenblick war, die das Risiko einer schlechten Ernte, einer kriegerischen Verwüstung, einer nachlassenden Arbeitskraft ganz auf den Tributpflichtigen abwälzte. Wenn die Abgabe, aus der später die Steuer wird, in der Form von Geld erhoben wird, macht sich der Herr, der Fürst, der Staat et cetera über die Produktivkraft seines Volkes her, ohne deren Schwankungen unterworfen zu sein.

Deutsche Geldmünzen werden auf eine Tischplatte geschüttet.  (imago / Birgit Koch)Geldmünzen (imago / Birgit Koch)

Doch wenn der Fürst von seinen Bauern Geld anstatt Naturalien verlangt, muss er sie vorher auf den Markt drängen. Der Fürst oder dann der Staat kann das Geld in seinem Land zwar verteilen - und er wird es zu seinen Gunsten und zugunsten seiner Schützlinge tun. Aber er kann das Geld nicht beliebig vermehren. Ein Fürst oder ein Staat kann kein Geld machen, er kann nur alles dafür tun, dass es seine Untertanen für ihn machen. So entsteht eine prekäre Allianz zwischen Politik und Ökonomie, die bis heute nichts von ihrer Spannung verloren hat. Das Geld drückt in diesem Modell die Arbeitskraft eines Volkes aus, den Fleiß der vielen, wie Immanuel Kant meint, der gerecht und vernünftig belohnt werden soll. Der Wert des Geldes und seine politische Garantie definieren Handelsräume. Tauschverkehr - anstelle des Raubzuges - war nur zwischen Völkern möglich, die auf gleiche oder miteinander kompatible Art zu schreiben und zu rechnen verstanden und die eine verwandte Praxis von Geld hatten. Denn nun drückt Geld auch das Vertrauen zwischen Staaten aus; oder aber die Macht, wie man es will.

Um so bedeutender wurde eine allgemeine Abstraktion.

"Als die gegenseitige Hilfestellung immer mehr fremdbezogen geworden war dadurch, dass man einführte, woran man Mangel hatte, und ausführte, woran es einen Überschuss gab, da wurde notwendigerweise der Geldverkehr geschaffen. Denn nicht jedes der naturnotwendigen Güter ist leicht zu befördern. Deshalb traf man mit Rücksicht auf das Tauschen eine derartige Übereinkunft, einander zu geben und zu nehmen, was selber als natürliches Ding im Hinblick auf das Leben über gut handhabbaren Nutzen verfügte, wie etwa Eisen und Silber und falls sonst noch derartiges zur Verfügung war, wobei man es zunächst allgemein nach Größe und Gewicht bemaß, schließlich und endlich aber ein Prägezeichen darauf drückte, damit eben dieses Zeichen die Leute von der Bemessung freistellte. Denn das Prägezeichen wurde als Zeichen der Quantität eingesetzt. Als das Geld eingeführt worden war, kam es zu einer weiteren Art des Kapitalerwerbswesens, zum Handelswesen, das sich vorerst wohl recht einfach entwickelte, dann aber durch die Erfahrung bereits kunstvoller dahingehend, woher und wie man im Handelstausch den größten Gewinn erzielen würde."

Aufstiegschance und Abstiegssorge

Das schreibt Aristoteles im "Ersten Buch" von "Politik". Die Bedeutung von Geld wächst und verändert sich also mit den Handelsbeziehungen, die in gewisser Weise schon sehr früh global werden.

Möglicherweise gelangen wir auf diese Weise zu einer vierten Erzählung vom Geld, nämlich die von der Befreiung des Subjekts. Die einzige Gesellschaft, in der Geld keine allzu große Rolle spielt, ist die der Sklavenhalter. Wer die Arbeit durch Sklaven verrichten lassen kann, kann deren Anzahl auch als Wertmaßstab, ja sogar als Tauschmittel benutzen. Die schrittweise Befreiung der Sklaven ist nur möglich, weil es Geld gibt. Ihre Umwandlung in das, was die Marxisten den Lohnsklaven nennen, findet statt. Die Umwandlung in einen Menschen, dem gar keine andere Wahl bleibt, als furchtbare Arbeitsbedingungen, Ausbeutung und Leid sozusagen freiwillig zu erdulden. So führt der Beginn der Industrialisierung und des zwanghaften Wachstums zu Geld, das dem einen zu wenig und dem anderen zu viel gegeben ist. Geld aber auch, das mit jeder noch so kleinen Zunahme einen Schritt der persönlichen Befreiung verspricht.

Die große Versprechung des Kapitalismus mit menschlichem Antlitz war es, dass der Fabrikherr sein Zuviel an Geld immer auch dazu verwendet, das Los derer, die am Zuwenig leiden, zu mildern. So drückt sich in Geld in den guten Zeiten die Aufstiegschance aus, in den schlechten dagegen vor allem die Abstiegssorge. Das Geld des Fabrikherren aber will sich vor allem vermehren. Es ist also nicht allein Platzhalter in einem unabgeschlossenen Tauschverfahren, sondern eine Wette auf die Zukunft. Aus dem Geld ist Kapital geworden. Und dieses Kapital wird die Grundlage eines weltweiten Systems von Wirtschaft und Politik.

Geld ist auch Mittel für Zerstörung

Aber so weit sind wir noch nicht. Die fünfte Geschichte von der Entstehung des Geldes handelt vom Krieg. Und auch sie lässt sich als sehr einfache Fabel wiedergeben. Nehmen wir an, die ursprüngliche Form des Krieges war der Raubzug. Die einen nehmen sich mit Gewalt, was die anderen haben. Doch die setzen sich zur Wehr. Mit Geld lässt sich eine Kriegsmaschine herstellen, die der der anderen überlegen ist, aber zur gleichen Zeit lässt sich auch das Kriegsziel umwandeln. Statt mühsam Nahrungsmittel zu rauben, Schätze zu plündern und Menschen zu entführen, könnte man von den Unterlegenen ja einfach Geld verlangen. Kriege werden durch Geld geführt. Kriege werden mit Geld geführt. Und Kriege werden für Geld geführt. Geld ist also nicht nur Wertermittlung und Tauschmittel für die Produktion, sondern auch für die Zerstörung.

Der Wechselkurse vom Britischen Pfund zum US Dollar, beim Tausch von 100-Dollar-Scheinen (oben), und zum Euro, beim Tausch von 100- oder 200-Euro-Scheinen, wird am 24.06.2016 in London, Großbritannien, angezeigt. (dpa / picture alliance / Miachel Kappeler)Der Wechselkurse vom Britischen Pfund zum US Dollar (dpa / picture alliance / Miachel Kappeler)

Geld ist offensichtlich ein Wesensbestandteil des Menschen und seiner Zivilisationsgeschichte. Das heißt freilich auch, dass Geld im Laufe seiner Geschichte Funktionen und Erscheinungen wechselt. Und es heißt, dass Geld nicht gleich Geld ist. Zunächst einmal gibt es sehr viele Materialien und Symbole, die Geld werden können. Das hat schon Adam Smith formuliert, einer der Begründer der Nationalökonomie. Freilich macht Adam Smith noch keinen Unterschied zwischen einem Zwischenprodukt wie dem Vieh und einer reinen Abstraktion. Damit muss er noch nicht die später entscheidende Frage stellen, ob Geld nur ein reines Tauschmittel oder doch auch selber ein Produkt sei.

Das innere Wesen des Geldes

Damit Geld als Tauschmittel, als Platzhalter für einen gewährten Kredit, als soziale Technik zur Verteilung der gemeinschaftlichen Produktion und so weiter überhaupt funktionieren kann, bedarf es dreier Voraussetzungen:

Einer objektiven Berechnungsgrundlage. Jede Währung wird in Maßeinheiten zerlegt; jede Währung tritt in ein Werteverhältnis mit einer anderen.

Instanzen, die über den Wert wie über die Regeln des Tausches wachen und das Zahlungsmittel letztlich garantieren.

Einer allgemeinen Übereinkunft, sozusagen dem gemeinsamen Glauben an das Geld, der immer wieder erneuert wird.

Welche der drei Bedingungen jeweils für die Wertermittlung im Vordergrund steht, ist sicher Wandlungen unterzogen.

Ein völliges Verschwinden des einen oder des anderen aber kann man sich ohne verheerende Folgen auf längere Sicht nicht vorstellen.

Das Geld, so mag es eine positive Philosophie darstellen, mildert alle diese gefährlichen Impulse ab, weil es, wie Georg Simmel in seiner Philosophie des Geldes schreibt, auch zur größten Metapher menschlicher Verbundenheit wird:

"Indem der Grundzug aller erkennbaren Existenz, das Aufeinander‑Angewiesensein und die Wechselwirkung alles Daseienden den ökonomischen Wert aufnimmt und seiner Materie dieses Lebensprinzips erteilt, wird erst das innere Wesen des Geldes verständlich. Denn in ihm hat der Wert der Dinge, als ihre wirtschaftliche Wechselwirkung verstanden, seinen reinsten Ausdruck und Gipfel gefunden."

Deshalb nennt Simmel das Geld auch ein "Sondergebilde". Es ist selbst mit nichts zu vergleichen, während es alles mit allem vergleicht. Und es ist schließlich die Vergleichbarkeit, die wiederum aus der Verbundenheit die Konkurrenz erzeugt.

Geld vor allem ein Instrument des Staates

Im Kleinen wie im Großen: Das Geld, das der Staat braucht, muss der Wirtschaft entzogen werden. Daher verlangen wir vom Staat, dass er uns gegen Betrug, Ausbeutung und Monopolismus schützt. Der Staat aber entzieht auch den kleinen Leuten das Geld. Was könnte dagegen helfen, dass schon innerhalb einer Gesellschaft beziehungsweise eines Staates das Geld vorrangig dazu dient, sich gegenseitig in den Ruin zu treiben?

Man könnte es mit der Vernunft versuchen. Und so versuchte der aufgeklärte Absolutismus auch, dieses Verhältnis in eine vernünftige Form zu bringen.

Der französische Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy auf einer gefälschten Banknote. (picture alliance / dpa / Foto: Maxppp)Symbolbild für Korruption in Frankreich: Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy auf einer gefälschten Banknote. (picture alliance / dpa / Foto: Maxppp)

Freilich führte das dazu, dass für lange Zeit das Geld vor allem als ein Instrument des Staates gesehen wurde, ähnlich dem Zoll- und Passwesen. Damit wurde die Macht des Geldes in vielen Theorien zweifach unterschätzt. Zum einen, weil man dem Geld unterstellte, es sei ein durch und durch vernünftiges Instrument ohne Eigenleben und ohne Transzendenz, das immer so gut und so schlecht sei, wie die Hände, die es regulieren. Zum anderen, weil es als ein Instrument unter anderen sich darstellte, das man jederzeit auch auswechseln oder abschaffen könne, zum Beispiel durch staatliche Gewalt. Dem hielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein literarisch ambitionierter Bankier, der sich Argentarius nannte, in seinem programmatischen Text "Vom Gelde" entgegen:

"Im wirtschaftlichen Verkehr wird stets und ausnahmslos die eine gegen die andere Leistung getauscht. Dabei aber besteht nur die eine Leistung in der Gegenwart. Die andere erfolgt in der Zukunft. Bis zu diesem künftigen Zeitpunkt besteht ein Anspruch der einen Partei (des Verkäufers) auf die noch ausstehende Gegenleistung der anderen Partei (des Käufers). Dieser Anspruch wird durch ein Verkehrsinstrument gesichert, das man Geld nennt. Das Geld tritt - gleichviel ob als Pfand oder als Anweisung - provisorisch an die Stelle der noch ausstehenden Gegenleistung. Es wird daher meist selbst als Gegenleistung angesehen."

Geld ist auch eine Verpflichtung des Souveräns gegenüber seiner Gesellschaft

Man könnte das Geld also zunächst sehr einfach als Pfand in einem Tauschverkehr ansehen. Das Pfand wird eher eine "Anweisung", eine "Berechtigung". Wer eine Summe Geldes hat, hat ein Anrecht auf mehr oder weniger frei wählbare andere Teile der Produktion. Und am einfachsten ist dieser Vorgang zu organisieren, wenn man einen Markt abhält. Durch das Geld wird aus einer arbeitsteiligen Gesellschaft eine Marktgesellschaft, wenn es nicht nur ein Unterpfand in einem Tauschgeschäft darstellt, wie vielleicht in früheren Gesellschaften, sondern ein möglichst frei und universal anwendbares Anrecht verkörpert. Der Fürst oder der Souverän kann dieses Anrecht nicht als Instrument allein gebrauchen, sondern muss dafür sorgen, dass das Anrecht von niemandem infrage gestellt oder gefälscht wird.

Das bedeutet: Anders noch als in den Geld-Theorien des 17. Jahrhunderts ist Geld nicht allein eine Verpflichtung der Untertanen gegenüber ihrem Herrn, sondern bedeutet auch eine Verpflichtung des Souveräns gegenüber seiner Gesellschaft. Die Geldmenge ist also auf der einen Seite begrenzt durch die Fähigkeit des Souveräns, den darin enthaltenen Anspruch zu legalisieren und zu garantieren. Und sie ist andererseits begrenzt durch die Fähigkeit der wirtschaftenden Menschen, Produkte auf den Markt zu bringen. Zum dritten schließlich ist sie in Zeit und Raum begrenzt durch die Fähigkeiten der Vermittler, der Händler und Transporteure, die diese indirekten Tauschvorgänge organisieren. Kein Wunder also, dass man dem Geld gleichsam ein Eigenleben zuschreibt, so direkt und sensibel wie es auf seine Bedingungen reagiert.

Ist der Einfluss von einer Seite zu groß, der des Souveräns, der des Staates oder der Regierung, der der Marktorganisation oder Produktion, gibt es zu viel oder zu wenig Geld, erzeugt das nicht nur ökonomische, sondern auch politische und soziale Krisen.

Das Geld hat eine verhängnisvolle Eigenschaft

Gesellschaften erzeugen nämlich mit schöner Regelmäßigkeit genau das, was Aristoteles die Degenerationen des Geldes nannte. Und das in weltlicher, in religiöser und schließlich auch in ökonomischer Hinsicht. Da gab es Fürsten, die ihrem Volk das Geld abpressten, um Kriege zu führen, Schlösser zu bauen und Luxus zu treiben; da gab es Kirchen, die sich bereicherten und ihre Macht erhöhten, indem sie auf die alte Gleichung von Schuld und Schulden zurückgriffen und Ablasszettel verkauften. Und es gab die Hungersnöte, die zu Teuerungen führten und umgekehrt, Teuerungen, die ganze Regionen unter Auswanderungsdruck stellten, was wiederum zu einem Überangebot an Arbeitskräften anderswo führte.

Eine Hand nimmt Geld aus einem Geldautomaten. (dpa/picture alliance/epa Peter Hudec)Geld abheben (dpa/picture alliance/epa Peter Hudec)

Wie immer wir die Funktion von Geld beschreiben, seine politischen, ökonomischen und kulturellen Kontrollorgane verstehen, simple oder hochkomplizierte Theorien über das Wesen und das Funktionieren von Geld entwickeln: Das Geld hat eine verhängnisvolle, man könnte wohl sagen fast metaphysische Eigenschaft. Es kann nicht verschwinden. Anders als ein Vertrag, den man, wenn er erfüllt ist, als erledigt ansehen kann, anders als ein normaler Platzhalter, ein Pfand zum Beispiel, das man hinterlegt hat, und nach Begleichung der Schuld wieder zurückerhält, kann es von einer Transaktion nur zur nächsten gehen.

Die Zivilisation ist abhängig davon, dass sich Geld entwickelt und Staat, Gesellschaft, Hausgemeinschaft und Einzelwesen miteinander in Verbindung bringt. Sie ist aber genau so abhängig davon, dass sie das verhängnisvolle Eigenleben, das Degenerieren und Wuchern von Geld unter Kontrolle bringt. Seit es soziale und philosophische Theorien vom Geld gibt, gibt es auch eine apokalyptische Vision von Kulturen, Nationen oder Welten, die durch das Geld zugrunde gehen.

Geld ist nie genug da

Was macht das Geld mit uns? Natürlich haben die Menschen, wie anfangs skizziert, das Geld auf verschiedene Weise entwickelt. Religion, Politik, Kultur, Ökonomie und Alltagsleben, alle hatten ihren Anteil daran. Nun hat aber auch, wie es scheint, das Geld den Menschen, so wie wir ihn kennen, mit entwickelt. Ein Teil der Seele des Menschen, das wissen nicht nur vergleichsweise drastische Märchen von Teufelspakten und versteinerten Herzen, ist geldförmig. Ein Teil seiner Kultur ist geldförmig. Geld hat den Menschen gesellschaftsförmig gemacht.

Das heißt nicht nur, dass wir durch Geld auf verschiedene Weise alle voneinander abhängig sind, sondern es bedeutet vielmehr auch, dass alles Geld, das vorhanden ist, eine Forderung an die Allgemeinheit ist, die es entweder irgendwann zu erfüllen gilt, oder die sich von Generation zu Generation fortsetzt.

Man kann also sagen: Je mehr Geld in Umlauf ist, desto mehr betrifft es mich auch. Ob ich es nun habe oder nicht habe, verdiene oder schuldig bin. Wenn es nämlich stimmt, dass wir durch das Geld alle voneinander abhängig sind dann genügt es nicht, die Frage nur sich selbst zu stellen: Wann ist Geld genug da?

Die Antwort lautet natürlich: nie. Aber das liegt ganz offensichtlich nicht allein an menschlichen Untugenden wie Gier, Konkurrenz, Neid und Geiz, sondern es liegt in der Natur des Geldes selber. Geld ist das Medium eines unabgeschlossenen Tauschvorgangs. Unabgeschlossene Tauschvorgänge erzeugen mehr Geld und mehr Geld erzeugt mehr unabgeschlossene Tauschvorgänge. Das führt sehr rasch, auch jenseits der Investitions- und Renditezyklen, in eine Wachstumsfalle.

Nach landläufiger Meinung müsste die Geldmenge eben der Menge der produzierten Güter entsprechen. Demnach müsste, wenn viel produziert würde, auch viel Geld in Umlauf sein. Und wenn mehr produziert (und konsumiert) wird, dann müsste auch mehr Geld in Umlauf gebracht werden.

Geld kommt nicht zur Ruhe

Das Geld drückt einen nicht abschließbaren Vorgang von Tauschprozessen aus - halb vollzogene Tauschakte, die aber nie vollendet werden können, solange Geld im Spiel ist. Nur, wie gesagt: Geld kann nicht verschwinden. Je mehr Geld also im Umlauf ist, desto mehr unabgeschlossene Prozeduren finden statt. Geld arbeitet immer und selbst wenn man es verbrennt, ersteht es an anderer Stelle in gespensterhafter Form wieder neu.

Deshalb ist, um die Analogie von Georg Simmel noch einmal aufzunehmen, der Mensch in einer Geldgesellschaft nicht nur verbunden und sich seiner Verbundenheit bewusst, sondern er ist sich auch der Unabgeschlossenheit und, gewiss, der Unabschließbarkeit seines tätigen Lebens bewusst. Da Geld nicht zur Ruhe kommen kann, kann auch der Mensch nicht zur Ruhe kommen.

Wenn das Geld irgendwo festgehalten wird, etwa im legendären Geldspeicher eines Dagobert Duck, verlagern sich die unabgeschlossenen Tauschprozesse noch weiter in die Zukunft. Wenn es zu rasch zirkuliert, dann holt es umgekehrt die Zukunft schon wieder ein und frisst als Gewinn schon die möglichen realen Entwicklungen, sodass ebenso nur eines wirklich steigt und steigt: die Schulden.

Kurzum: Die Vermehrung des Geldes ist ein Segen für wenige und ein Verhängnis für den Rest der Menschen. Auch dieses Problem war schon zu Zeiten des Aristoteles bekannt. Er hatte freilich ein einfaches Mittel für die Begrenzung der Geldmenge anzubieten: das Glück.

Für Aristoteles kann Geld nichts anderes sein als ein Mittel, das richtige, das glückliche Leben zu leben. Die Geldmenge wird daher beschränkt durch das "richtige Leben" und was das richtige Leben ist, dafür sorgt eine Philosophie des Glücks.

Die Zeiten, da jemand auf Philosophen des Glücks gehört hat, sind lange vorbei. Anfang der 1970er-Jahre wurden zwei wichtige Instrumente der Geldkontrolle abgeschafft. Die Bindung des Dollars an die amerikanischen Goldreserven und die durch eine internationale Vereinbarung festgelegten Wechselkurse.

ILLUSTRATION - Ein Eurozeichen spiegelt sich am 08.01.2014 in Frankfurt am Main (Hessen) im Auge einer Frau (Aufnahme gespiegelt). Foto: Daniel Reinhardt/dpa (dpa/Daniel Reinhardt)Ein Eurozeichen spiegelt sich im Auge einer Frau (dpa/Daniel Reinhardt)

Der Wert des Geldes sollte nun allein durch den Markt bestimmt sein und das heißt auch, dass so viel Geld erzeugt wird, wie der Markt hergibt. Wie sehr damit das Geld auch im alltäglichen Gebrauch seinen Charakter ändert, ahnte man damals kaum. Erst über die Jahrzehnte hinweg offenbarte sich das neue Geld als höchst instabil und willkürlich. Die unabgeschlossenen Tauschprozesse beschleunigten sich rasant und einige schwerwiegende Krisen später hatte das klassische Geld etliche seiner ursprünglichen Funktionen eingebüßt. Es taugt weder mehr als verlässliches Tauschmittel, denn auf dem Markt kann man Schulden und Kredite so rasch verkaufen wie andere Formen des Anteils an Produktion und Konsum, noch ist es länger ein Mittel zur Aufbewahrung von Forderungen an die Allgemeinheit.

Das fiktionale Geld ist nur an sich selbst gebunden

Das Dümmste, was man nun mit Geld machen kann, ist, es einfach zu haben. Obwohl das jahrhundertelang das Ziel von Fleiß und Betrug gewesen war. Die einzige Art, Geld am Leben zu erhalten, seinen Wert gegen den deutlich sichtbaren Zusammenbruch der klassischen Wertbestimmungen zu erhalten, ist, seine Umlaufgeschwindigkeit zu erhöhen und dabei zugleich natürlich auch seine Menge. Das neue, das fiktionale Geld ist an nichts gebunden außer an sich selbst, weder an den Kantschen Fleiß noch an die Produktivität, weder an ein Material noch an eine Garantieautorität, vom Aristotelischen Glück und richtigen Leben ganz zu schweigen.

Und dies ist das Verhängnis des, wie man so sagt, entfesselten Geldes, nämlich dass es einige immer reicher macht, die Allgemeinheit aber immer ärmer. Die Allgemeinheit kann die Forderungen, die in Form von Geld an sie existieren, nicht mehr erfüllen - selbst beim besten Willen, selbst unter den Bedingungen von alternativlosen Sparzwängen und einer immer weiteren Verteilung der Lebensrisiken nach unten.

Die neueste Erzählung vom Geld, keine sehr angenehme, wie man weiß, ist die von der Schere, die immer weiter aufgeht zwischen denen, die zu viel davon haben und jenen, die zu wenig davon haben. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, denn das viele Geld auf der einen Seite ist paradoxerweise nichts anderes als ein Anspruch an die Arbeitskraft und die Kreativität derer, die wenig davon haben. Oder an die Zukunft. Wenn man sich wundert, warum die Menschen im ersten Viertel des neuen Jahrhunderts so angelegentlich, ja manisch von Geld sprechen, dann behaupten die Zyniker, dies geschehe eben aus der Gier in der Phase des deregulierten und degenerierten Geldes. Die Melancholiker aber werden antworten: Nein, es geschieht aus Angst.

Der Mensch ist Geld

Was ist dieses Geld, das nur noch auf sich selbst bezogen ist? Kein Wertmaßstab, kein Anspruch, kein Tauschmittel, das durch keinen Text, keine Autorität und bald auch durch keine Übereinkunft mehr garantiert ist? Dieses Geld, in seiner alten Form von Münzen und Banknoten, das dazu verdammt zu sein scheint zu verschwinden. Dieses Geld, das, durch Algorithmen statt durch Menschen bewegt, in Sekundenbruchteilen in unglaublichen Mengen um die Erde eilt - und zugleich an allen Ecken fehlt.

Was macht dieser rasende Transformationsprozess des Geldes mit uns? Der Mensch, der kein Bargeld mehr haben kann, sondern nur noch über einen jederzeit und jeden Orts abrufbaren Kontostand verfügt - von allen erdenklichen Instanzen überprüfbar? Der Mensch, der den Marktwert seiner Arbeit in den Marktwert seiner Konsumwünsche verwandelt - dieser Mensch hat kein Geld mehr. Dieser Mensch ist Geld. Er ist, genauer gesagt, immer zu wenig Geld.

Was für ein unglücklicher Mensch, welch unrichtiges Leben, meint Aristoteles oder einer seiner Nachfahren und wandert kopfschüttelnd zum Meer hinunter. Als er in Sichtweite der Küste kommt, erfassen ihn die Sensoren, und es werden ihm für dieses bescheidene Vergnügen hundert Realien vom Konto abgebucht.

Dass Geld nicht glücklich macht, haben wir geahnt. Dass Geld-Sein unglücklich macht, ist ziemlich gewiss.

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