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StartseiteKultur heuteÜberraschend Persönliches in der schützenden Hülle der Albernheit18.06.2011

Überraschend Persönliches in der schützenden Hülle der Albernheit

René Polleschs neues Stück an der Berliner Volksbühne

Die Berliner Volksbühne inszeniert René Polleschs neues Stück "Die Kunst war viel populärer, als ihr noch keine Künstler wart! Ist das lang." Und zeigt in herrlich-altmodische Dekor, wie Steggreifkompetenz wichtiger wird als langes Arbeiten an sich selbst.

Von Eberhard Spreng

In Polleschs neuem Stück geht es um mehr als nur um die Frage des Künstlertums, seiner Professionalisierung und Popularität. (Stock.XCHNG)
In Polleschs neuem Stück geht es um mehr als nur um die Frage des Künstlertums, seiner Professionalisierung und Popularität. (Stock.XCHNG)

Da reagiert ein junger Mann auf einen Aushang auf dem steht, dass eine Kegelbahn einen Kegelaufsteller sucht und findet sich unversehens in einem Opernhaus wieder, in dem man ihm sagt, dass man einen Opersänger sucht und dass das mit dem Kegelaufsteller nur ein Vorwand war. In diese etwas kalauerhafte Anekdote hat René Pollesch eine der Denkfiguren seines neuen Theaterabends verpackt: Lang erworbene Kompetenzen zählen in großen Teilen unserer New Economy nicht mehr, sondern eher spontane Performance in immer neuen Jobs. Steggreifkompetenz ist wichtiger als langes Arbeiten an sich selbst. Und so sind es drei in schicke lange Roben gewandete Diven, die einem Mr. Reed gegenüber beklagen, dass Attraktivität allgemein mehr zählt, als das mühsam erworbene Singen-Können.

Ein herrlich-altmodisches Operndekor ist die optische Einfassung zu Polleschs Meditation: Ein Prospekt mit einer ziemlich kitschigen Burg hängt vom Schnürboden herab. Als hätte sich die Bühnenmaschinerie selbstständig gemacht, wechselt es immer wieder unversehens mit einem Hintergrund auf dem ein Kino mit der Aufschrift "Rocky two" zu sehen ist und einem anderen mit der in schlichten großen Lettern geschriebenen Aufforderung: "Don't look back". Und doch ist es genau das, was Marlen Diekhoff, Christine Groß und Catrin Striebeck immer wieder tun, wenn sie beklagen, dass sie schon andere Zeiten erlebt haben als eben die, in der ihr mühsam erworbenes Können nichts mehr wert sein soll.

Man verheddert sich in den rauf und runter fahrenden Prospekten, man wälzt sich in Körperknäueln übereinander, man rennt wie wild um die rot gepolsterten Stühle auf der Vorderbühne herum, vor denen Notenständer aufgebaut sind. Polleschs Theater macht das Burleske, Alberne, ja Absurd-Groteske zur Begleitung für Reflexionen über Sein und Schein, Körper und Wahrnehmung. Die Schauspieler haben hier jeden Naturalismus hinter sich gelassen, jede Psychologie. Äußerlich spielt sich ihre Geschichte im amerikanischen Showbiz ab, wo geheuert und gefeuert wird und die Akteure verzweifelt gegen den Verfall ihres Marktpreises kämpfen. Dann aber reflektiert Silvia Rieger im Glitzerkostüm über die verborgene Wahrheit des Körpers, über das, was hinter allen Kulissen, Täuschungen und Verblendungen und hinter der Welt der Vorstellungen ein ungelöstes Rätsel bleiben muss: Was ist der Körper in seiner ewigen Stofflichkeit, was Empfinden, was Narkose, was Schmerz. Und Marc Hosemann, der mit fulminant sportlichem Elan auftritt und zusätzlich Texte des erkrankten Volker Spengler übernommen hat, brüllt die Botschaft von der Sterblichkeit der Zeichensysteme und der Unendlichkeit des Stofflichen in das amüsierte, staunende Publikum:

"Denkt immer daran, dass der Schmerz der nicht chloroformiert werden kann, immer da ist, immer in den Körpern ist, immer ... und nicht als Text, nicht als das Wort, nein, als dessen Ewigkeit. Ich bin die Ewigkeit."

Pollesch, dessen Inszenierung auch phasenweise melancholische Züge trägt, spricht vom Schmerz des Körpers angesichts der Tatsache, dass er nie im Anderen, in der Sprache, in der Verständigung oder einem Sinn Erlösung finden kann. Das Theater, der Ort an dem für Pollesch "alle Materie einem Sinn zugeführt wird" ist für ihn paradoxerweise der Ort, an dem wir auf immer von der tiefen Wahrheit unserer Körper getrennt bleiben. Bis hin zu Reflexionen über das Kind am Sterbebett der Mutter führt der neue Text des Diskurstheatermachers, der die programmatische These des Titels nicht unbedingt einlöst. Es geht um mehr als nur um die Frage des Künstlertums, seiner Professionalisierung und Popularität. Es ist ein Manifest des Schmerzes als einer Grundgröße allen Daseins. Pollesch ist überraschend persönlich aber noch ist all das in der schützenden Hülle der Albernheit verpackt.

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