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StartseiteTag für TagAls Islamgelehrte noch selbst Koran-Exemplare verbrannten28.10.2015

ÜbersetzungswissenschaftAls Islamgelehrte noch selbst Koran-Exemplare verbrannten

Koran-Übersetzungen galten Muslimen lange als verpönt. Selbst heute tun sich manche noch schwer damit. Sie sprechen lieber vom "Koran in seiner ungefähren Bedeutung" - etwa auf Deutsch. Vor gar nicht langer Zeit führte diese Skepsis noch bis zu öffentlichen Bücherverbrennungen, wie der Islamwissenschaftler Stefan Wild erklärt.

Von Thorsten Gerald Schneiders

Koran und Gebetskette (dpa / picture alliance / Roos Koole)
Koran und Gebetskette (dpa / picture alliance / Roos Koole)
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Noch vor einigen Jahrzehnten ließ die einst angesehenste Einrichtung des sunnitischen Islams, die Al-Azar-Universität in Kairo, Übersetzungen des Korans verbrennen. Das berichtete der britische Islam-Konvertit und Koran- Übersetzer Marmaduke Pickthall: "Er hat in einem Buch geschrieben, dass noch 1929, wie er gerade in Kairo war, dass zu dieser Zeit ein Koran von der Azhar öffentlich verbrannt worden ist. Und zwar weil er übersetzt war. Die Azhar hat gesagt: 'Wir können das nicht dulden, und hat diesen Koran verbrennen lassen.'"

So schildert es der emeritierte Professor für Islamwissenschaft, Stefan Wild, von der Universität Bonn. Diese Haltung war damals weit verbreitet, "sodass berühmte arabische Gelehrte wie Raschid Rida, das ist ein Mann, der in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts gestorben ist, einer der größten Reformgeister der islamischen Welt, gesagt hat, man dürfe keine Koranübersetzungen herstellen."Stefan Wild sitzt in einem Sessel vor Bücherregalen.  (Deutschlandradio / Thorsten Gerald Schneiders)Stefan Wild ist emeretierter Professor für Semitische Sprachen und Islamwissenschaft an der Universität Bonn und gilt international als profilierter Koran-Kenner. (Deutschlandradio / Thorsten Gerald Schneiders)

Neben der Vorstellung, dass die volle Würde dieser Heiligen Schrift nur in der arabischen Originalsprache vermittelt werden könne, spielte schon früh eine gewissermaßen politisch motivierte Abwehrhaltung gegen Koran-Übersetzungen aus dem christlichen Abendland eine Rolle. Wild: "Die ersten Übersetzungen des Korans kommen nicht von Muslimen, sondern von Nicht-Muslimen. Und da gibt es im Mittelalter eine schon relativ breit gefächerte, meistens äußerst polemische Art, mit dem Koran umzugehen. Das ist also die Türkenbibel, der falsche Prophet, der da spricht. Diese Bücher waren die ersten Übersetzungen des Korans."

Das "tödlich Virus des Islams"

Im 12. Jahrhundert regte Petrus Venerabilis, der Abt von Cluny, den englischen Arabisten Robert of Ketton zur ersten Übersetzung in die damals im Abendland verbreitete Schriftsprache Latein an. Allerdings tat der Abt dies nur, um das "tödliche Virus" des Islams zu bekämpfen, das bereits den halben Erdkreis infiziert hat, wie er es in seinem Traktat gegen die "Sekte der Sarazenen" ausdrückt.

Alle Koran-Übersetzungen im christlichen Abendland hatten zu dieser Zeit eine christlich-missionarische Zielsetzung, wie Stefan Wild ausführt: "Diese Koran-Übersetzer wollten, etwas überspitzt ausgedrückt, dass die Muslime sich vom Koran abkehrten. Das heißt, sie haben alle möglichen Fehler nachweisen wollen, Unzulänglichkeiten, Unstimmigkeiten mit den anderen Heiligen Schriften." Dadurch wurde eine zusätzliche Abwehrhaltung der Muslime gegen Koranübersetzungen motiviert, die sich über das Mittelalter hinaus bis in die Zeit der europäischen Kolonialmächte hielt.

Erste Übersetzungen ins Persische 

Ein striktes Verbot von Koranübersetzungen gab es aber nie. So waren in der islamischen Welt etwa seit dem 9. Jahrhundert sogenannte Interlinear-Übersetzungen verbreitet. Dabei schrieb man zwischen den Zeilen des arabischen Originaltextes Wort für Wort die Bedeutung in einer anderen Sprache auf. Solche Ausgaben gab es zunächst für das Persische. Sie dienten aber lediglich als Hilfsmittel. Denn der Koran bezeichnet sich zum einen als unnachahmlich und zum anderen betont er immer wieder, dass er auf Arabisch offenbart wurde.

Muslimische Gelehrte schlussfolgerten daraus, dass die Gläubigen den Koran in Originalsprache rezitieren sollen. Das geschieht bis heute überall auf der Welt, weil Muslime zum Beispiel beim Verrichten ihrer Pflichtgebete Koranverse sprechen müssen.

Da bereits jede Übersetzung eine Interpretation ist, ist es auch für islamische Theologen unerlässlich, die Heilige Schrift in der Originalsprache zu studieren. Stefan Wild: "Aber auch an einer deutschen protestantischen Fakultät würde man das Neue Testament nicht durch jemanden vertreten lassen, der kein Griechisch kann. Das wäre nicht wissenschaftlich."

Englisch ist die wichtigste Sprache nach dem Arabischen

Abgesehen von der Rezitation und der wissenschaftlichen Arbeit mit dem Koran ist die Skepsis gegenüber Koran-Übersetzungen im Alltag der Muslime heute deutlich auf dem Rückzug. Aber diese Entwicklung brauchte ihre Zeit. "Im 20. Jahrhundert ist es erst so weit gewesen," merkt der Islamwissenschaftler Wild an, "dass Araber wahrnahmen, dass drei Viertel der Muslime kein Arabisch können, und infolgedessen es einfach ein Unding war, wenn man hier immer noch drauf bestehen muss, dass der Koran überhaupt nur in arabische Sprache vervielfältigt oder gelesen werde konnte."

Die Hoheit über die heutigen Koran-Ausgaben und die Übersetzungen sehen viele Muslime nicht mehr bei der Kairoer Azhar-Universität, sondern bei dem 1982 gegründet sogenannte König-Fahd-Komplex in Medina. Die saudi-arabische Einrichtung versteht sich als weltweit größter Produzent von Koran-Ausgaben und beschäftigt rund 1.700 Mitarbeiter. Die wichtigste Sprache für Koran-Übersetzungen ist heute nicht etwa Türkisch, Persisch oder Urdu - sondern Englisch.

 

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