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StartseiteForschung aktuellWelche Rolle spielen Schulen als Infektionsherde? 06.05.2020

Übertragung von COVID-19Welche Rolle spielen Schulen als Infektionsherde?

Die Abschlussjahrgänge dürfen teilweise schon seit einigen Wochen wieder die Schule besuchen. Bis zu den Sommerferien sollen alle Schülerinnen und Schüler unter Auflagen an ihre Schulen zurückkehren können. Unklar ist noch, wie sich Schulöffnungen auf das Infektionsgeschehen auswirken. Ein Überblick.

Von Volkarth Wildermuth

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Schüler an einem Gymnasium sitzen nebeneinander auf einer Tischtennis-Platte.  (dpa/Frank Rumpenhorst)
Noch ist nicht klar, ob die Schulöffnungen dem Coronavirus die Chance geben, sich weiter auszubreiten. (dpa/Frank Rumpenhorst)
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Wie steht die Wissenschaft zu Schulöffnungen?

Die Meinungen aus der Wissenschaft sind unterschiedlich. Dabei gibt es verschiedene Wege, diese Frage überhaupt anzugehen. Eine Möglichkeit sind zum Beispiel mathematische Modelle. Die Modelle von Forschern der Technischen Universität Berlin und der internationalen Gruppe Mocos (Modelling Cornavirus Spread) gehen dabei in eine ähnliche Richtung. Die Forscher betonen jedoch, dass ihre drastischen Prognosen nur eintreten, wenn nicht auf steigende Infektionszahlen reagiert wird.
 
Konkret haben die Forscher durchgerechnet, was passiert, wenn die Schüler zurückkommen und einmal nur 40 Prozent der vorherigen Kontakte haben und einmal 60 Prozent – und haben erhebliche Unterschiede festgestellt. Das würde dafür sprechen, in der Schule die Kontakte deutlich einzuschränken - etwa mit halbierten Klassen, mit Abstand oder mit Masken.

Die Modelle zeigen auch: Schulen sind ein wichtiger Faktor bei der Verbreitung des Coronavirus, aber sie alleine bestimmen nicht das Geschehen. Entscheidend ist immer noch die Kontaktreduzierungen in der Gesellschaft allgemein. Klar ist: Wenn vieles gleichzeitig geöffnet wird – Schulen, Restaurants und Geschäfte – können die Zahlen schnell wieder steigen. Der Rat der Mathematik lautet deshalb: Schritt für Schritt vorangehen und die Infektionszahlen beobachten.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Wie ist die Einschätzung der Virologen?

Veröffentlichungen von Virologen aus Berlin (das Team um Christian Drosten) und Genf zeigen: Kinder haben genauso viel Virus im Rachen wie Erwachsene - und das heißt wahrscheinlich, dass sie genauso infektiös sind. Das gilt sogar, wenn sie gar keine Symptome entwickeln.
 
Interessant ist auch das Ergebnis der Heinsberg-Studie aus Gangelt. Die Forscher haben untersucht, wie das Coronavirus in Familien verbreitet wird. Wenn mindestens ein Erwachsener in einer Drei-Personen-Familie infiziert ist, steigt das Risiko der anderen Familienmitglieder, auch infiziert zu sein, von den in Gangelt üblichen 15 Prozent auf 35 Prozent. Wenn dagegen mindestens ein Kind in einer drei Personen-Familie infiziert ist, steigt das Risiko der anderen auf fast 70 Prozent.(*) Hier gibt es eine gewisse Unsicherheit, weil die Studie nicht so umfangreich ist. Aber klar scheint zu sein: Kinder reichen das Virus effektiv an ihre Eltern weiter. Aber eben auch nicht zu hundert Prozent. Sie sind keine Autobahn für Viren.

Wie leicht stecken sich Kinder überhaupt an?

Zur Ansteckung von Kindern mit dem Coronavirus gibt es widersprüchliche Erkenntnisse aus unterschiedlichen Ländern.
 
Italien: In der Gemeinde Vo hat man einen Großteil der Bevölkerung untersucht. Jugendliche und Erwachsene hatten ein doppelt so hohes Risiko sich anzustecken, wie Grundschulkinder.

China: Laut einer in Science veröffentlichen Studie aus Wuhan und Schanghai stecken sich Kinder bis zum Alter von 14 Jahren deutlich seltener an, als Erwachsene.
  
Frankreich: Es gibt nur wenige Studien, die das Geschehen in den Schulen selbst analysieren. Bei einer Schule in Frankreich haben sich etwa 40 Prozent der Schüler und Lehrer angesteckt, das ist extrem. Auf der anderen Seite berichtet das Australische New South Wales kaum von Ansteckungen in den Schulen. Allerdings ist das nur eine Vorabeinschätzung, dort sind noch nicht alle Tests ausgewertet.

Nordrhein-Westfalen, Gelsenkirchen: Stühle stehen in einem Klassenzimmer in einer Grundschule auf den Tischen. (dpa-Bildfunk / Caroline Seidel) (dpa-Bildfunk / Caroline Seidel)Pädagogin: "Die Kinder wollen einfach nur in die Schule"
Die Kontaktbeschränkungen hätten Folgen für Kinder, die zu Hause nicht gut beim Lernen unterstützt würden, sagte die NRW-Grundschulverbandsvorsitzende Christiane Mika im Dlf. Allen aber fehle der Austausch mit anderen.

Welche Schlüsse lassen sich aus den bisherigen Studien zu Kindern ziehen?

Kinder spielen bei der Grippe eine entscheidende Rolle für die Verbreitung. Ganz so scheint es bei COVID-19 nicht zu sein. Aber: Kinder bewegen sich viel und haben viele Kontakte. Außerdem stellen sie Verbindungen zwischen den Generationen her. Die mathematischen Modelle zeigen: Schulöffnungen können diesem Potential einen Weg öffnen.
 
Der Virologe Christian Drosten bewertet das Risiko für kleine Kinder im Vergleich zu Erwachsenen als geringer. Das würde dafür sprechen, erst die Grundschulen zu öffnen. Allerdings müssen auch die sozialen Rahmenbedingungen einbezogen werden. Das spricht für die Klassen vor dem Abitur und dem mittlerem Schulabschluss. Nach Ansicht des Virologen müssen Situationen, wie im österreichischen Ischgl Anfang März, unbedingt vermieden werden.

Das heißt, Schulen auf, aber nur mit Vorsichtsmaßnahmen; dichtes Gedränge muss unbedingt vermieden werden. Sollten sich die Infektionszahlen wieder nach oben entwickeln, muss erneut gegengesteuert werden.

Wie ist die Situation in den Kitas?

Es gibt eine Tendenz, dass sich kleine Kinder nicht so leicht infizieren. Aber dieser Effekt wurde in der Studie aus China wieder aufgehoben, weil Kinder eben mehr Kontakte zu anderen haben. Mit Blick auf eine Öffnung der Kitas könnte man nach dem Bedarf der Eltern gehen. Entscheidend ist, dass es keinen Schul- oder Kita-Zwang geben darf, wenn Vater, Mutter oder das Kind selbst zur Risikogruppe gehören. Der Virologe Christian Drosten hat vorgeschlagen, Kinder gezielt zu testen. Freie Kapazitäten könnten dafür genutzt werden, Kitakinder alle zwei Wochen zu testen.

Mädchen mit Mundschutz und Schulrucksack (dpa/ Fotostand) (dpa/ Fotostand)Kinder und Jugendliche in der Coronakrise 
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(*) An dieser Stelle haben wir den Text präzisiert.

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