Dienstag, 02.03.2021
 
Seit 16:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKommentare und Themen der WocheCorona zwingt zur Realität10.01.2021

Überzogene ErwartungenCorona zwingt zur Realität

Die Corona-Pandemie habe schon viele fruchtlose Debatten gebracht, aber auch Warnungen und Mahnungen, die viele nicht wahrhaben und nicht hören wollten, kommentiert Birgit Wentzien. Wenn das klar sei, dann schütze es wie eine Impfung gegen vollkommen überzogene Erwartungshorizonte.

Ein Kommentar von Birgit Wentzien

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Bund und Laender einigen sich: Lockdown wird bis 31.Januar verlängert Nach der außerordentlichen Ministerratssitzung am 06.12.2020 könnte eine Verschärfung der Ausgangsbeschränkungen verhängt werden. Themenbild Corona Pandemie: Bayern beschließt Ausgangsbeschränkung. Leere Straßen und Plätze, Fussgängerzone in Muenchen (dpa / Sven Simon)
Dass ein Lockdown notwendig ist, wollten im Herbst viele nicht wahrhaben (dpa / Sven Simon)
Mehr zum Thema

Soziologin Allmendinger über Corona und Geschlechtergerechtigkeit Junge Mütter sind die größten Leidtragenden

Kritik an Schulschließungen "Schließungen ohne alternative Formate"

Corona-Maßnahmen Physikerin: Durch soziale Bubbles "Sackgassen für das Virus" schaffen

Coronakrise Bund und Länder verlängern Lockdown bis Ende Januar

Corona-Pandemie 2020 Verfassungsrechtlerin: "Unterm Strich ein gutes Jahr für die Grundrechte"

Vor die Lage kommen - wer wollte das nicht. Sie wünschen es sich, ich wünsche es mir. Und so geht es allen anderen in einer weiter anhaltenden Zeit der Ungewissheit und der Bedrohung. Viel zu viele starben und sterben, alleingelassen. Ältere und dringend Schutzbedürftige warten, isoliert oftmals. Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrer warten. Künstler, Solo-Selbstständige improvisieren. Und vor dem Mitarbeiter eines stillgelegten Restaurants steht ein sogenannter Querdenker ohne Maske und ruft:

"Ich habe ein Attest und Sie müssen mich in Ihren Laden und zur Toilette passieren lassen!" Diesem sogenannten Querdenker sollte ruhig und gemessen entgegnet werden: "Nein! Das muss ich nicht. Das ist Körperverletzung!"

Lernen von Politik als Handwerk

Zu laut, zu hart, zu wenig geeignet, zu wenig erforderlich und zu wenig verhältnismäßig – im Sinne der eingeschränkten Grundrechte? Ich meine nicht. Und natürlich ist die Hoffnung jetzt eine Hoffnung in kleinsten Dosen. Der Impfstoff selbst, der uns jetzt sukzessive erreicht, gibt keine vollkommene Sicherheit. Dieser neuen Erwartung sollten wir uns nicht hingeben. Der Impfstoff schützt diejenigen, die ihn erhalten haben. Wie intensiv er aber die Ausbreitung des Virus verhindert, ist noch offen. Mit der ersten Generation werden Ansteckungen aller Voraussicht nach nicht verhindert, schwere Erkrankungen aber hoffentlich vermindert. Und das ist entscheidend.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Entscheidend ist aus meiner Sicht auch: Das Zutrauen zum Lernen von Politik in der gegenwärtigen Lage. Politik als Handwerk hat ein Recht auf Streit, ja eine Pflicht zur Auseinandersetzung - hinter verschlossenen Türen. Wenn indes, wie geschehen in dieser Woche bei der wiederholten Bund-Länder-Runde, dieses Recht ausgehebelt wird, wird das Handwerk Politik, das Fertigen von politischen Kompromissen negiert. Und mehr als das. Negiert wird damit auch wirkliches Nachdenken, wirklicher Austausch von Argumenten, wirkliches bedachtes und abgewogenes Entscheiden und Handeln. Politik als Handwerk hat zur eigenen Funktionsfähigkeit und eigenverantwortlich das Recht darauf, dass nicht alles öffentlich ausgetragen werden muss. Hat Politik dieses Recht noch oder hat sie dieses Recht längst verloren, wenn aus eigentlich vertraulichen Runden selbst herausgetragen und instrumentalisiert wird?

Eine junge Frau sitzt vor zwei Bildschirmen im Dämmerlicht zuhause bei der Arbeit. (imago / Mathieux Thomasset) (imago / Mathieux Thomasset)Mehr Homeoffice in Unternehmen gefordert
Lockdown für Schulen, Museen, Vereine und Gastronomie – aber was ist eigentlich mit Unternehmen? Nach der Verlängerung des Lockdowns wird auch von der Wirtschaft gefordert, mehr Homeoffice-Arbeit zu ermöglichen. Noch belässt es die Politik bei Appellen, doch das könnte sich ändern.

Die psychologische Verunsicherung wächst

Als käme es nicht gerade jetzt darauf an, mit rundem Kopf Veränderungsbereitschaft zu erarbeiten und zu gewinnen. Eine Disziplin, die Politik in Bund und Ländern in der Lage mit der Pandemie erst noch zu lernen hat.

Bodo Ramelow, der Ministerpräsident von Thüringen, übt sich gerade darin. Ramelow räumt ein, er habe sich im Herbst geirrt, als er damals zu den Bremsern eines harten Lockdowns gehörte. "Ich hatte Unrecht." Das sei ein falscher Weg gewesen.

Auf eine baldige Impfung hofft auch der Wissenschaftsjournalist Volker Stollorz. Und Stollorz bilanziert für sich selbst eine Niederlage: Forschenden und Wissenschaftsjournalisten sei es im Herbst nicht länger gelungen, ihrem Publikum den breiten fachlichen Konsens über die drohende winterliche Welle klarzumachen. "Wir haben zu viel Zeit mit fruchtlosen Debatten verloren!" Das sei zu klären. Und das derzeitige Leben in einem Paradox: Die Unsicherheit der Wissenschaft schwindet. Die psychologische Verunsicherung wächst.

Ein Virus leuchtet im Dunkeln. (imago / Achim Prill) (imago / Achim Prill)Was über die neuen Corona-Mutationen bekannt ist
Bei Viren gibt es stetig zufällige Veränderungen im Erbgut, so auch bei SARS-CoV-2. Diese Mutationen verschaffen dem Erreger Vorteile, etwa, indem sie ihn leichter übertragbar machen. Was über die neue Varianten des Coronavirus in Großbritannien und Südafrika bekannt ist.

Fruchtlose Debatten - auch die haben wir erlebt. Und eine Kanzlerin, die als Regierungschefin warnte und nicht gehört wurde. Und, wenn wir ganz ehrlich sind mit uns selbst, wollten wir manche Wendung und manche Düsternis auch nicht wahrhaben und nicht hören. Diese Klärung ist schon mal gut und sie schützt wie eine Impfung gegen vollkommen überzogene Erwartungshorizonte. Aber Corona zeigt, was nötig ist. Corona im Januar 2021 zwingt zur Realität. Und nichts anderes bleibt uns übrig.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk