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StartseiteInformationen am Morgen"Das ist moderne Sklaverei"18.01.2020

Uganderinnen im Nahen Osten"Das ist moderne Sklaverei"

Uganda hat eine der jüngsten Bevölkerungen weltweit. Drei Viertel der Ugander sind unter 30 Jahre alt, die meisten von ihnen arbeitslos. Eine Folge: der Export von Arbeitskräften, etwa in den Nahen Osten. Insbesondere Frauen berichten von Misshandlung und Schikane in ihren Jobs im Ausland.

Von Simone Schlindwein

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Eine Frau steht in Kampala/Uganda am Straßenrand  (Imago)
In Uganda einen gut bezahlten Job zu finden, ist nicht einfach (Imago)
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Auf dem weitläufigen Flugfeld inmitten der ugandischen Hauptstadt Kampala sind Ausstellungszelte errichtet, Werbebanner angebracht, Lautsprecher montiert. Die Stimme aus den Boxen wirbt für Arbeitsplätze im Ausland.

Ugandas Arbeitsministerium hält gemeinsam mit dem ugandischen Verband der externen Rekrutierungsfirmen eine Messe ab. Das gemeinsame Ziel: Ugander auf dem globalen Arbeitsmarkt einen Job zu vermitteln. Denn in Uganda einen gut bezahlten Job zu finden, ist nicht einfach. Der Ansturm ist gewaltig.

Die Firmen werben mit Jobs als Taxifahrer oder Hausmädchen in Jordanien, Oman, Saudi Arabien oder den Emiraten. Olivia Nataluswata erkundigt sich am Stand der Firma Sipi Contours nach den Arbeitsbedingungen. Manager Robert Kaconco verwickelt sie in ein Gespräch.

Vergewaltigungen und Misshandlungen

Die 25-Jährige studierte Volkswirtin Nataluswata arbeitet in einem Supermarkt für umgerechnet rund 85 Euro im Monat, ein Standardgehalt. In Uganda gibt es keinen Mindestlohn und die Nachfrage nach Arbeitsplätzen ist groß. Seitdem ihr erstes Kind auf der Welt ist, reiche jedoch das Geld nicht aus, klagt sie:

"Ich bekomme in meinem Job nicht das, was ich möchte. Ich arbeite von morgens um acht Uhr bis abends um acht. Ich habe ein Kleinkind. Mein Mann hat bislang gut verdient, aber seine Firma ist pleite und hat seit vier Monaten nicht bezahlt. Ich spiele mit der Überlegung, ein eigenes Geschäft zu gründen. Aber anstatt einen Kredit aufzunehmen, würde ich eher im Ausland arbeiten."

Wie so viele Ugander hat auch sie in den Medien grausame Geschichten gehört. Seitdem immer mehr Firmen Jobs im Nahen Osten anbieten, sind Schicksale von Frauen veröffentlicht worden: Sie berichten von Vergewaltigungen und Misshandlungen. Nataluswata fragt Manager Kaconco danach. "So viele Uganderinnen würden gerne im Ausland arbeiten, aber die meisten haben Angst. Man hört so viele Geschichten, dass die Leute umgebracht werden."

Antwort: "Sterben nicht auch Menschen in Uganda? Sind die Arbeitgeber für all diese Toten verantwortlich?"

Im September wurden die Leichen von fünf Ugandern nach Hause geflogen. 23 Frauen wurden Anfang Juli auf Regierungskosten aus Jordanien evakuiert. 53 Frauen hatten sich nur wenige Tage danach in die ugandische Botschaft in Dubai gerettet, um den Misshandlungen zu entkommen und nach Hause gebracht zu werden.

"Sie haben gesagt, ich soll durchhalten"

"Nicht nur einmal wurde ich herumgeschubst, gestoßen und schikaniert. Es war wirklich entmenschlichend. Ich bin schwer traumatisiert", sagt Doreen Magezi. Sie ist im Juli vergangenen Jahres aus Jordanien zurückgekehrt. Die 37-Jährige hat dort in einer reichen Großfamilie als Hausmädchen gearbeitet. Sie sollte auf die Kinder aufpassen, waschen, putzen, das Goldbesteck polieren.

"Ich bin in der dritten Woche krank geworden. Doch als ich der Familie sagte, ich sei krank, haben sie mir nur Schmerztabletten gegeben. Jedes Mal, wenn ich mit Chemikalien das Goldbesteck polierte, habe ich Blut gehustet. Ich hatte Schmerzen in der Lunge, konnte fast nicht mehr stehen. Ich habe meine Agentur angerufen und gebeten, dass sie mir helfen. Sie haben mir gesagt, ich soll durchhalten."

Doreen Magezi ist kein Einzelfall. Täglich erreichen Betty Nambooze Dutzende von Text- und Sprachnachrichten über Whatsapp von verzweifelten jungen Uganderinnen, die in ihren Arbeitsverhältnissen im Nahen Osten misshandelt werden. Nambooze ist Abgeordnete im Parlament, sie gehört der Opposition an.

"Ich hatte zuvor schon im Parlament einen Antrag gestellt, den Export von Arbeitskräften zu verbieten. Dann wurde ich persönlich in die Sache mit hineingezogen, denn Doreen Magezi stammt aus meinem Wahlkreis und ich kannte sie. Sie rief mich aus Jordanien an und hat mich um Hilfe gebeten. Als ich erfuhr, dass die Firmen von diesen Frauen das Geld für das Flugticket zurückverlangen, wenn sie den Vertrag vorzeitig kündigen, hat es mir die Augen geöffnet. Das ist moderne Sklaverei."

"Ein wirklich schmutziges Geschäft"

Die Oppositionspolitikerin hat es geschafft, Doreen Magezi nach Uganda zurück zu holen. Im Krankenhaus wurde sie diagnostiziert mit Typhus, Infektionen im Unterleib nach einer Vergewaltigung, sowie Schwermetallvergiftung. Dieser Fall hat ein Umdenken erzwungen. Das Sozial- und Arbeitsministerium hat daraufhin Regeln für die Firmen eingeführt. Dies blieb für Nambooze nicht ohne Folgen, denn zahlreiche der über 160 Firmen gehören hohen Regierungsmitgliedern, Generälen in der Armee - und dem Bruder des Präsidenten.

Betty Nambooze: "Es ist ein wirklich schmutziges Geschäft und diese Firmen sind ein Kartell. Ich wurde bedroht und verfolgt. Sich mit diesen Leuten anzulegen, ist gefährlich."

Der Verband der Rekrutierungsfirmen hat seine Büros in einem schicken Hochhaus mit eigenem Fitnessraum und Kantine. Vorsitzende Enid Nambuya betont, die Firmen hätten über 150.000 Uganderinnen einen Job im Ausland ermöglicht. Diese überweisen jährlich rund 500 Millionen Euro zurück an ihre Familien. Den meisten gelinge danach mit Hilfe dieses Startkapitals die Gründung eines eigenen Unternehmens, welches wiederum Arbeitsplätze schaffe. Die Vorwürfe schmettert sie ab:

"Todesfälle passieren überall. Doch wenn sie im Ausland passieren, dann bekommt das sofort einen dunklen Beigeschmack. Wir machen uns jetzt bei den Firmen stark, dass wenn ihren Arbeitskräften ein Unfall geschieht oder sie krank werden, dass sie eine angemessene Behandlung bekommen."

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