Dienstag, 09. August 2022

Ukrainischer Botschafter
Melnyk ist in Putins Falle getappt

Der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, hat seinem Land einen Bärendienst erwiesen, kommentiert Sabine Adler. Sein Verhalten habe zu Streit zu Hause, mit Polen, Deutschland und in der EU geführt. Der lachende Dritte sei Putin, der es genau darauf angelegt habe.

Ein Kommentar von Sabine Adler | 05.07.2022

Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland
Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, hat den Vorwurf zurückgewiesen, er habe mit seinen Äußerungen über den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera den Holocaust verharmlost. (picture alliance/dpa | Kay Nietfeld)
Kriegszeiten sind vermutlich der schlechteste Moment, um Geschichte aufzuarbeiten. Zumal, wenn man sich bei so komplizierten Figuren wie Stepan Bandera schon zu Friedenszeiten nicht verständigen konnte. Der Nationalist und Antisemit spaltet die ukrainische Gesellschaft seit langem.

Wie Bandera zu neuem Leben erwachte

Zu Sowjetzeiten wurde er offiziell als Feind betrachtet, da er gegen die Bolschewiki für eine unabhängige Ukraine kämpfte. Dafür war ihm jedes Mittel recht: Kollaboration mit den Nazis während der deutschen Besatzung, aber auch davor schon ermordeten seine Anhänger alle, die ihrem Ziel einer ethnisch reinen Ukraine im Weg standen. Opfer wurden Juden, Polen, Ungarn, Ukrainer. Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war auf dem heute deutsch-polnisch-ungarischen Gebiet von Massakern geprägt.
Bandera konnte angeblich keine Mittäterschaft nachgewiesen werden, ein geistiger Urheber war er in jedem Fall. Als die Sowjetunion zerfiel, entstand die unabhängige Ukraine ganz unblutig. Erst als Russland die Ukraine 2013 bedrängte, ihr die Krim wegnahm und einen Krieg in der Ostukraine anzettelte, erwachte Bandera zu neuem Leben. Man besann sich auf den unbeugsamen Kämpfer damals gegen die Sowjetunion, heute Russland. Für so manchen wurde er zum Helden wiederbelebt, zu dem er zu keiner Zeit taugte. Daran ändert auch nichts, dass die Nazis ihn ins KZ warfen, später wieder freiließen und er vom KGB erschossen wurde.

Melnyks reflexhafte Antwort

Bandera ist als Person so kompliziert wie die Zeit, in der er lebte. Wer sich als Demokrat mit seinem Wirken befasst, geht automatisch auf Distanz. Unter normalen Umständen in Friedenszeiten. Im Krieg jedoch, wo sich die Welt sich in Freund oder Feind teilt, wird es schwieriger.
Da sollte sich der Botschafter ausgerechnet zu der Figur äußern, die für Moskau die Inkarnation der heute angeblich nazistischen Ukraine darstellt. Das bereitete Andrij Melnyk Probleme. Hat doch Wladimir Putin die Regierung in Kiew als faschistisch diffamiert. Damit war, als Repräsentant seiner Regierung in Deutschland, auch der Botschafter selbst gemeint. Melnyks Antwort war reflexhaft. Wenn Putin Banderas Feind ist, ist Bandera mein Freund. Damit tappte er in genau in die Falle, die Putin aufgestellt hatte: ein Ukrainer, der zugibt, von Bandera nicht weit entfernt zu sein.
Dass Melnyk dabei Polen aus dem Blick verlor, war ein weiterer Fehler. Das Verhältnis der Nachbarn war wegen Warschaus Solidarität mit der Ukraine nie besser als derzeit. Diese Beziehung darf niemand beschädigen, denn es geht um Leben oder Tod der Ukraine.
Melnyk hat seinem Land einen Bärendienst erwiesen. Sein Verhalten führte zu Streit zu Hause, mit Polen, Deutschland, in der EU. Der lachende Dritte ist Putin, der es genau darauf angelegt hat.
Porträt: Sabine Adler
Porträt: Sabine Adler
Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012 Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Danach Osteuropakorrespondentin, derzeit Leiterin des Reporterpools.