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StartseiteEuropa heuteDas letzte Hemd für den Sieg06.02.2015

UkraineDas letzte Hemd für den Sieg

Erfrierungen und Traumata haben viele Soldaten, die in das ukrainische Militärkrankenhaus von Charkiw kommen. Diese Verwundeten werden hier medizinisch versorgt und finden Trost und Hilfe bei Freiwilligen, die sie mit Spenden im Kampf gegen die prorussischen Separatisten unterstützen.

Von Pauline Tillmann

Ein verletzter ukrainischer Soldat wird in das Militärkrankenhaus von Charkiw translportiert (picture-alliance/epa/Anastasia Vlasova)
Ein verletzter ukrainischer Soldat wird in das Militärkrankenhaus von Charkiw translportiert (picture-alliance/epa/Anastasia Vlasova)
Weiterführende Information

"Vielleicht der letzte Versuch"
(Deutschlandfunk, Interview mit Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, 06.02.2015)

"Die Situation ist auf Messers Schneide"
(Deutschlandfunk, Interview mit Sabine Fischer von der Stiftung Wissenschaft und Politik, 06.02.2015)

Ukraine-Krieg - Ein lang erwartetes Signal
(Deutschlandfunk, Kommentar, 05.02.2015)

 Das Militärkrankenhaus in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, liegt in der Uliza Kultura, nur wenige Gehminuten vom Zentrum entfernt. Die Leiterin der Freiwilligen, Jarina Tschagowetz, steht mitten in einem 30 Quadratmeter großen Raum: Aus den Regalen quellen T-Shirts, Pullover, Hosen und Jacken hervor.

Jarina Tschagowetz:
"Wir ziehen die Verwundeten an, füttern sie, natürlich gibt ihnen das Krankenhaus zu Essen, aber wir bereiten ihnen – wie ich das nenne – ein "süßes Leben". Sie kommen hierher, um Kaffee zu trinken, Kekse zu essen, zu reden... vor allem um zu reden. Alles was sie brauchen, angefangen von Unterhosen bis hin zu Uniformen, besorgen wir ihnen dank Spenden der Charkiwer Bevölkerung."

150 Kilometer nahe der Frontlinie

Neben der 35-jährigen Jarina packen heute noch Oksana, Lena und Kostja mit an. Unter anderem stopfen sie Sachen für Soldaten, die gerade eben eingeliefert wurden, in eine Plastiktüte. Die 450 Betten im Krankenhaus reichen kaum aus. Ständig kommen neue Verletzte hinzu. Nicht selten sind darunter auch welche mit Erfrierungen oder Traumata. Manche wurden gefangen genommen oder gefoltert.

Jarina Tschagowetz:
"Hier gibt es Menschen, die bereit sind, das Letzte zu geben. Ich habe zum Beispiel alles aus meinem Hausstand hinausgeschafft – von warmen Sachen über Bettdecken bis hin zu Kissen – zuerst auf den Maidan und jetzt hierher, damit die Jungs alles haben, was sie brauchen. Und so geht es vielen: Viele sind bereit, ihr letztes Hemd zu geben, nur damit wir möglichst bald siegen."

In Charkiw werden die Verletzten in der Regel erstversorgt. Das Krankenhaus liegt in unmittelbarer Nähe zur Frontlinie. Nur 150 Kilometer entfernt kämpft die ukrainische Armee Seite an Seite mit Freiwilligenbataillonen gegen die prorussischen Rebellen. Weitere Militärkrankenhäuser gibt es in Kiew, Odessa, Dnipropetrowsk und Lwiw. Auch der Mann von Jarina Tschagowetz befindet sich an der Front.

"Ich denke einfach nicht darüber nach. Aber wenn ich hinter dem Steuer sitze und irgendwohin fahre, weine ich. Das ist ein furchtbarer Zustand. Den ganzen Tag über bin ich abgelenkt, aber im Auto fällt das alles weg. Wenn wir abends miteinander telefonieren, ist alles in Ordnung. Außerdem haben wir uns ein Wort überlegt, das er mir jeden Abend per SMS schicken muss. Dann weiß ich, er ist noch am Leben."

Von morgens bis abends kümmern sich die freiwilligen Helfer um die Patienten in Charkiw. Manche Verletzte bleiben nur ein, zwei Wochen, andere mehrere Monate. Der 46-jährige Andrej ist professioneller Scharfschütze. Er wurde von einer Granate getroffen. Das rechte Bein ist bis zum Oberschenkel eingegipst.

"Die Freiwilligen helfen natürlich sehr. Wenn sie nicht wären, wäre ich wohl nackt. Einmal haben sie mir Sachen gebracht – eine Uniform, Unterwäsche, Rasierklingen. Oder auch Wasser, manchmal einen Joghurt. Sie kümmern sich wirklich rührend. Und sie heben mit ihrem Lächeln die allgemeine Stimmung."

Er sagt, er sei seit August im Einsatz – mehrfach wurde er bereits verletzt. Er zeigt Handyfotos, auf denen er im Schnee zu sehen ist. Wie er auf den nächsten Angriff wartet.

"Wenn wir nicht kämpfen würden, würde Putin bis nach Kiew durchmarschieren und uns seine Regeln diktieren. Das möchte ich nicht. Ich möchte nicht, dass meine Tochter in einem erweiterten Russland lebt. Die Ukraine gefällt mir besser."

Ständig rufen ihn Freunde an und fragen, wann er wieder an die Front zurückkehrt. Er sagt, sobald er laufen kann, wird er wieder kämpfen – so wie viele Verwundete. Sie sind davon überzeugt, dass die Ukraine den Kampf gewinnen wird.

 

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