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StartseiteWirtschaft und GesellschaftIm Schraubstock der Interessen12.12.2013

UkraineIm Schraubstock der Interessen

Tausende ukrainische Demonstranten stemmen sich gegen den Einfluss aus Moskau. Washington schlägt sich auf ihre Seite - und droht Kiew mit Sanktionen. Im Land selbst wachsen neben den politischen auch die wirtschaftlichen Probleme.

Von Michael Braun

Menschen demonstrieren in Kiew auf Straßenbarrikaden gegen die ukrainische Regierung (dpa / picture alliance / Zurab Kurtsikidze)
Die Proteste in Kiew haben auch Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes. (dpa / picture alliance / Zurab Kurtsikidze)
Weiterführende Information

EU will Ukraine Tür offen halten - (Deutschlandfunk - Europa heute, 5.12.2013)

Ukraine | "Man muss alle Lösungen besprechen" - (Deutschlandfunk - Interview, 12.12.2013)

Auch wenn es auf dem Maidan-Platz so aussieht: Ein Entweder/Oder könne es für die Ukraine nicht geben, sagen Experten. Das Land sei so abhängig von russischem Gas, dass es auf Russland angewiesen bleibe. Die EU stehe dagegen für den Modernisierungsschub, weiß der Geschäftsführer des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, Rainer Lindner. Da gebe es trilaterale Chancen. Das sehe man schon an den ausgedienten Gasleitungen:

"Die Pipelines sind marode. Das muss gemacht werden. Da müssen sich Russland, die EU und die Ukraine an einen Tisch setzen."

Lindner meint, die protestierenden Menschen in der Ukraine wollten nicht nur eine Assoziierung mit der EU, sondern eine wirkliche europäische Perspektive. Das koste, sagt er:

"Das wird ein für uns auch kostenintensives Projekt, die Ukraine an uns heranzuführen."

Aber die Ukraine hat auch was zu bieten. Da sind zunächst die 45 Millionen Einwohner - für die EU in der Perspektive die Möglichkeit, den Binnenmarkt kräftig zu erweitern. Schon jetzt ist Deutschland mit einem Anteil von acht Prozent an den ukrainischen Importen nach Russland und China das drittgrößte Lieferland. Auf der Liste der Abnehmerländer steht Deutschland weiter hinten, auf Platz neun. Das liegt auch daran, dass die Nachfrage nach einem wichtigen ukrainischen Exporterzeugnis sinkt, nach Stahl. Doch der ukrainische Binnenmarkt allein reizt nicht, weiß Markus Brück vom Bankhaus Metzler:

"Natürlich ist die Ukraine ein großer Binnenmarkt. Es ist ein großes Land. Aber es ist für einen Investor in der EU, der Richtung Osteuropa, sei es in die EU-Beitrittsländer oder auch in ein Land wie Ukraine reingeht, dort investiert, Kapazitäten aufbaut - der Vorteil ist ganz klar: Die Kosten sind dort deutlich niedriger, Lohnkosten …"

Devisenmarkt rechnet mit Abwertung der ukrainischen Landeswährung

Die Autozulieferer haben den Standort entdeckt und lassen dort Kabelbäume, Bordnetze oder Sitzheizungen fertigen. Aus Zypern kommt knapp ein Drittel der ausländischen Direktinvestitionen in der Ukraine - das hängt wohl mit den in Zypern ansässigen reichen Russen zusammen. Deutschland steht an Platz zwei der ausländischen Direktinvestoren, dies mit einem Anteil von knapp zwölf Prozent vor den Niederlanden und Russland. Der Standort könnte unter Kostengesichtspunkten nochmals interessanter werden, weil am Devisenmarkt mit einer Abwertung der ukrainischen Landeswährung gerechnet wird. Das würde Investitionen nochmals rentabler machen. Doch Kosten allein entschieden nicht über eine erfolgreiche Investition, mahnt Brück:

"Ganz klar muss man sagen, dass diese Wirtschaften, gerade in den produzierenden Bereichen, bei Weitem nicht die Produktivitätslevels haben wie hier in Westeuropa, in Deutschland oder in den entwickelteren Volkswirtschaften im Westen. Im Endeffekt wird der Kostenvorteil wieder durch massive Produktivitätsnachteile aufgesogen."

Aktuell braucht die Ukraine Getreidesilos. Denn die Ernte der potenziellen Kornkammer Europas war dieses Jahr außergewöhnlich gut, aber es fehlt an Siloanlagen. Außerdem wird das Land für seine Gasvorkommen interessanter, die mit der Frackingmethode gewonnen werden können. Angelsächsische Gesellschaften, namentlich Shell und Chevron, sind massiv interessiert, was den bisherigen Lieferanten Russland eher irritiert.

Dass Deutschland als Partner in der Ukraine einen guten Ruf hat, wird bei einem Besuch schnell deutlich. Im Touri-Bus durch Kiew lobte Larissa, dass Deutschland der Ukraine nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl schnell und massiv geholfen habe. Das werde nicht vergessen, sagte sie, wenn man sich auf der Straße als Deutscher zu erkennen gebe:

"… dann werden Sie sofort zu Gast eingeladen. Man versucht auch, Ihnen Wodka einzuschenken. Und dann müssen Sie moralisch bereit sein."

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