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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturRusslandversteher als Stigmatisierung?23.02.2015

Ukraine-KonfliktRusslandversteher als Stigmatisierung?

Einseitige Berichterstattung im Ukraine-Konflikt, USA-freundliche Beiträge: Auch die ehemalige Moskau-Korrespondentin der ARD, Gabriele Krone-Schmalz, erhebt solche Vorwürfe in ihrem Buch "Russland verstehen", lädt dabei zum Verstehen ein, ohne zu urteilen - und wird diesem Anspruch selbst nicht gerecht.

Von Winfried Dolderer

Russlands Präsident Wladimir Putin erklärt die Ergebnisse des Ukraine-Krisengipfels in Minsk. (AFP / Alexander Zemlianichenko)
Russlands Präsident Wladimir Putin erklärt die Ergebnisse des Ukraine-Krisengipfels in Minsk. (AFP / Alexander Zemlianichenko)
Weiterführende Information

Wirtschaft - Gegen den Strom - Litauens Absage an Russland als Energieversorger
(Deutschlandfunk, Gesichter Europas, 28.02.2015)

Russland - Gastarbeiter kehren heim nach Zentralasien
(Deutschlandfunk, Eine Welt, 21.02.2015)

Ukraine-Konflikt - Zarte Wurzeln des Protests in Russland
(Deutschlandfunk, Europa heute, 19.02.2015)

Ukraine - Russland weist Schuld von sich
(Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 18.02.2015)

Dies ist auch ein persönliches Buch. Die Autorin Gabriele Krone-Schmalz war vier Jahre lang ARD-Korrespondentin in der Sowjetunion. Sie kennt und schätzt Russland und seine Menschen. Es schmerzt sie, dass Russland in unserer medialen Öffentlichkeit an Respekt und Ansehen drastisch eingebüßt hat.

"Wie ist es um die politische Kultur eines Landes bestellt, in der ein Begriff wie Russlandversteher zur Stigmatisierung und Ausgrenzung taugt? Muss man nicht erst einmal etwas verstehen, bevor man es beurteilen kann? Verstehen heißt doch nicht automatisch für gut befinden."

Verstehen, nicht urteilen: Das ist das journalistische Ethos, das die Autorin für sich in Anspruch nimmt. Ihr Vorwurf an die deutschen Medien lautet, in der Russland-Berichterstattung genau andersherum zu verfahren. Wie sonst könne es sein, dass nach dem Umsturz in der Ukraine im Frühjahr 2014 hierzulande zwar von einem "Interimspräsidenten" in Kiew die Rede gewesen sei, aber von einem "illegitimen Ministerpräsidenten" auf der Krim und von "selbsternannten Bürgermeistern" im Osten des Landes? Dass auch der prowestliche "Interimspräsident" auf verfassungsrechtlich fragwürdige Weise an die Macht gekommen sei, habe keine Rolle gespielt.

"Ich möchte dazu beitragen, der Dämonisierung Russlands etwas Substantielles entgegenzusetzen, auf dessen Basis sich jeder sein eigenes Urteil bilden kann. Ich nehme die Chronistenpflicht von Journalisten sehr ernst: so schlicht und so gesichert wie möglich, ohne sofort zu fragen, wer in dieser Angelegenheit die Guten und die Bösen sind."

Buch steht durchaus für eine Mehrheitsstimmung

Damit steht das Buch durchaus für eine Mehrheitsstimmung, die sich in Umfragen, nicht aber den Analysen politischer Kommentatoren abbildet. Ihnen wirft Krone-Schmalz vor, sich über die Einsprüche ihrer Leser, Zuschauer und Hörer gegen Einseitigkeit und "verbale Aufrüstung mit Blick auf Russland" hinwegzusetzen. Akribisch verzeichnet sie, in welcher Ausgabe der Tagesschau welchen Datums von "prorussischem Mob" die Rede war. Oder auch nur die "Armee" und nicht ausdrücklich die "ukrainische Armee" erwähnt wurde in Zusammenhang mit dem Vorwurf, Streubomben einzusetzen. Die russische Aneignung der Krim nicht Annexion zu nennen, ist ihr wegen der politischen Implikationen dieses Begriffes ein Anliegen. Mit einer Annexion wäre schließlich die Rechtsgrundlage für bewaffnetes Eingreifen mit UN-Mandat gegeben wie im Fall der Besetzung Kuwaits durch den Irak. Krone-Schmalz hält viel von der Macht der Semantik. Beginnen lässt sie ihre Erzählung 1989/91, als die Sowjetunion zerfiel. Damals habe Aufbruchstimmung und eine euphorische Hinwendung zur westlichen Welt in der russischen Gesellschaft geherrscht.

"In diesen Zeiten hätte Russland eine verständnisvolle Begleitung des Westens gebraucht. Stattdessen begann eine westliche Drängelei. Kredite und Hilfen wurden an Bedingungen geknüpft. Russland wurde weniger als Partner denn als Konkursmasse behandelt."

Dass mittlerweile wieder Eiszeit herrscht, dafür trägt demzufolge der Westen die Hauptverantwortung. Die Autorin diagnostiziert einen krassen Mangel an Empathie. Der Internationale Währungsfonds habe Russland mit schikanösen Auflagen gegängelt. Westliche Unternehmen und Wirtschaftslobbys hätten russische Produkte vom Weltmarkt ferngehalten. Ohne Rücksicht auf russische Bedenken habe der Westen die NATO erweitert, in Bosnien und im Kosovo militärisch interveniert, den Krieg gegen den Irak vom Zaun gebrochen, den libyschen Diktator Gaddafi gestürzt. Ohne Rücksicht habe die EU ein Assoziationsabkommen mit der Ukraine ausgehandelt, von dem Kundige wussten, dass es die Ukraine zerreißen werde. Auch den Wandel eines liberalen Reformers namens Wladimir Putin zum Autokraten legt die Autorin dem Westen zur Last.

"Es hätte keine dritte Amtszeit Putins gegeben, wenn er während seiner ersten und zweiten bei dieser Herkulesaufgabe, das größte Land der Welt von Grund auf umzustrukturieren, von außen vertrauensvoll unterstützt worden wäre."

Entfernt vom Anspruch, beschreiben, ohne zu werten

Vom selbst gestellten Anspruch, zu beschreiben, ohne zu werten, hat sie sich damit wohl entfernt. Ohnehin bleiben Fragen. Bedurfte es nur eines EU-Assoziierungsabkommens, um die Ukraine zu zerreißen? Oder vielleicht doch auch der tätigen Nachhilfe von Russland hochgerüsteter Freischärler? Gebietet es die Chronistenpflicht, wie die Autorin meint, den Umsturz in Kiew als "Staatsstreich" zu etikettieren und mit der Etablierung der Volksrepubliken Donezk und Luhansk gleichzusetzen? Auf dem Maidan hat eine Hunderttausende zählende, lange Zeit friedliche Protestbewegung ein Vierteljahr lang ausgeharrt. Im Osten der Ukraine demonstrierten im Frühjahr jeweils einige hundert bis einige tausend Menschen. Vor allem waren hier vom ersten Augenblick an Bewaffnete zur Stelle, die strategische Punkte besetzten. Ist es unstatthaft, diesen Unterschied auch in der Berichterstattung kenntlich zu machen? Die Autorin zitiert ein Interview, das sie einer "großen deutschen Zeitung" gegeben habe, das aber auf Veranlassung des Chefredakteurs ungedruckt geblieben sei. Sie sagt da unter anderem:

"Die Krim ist ureigenes russisches Land. Was Putin getan hat, ist keine Landnahme, sondern Notwehr unter Zeitdruck."

Hier stellen sich doch grundsätzliche Fragen. Wie würde es sich im heutigen Europa anhören, wollte hierzulande jemand behaupten, zum Beispiel das Elsass sei ureigenes deutsches Land? Was wird aus einer Staatenordnung, in der solche Argumente wieder salonfähig werden? Böswillige Fehldeutung russischer Absichten wirft Krone-Schmalz generell dem Westen vor. Weder wolle Putin die Sowjetunion wiederherstellen, noch die Ukraine erobern. Was also will Russland?

"Ruhe im Inneren und an den Grenzen ... Austausch und Zusammenarbeit mit dem Ausland, um sich weiter zu entwickeln. Akzeptanz und Sicherheitsgarantien des Westens ... Eine destabilisierte Ukraine liegt ganz sicher nicht im Interesse Russlands."

Man wünscht sich, die Autorin hätte Recht.

Buchinfos:
Gabriele Krone-Schmalz: "Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens", C.H. Beck Verlag, 176 Seiten, Preis: 14,95 Euro, ISBN: 978-3-406-67525-6

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