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StartseiteEuropa heuteMehr Atomstrom statt russischem Gas?26.09.2014

Ukraine Mehr Atomstrom statt russischem Gas?

Die Ukraine stellt sich auf einen kalten Winter ein. Wegen des andauernden Gasstreits mit Russland sucht man nun nach anderen Brennstoffen. So mancher liebäugelt damit, die Stromproduktion der 15 Atomkraftwerke hochzufahren, doch Experten halten dies für wenig realistisch.

Von Sabine Adler

Gasleitungen im Westen der Ukraine (afp / Alexander Zobin)
Russland hatte im Sommer 2014 seine Gaslieferungen an die Ukraine eingestellt. (afp / Alexander Zobin)
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Die Hoffnung, dass der Gasstreit bis zum Winter beigelegt ist, hegt in Kiew niemand mehr. Warm einpacken müssen sich seine Landsleute, prophezeit Michail Gontschar, einer der gefragtesten Energieexperten in der Ukraine:

"Wir werden keine gemütlichen 25 Grad in unseren Wohnungen haben, sondern vermutlich nur 16 Grad. Wie 2009, als Russland uns für drei Wochen kein Gas geliefert hat. Wir retteten uns, indem wir das Gas aus unserem Speicher in der Westukraine in Richtung Osten schickten."

Dieses Mal fließt zusätzlich noch Gas aus Polen und Ungarn in die Ukraine und seit Anfang September auch aus der Slowakei, die über vier Pipelines mit Westsibirien verbunden ist. Wenn von den Vieren eine komplett für den sogenannten Revers flow benutzt würde, wäre die Ukraine gerettet. Doch noch wehrt sich der russische Gasverkäufer Gazprom energisch und teilweise mit Erfolg. Die Sorge, dass wieder aufflammende Kämpfe weiter wichtige Infrastruktur zerstören, ist groß, sagt der Kiewer Wirtschaftswissenschaftler Juri Ruban:

"Die meisten Wärmekraftwerke befinden sich im Luhansker und Donezker Gebiet und sind entweder zerstört oder aber werden nicht mehr mit Kohle beliefert, weil die Bergwerke voll Wasser gelaufen sind. Noch haben wir keinen Überblick über die Schäden, doch sie sind auf jeden Fall beträchtlich."

15 AKWs produzieren knapp die Hälfte des ukrainischen Stroms

"Man kann nicht ausschließen, dass es Anschläge auf Hochspannungsleitungen oder Gaspipelines gibt, und diese dann wiederum bewacht werden müssen, damit das Gas in Europa ankommt", fügt Michail Gontschar hinzu. Knapp die Hälfte des ukrainischen Stroms wird in den insgesamt 15 Atomkraftwerken produziert. Bürger, die im Winter auf keinen Fall im Kalten sitzen wollen, kaufen Elektroheizungen. Doch auch wenn es naheliegend scheint, die Stromproduktion der AKW weiter hochzufahren, ist dies doch wenig realistisch, meint der Energieexperte.

"Eine Leistungssteigerung ist möglich, es gibt einen kleinen Spielraum dafür. Das Problem ist aber ein anderes: Die Übertragungskapazitäten reichen nicht."

Auch die AKW seien potenzielle Angriffsziele der Separatisten. Für einen Lieferstopp von Brennstäben aus Russland gibt es derzeit keine Anzeichen, allerdings muss Kiew damit rechnen.

"Es ist nicht die Rede von einer Ablösung der russischen Partner durch die amerikanischen, es geht um eine Diversifizierung. Die wurde schon 1994 vereinbart, als die Ukraine einwilligte, ihre Atomwaffen abzurüsten. Eine übrigens aus heutiger Sicht dumme Entscheidung. Damals versprachen die USA der Ukraine bei der Herstellung von Brennstäben zu helfen, denn bei uns gibt es Uranvorkommen. Russland als langjähriger Monopolist war strikt dagegen, senkte aber sofort die Preise. Bis jetzt gibt es keine Drohungen, nach dem Gas auch die Lieferung von Brennstäben zu stoppen, aber weil man das nicht ausschließen kann, ist es gut, dass wir die US-Firma Westinghouse haben, die Brennstäbe liefern kann."

Ukraine muss ihre Wirtschaft dringend umstrukturieren

Die beträchtlichen Schiefergas-Vorräte der Ukraine sind frühestens in zehn Jahren erschlossen. Doch südlich von Odessa im Schwarzen Meer wird noch Erdgas gefördert, anders als vor der Krimküste, dort ruhen die Arbeiten seit der russischen Annexion. Dass der Krieg auch die Kohleförderung im Donbass fast vollständig zum Erliegen brachte, hat sich der Energieexperte Gontschar keineswegs gewünscht, doch überfällig war das Ende seiner Meinung nach seit Langem:

"Die Kohleförderung dort wird seit Langem subventioniert. Die Lagerstätten in der Westukraine oder bei Dneprpetrowsk sind rentabler, aber alles Geld ging in die Ostukraine, wo das Flöz in 800 Metern Tiefe liegt und nur 45 Zentimeter breit ist. Die Subventionen haben keinerlei soziale Probleme gelöst oder wirtschaftliche Entwicklungen angestoßen, sondern wurden lediglich eingestrichen von den Kohlebaronen."

Der Konflikt im Osten macht den Ukrainern gerade schmerzhaft bewusst, wie dringend ihre Wirtschaft umstrukturiert werden muss.

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