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StartseiteEuropa heuteNicht immer willkommene Flüchtlinge 16.10.2014

UkraineNicht immer willkommene Flüchtlinge

Dass Putin Truppen abziehen lässt, die nahe der russisch-ukrainischen Grenze monatelang angeblich "Manöver" durchführten, gilt als gutes Zeichen. Doch noch immer sind Tausende Menschen auf der Flucht und schon allein damit ist die Ukraine überfordert. Unser Korrespondent hat in Kiew beobachtet, wie Menschen aus dem Osten dort aufgenommen werden.

Von Florian Kellermann

Weiterführende Information

Europa-Asien-Gipfel - Ukraine-Konflikt überlagert Wirtschaftstreffen
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 16.10.2014)

Waffengesetz in der Ukraine - Kalschnikow im Supermarkt
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 15.10.2014)

Hilfe für Ostukraine - Entwicklungsminister Müller fordert mehr Unterstützung
(Deutschlandfunk, Interview, 15.10.2014)

Ukraine - Hilfsgüter aus Deutschland
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 15.10.2014)

Ukraine-Krise - Truppenabzug als Friedensgeste
(Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 13.10.2014)

Ukraine - Urlaub von der Front
(Deutschlandfunk, Europa heute, 13.10.2014) " target="_blank" />

Eine Mutter kommt mit ihrem anderthalbjährigen Sohn am Bahnhof in Kiew an. Sie ist aus der Ostukraine geflohen - vor den Artilleriebeschüssen. Am Bahnsteig wartet ein junger Hobby-Filmer auf die gerade Eingetroffenen, um sie zu interviewen. Doch die Mutter sagt nicht das, was der Mann hören will - keine Hasstiraden gegen die Separatisten.

Sie will bei ihrer Schwester unterkommen, sagt sie, trotz der Gerüchte, dass die Kiewer Flüchtlinge aus dem Osten nicht mögen.

Warum bist Du dann nicht nach Russland gefahren, kommentiert der Interviewer gehässig. Später stellt er seinen Film auf Youtube und beschimpft die Mutter im Titel als "Zombie".

Eine extreme Szene, die so nicht jeden Tag passiert. Aber willkommen fühlen sich viele Flüchtlinge in Kiew - und auch anderen Städten der Ukraine - nicht.

So auch Alla, 37 Jahre alt, die mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern Luhansk verlassen hat, weil es dort kein fließendes Wasser und keinen Strom mehr gibt. Die Familie hat Glück im Unglück: Der Mann ist Programmierer, er kann seiner Arbeit überall nachgehen. Trotzdem suchte die Familie wochenlang nach einer Wohnung.

"Ein paar Mal platzte der Vertrag kurz vor der Unterschrift - als die Vermieter erfuhren, dass wir aus Luhansk sind. Manche haben einfach Angst, weil Gerüchte über Ostukrainer kursieren. Angeblich bringen wir Waffen mit in die Wohnungen, sind oft betrunken und zu laut. Manche glauben, wir können die Miete sowieso nicht bezahlen. Wieder andere haben politische Gründe: Sie glauben, dass wir alle die Separatisten in Donezk und Luhansk unterstützt haben, und wollen deshalb nichts mit uns zu tun haben."

Lügen für eine Bleibe

Für Alla ist das besonders beleidigend. Sie ging zu allen pro-ukrainischen Demonstrationen in Luhansk, solange es die noch gab. Schließlich hatten sie Glück, dass sie eine Maklerin fand, die bereit war, für sie zu lügen: Die Maklerin behauptete, die Mutter von Alla stamme aus dem Bezirk Kiew, was gar nicht nicht stimmt. So erhielten sie eine Bleibe.

Die Wohnungssuche sei längst nicht das einzige Problem, sagt Witalij Zachartschuk von KrimSOS, einer Organisation, die sich um Flüchtlinge von der Krim und aus der Ostukraine kümmert.

"70 Prozent von ihnen haben sich schon in verschiedenen Situationen diskriminiert gefühlt. Das kann auch im Geschäft oder im Kindergarten passieren - oder wie bei einer Mutter, die ihr Kind nicht in der örtlichen Schule anmelden durfte. Der Grund war die Psychologin der Schule, deren Sohn als Soldat bei Kämpfen in der Ostukraine gefallen war. Das Eltern-Komitee der Schule beschloss, dass deshalb keine Flüchtlingskinder aufgenommen würden. Denn die Psychologin könne ihnen aus persönlichen Gründen nicht beistehen."

Witalij Zachartschuk macht die vielen negativen Medienberichte über Flüchtlinge verantwortlich, sie bauschten Einzelfälle auf und machten die Menschen misstrauisch, meint er.

Flüchtlingen eine Stimme geben

Aber auch der Staat müsste viel mehr tun, um die Menschen aus dem Osten zu integrieren, so Experten. Nicht-Regierungsorganisationen aus dem Bezirk Luhansk haben sich deshalb zusammengeschlossen und einen "Kongress des Ostens" gegründet. Sein Ziel sei es, den Flüchtlingen eine Stimme zu geben, sagt Wjatscheslaw Kozak vom Luhansker Zentrum für Entwicklung und Innovation:

"Wir schlagen der Regierung zuerst eine Reihe von Gesetzesänderungen vor, die Arbeitsplätze für Flüchtlinge schaffen. Arbeitgeber sollten einen Zuschuss bekommen, wenn sie diese Menschen einstellen, Mittel dafür gibt es. Der Staat könnte die Selbstständigen unterstützen, sie in Unternehmer-Gemeinschaften organisieren, sogenannten Clustern. Für solche innovativen Projekte ist es kein Problem, Kredite aus dem Ausland zu bekommen."

Auch Ideen für mehr Wohnungsbau gibt es im "Kongress des Ostens" schon. Denn viele Experten gehen davon aus, dass nur ein Teil der Flüchtlinge in das Donezk-Becken zurückkehren wird - angesichts der zerstörten Häuser und Fabriken. Sollte dort ein international nicht anerkanntes Staatsgebilde entstehen, ähnlich wie Transnistrien, dürften sogar die meisten ihrer Heimat für immer den Rücken kehren.

Die Menschen aus dem Donezk-Becken und den anderen Teilen der Ukraine werden sich also aneinander gewöhnen müssen.

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