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StartseiteKultur heuteDer Kampf um das Gold der Skythen07.10.2016

Ukraine und RusslandDer Kampf um das Gold der Skythen

Ein Gericht in den Niederlanden soll in einem Streit zwischen der Ukraine und Russland entscheiden. Es geht um die Frage: Wohin mit Kulturgütern, die seit der Krim-Annexion vor mehr als zwei Jahren in Amsterdam lagern? Zurück auf die Halbinsel? Oder nach Kiew? Eine aufgeladene Auseinandersetzung.

Von Florian Kellermann

Eine Besucherin schaut sich am Mittwoch (13.02.2008) im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg Schmuck eines Fürstenpaares der Skythen aus dem 7. Jahrhundert nach Christus an.  (picture-alliance/ dpa / Maurizio Gambarini)
2008 war eine Schau über die Skythen in Deutschland zu sehen - damals mit Ausstellungsstücken aus der Ukraine (picture-alliance/ dpa / Maurizio Gambarini)

Die Ausstellung im Amsterdamer Allard Pierson Museum war gut besucht. Sie trug den Titel "Krim-Gold und die Geheimnisse des Schwarzen Meers". Zu sehen waren wertvolle Exponate, besonders beeindruckend die aus Gold: darunter Armreife, Medaillons und Vasen. Die meisten von ihnen stammen aus der Zeit der Skythen, die bis zum 3. Jahrhundert vor Christus den Schwarzmeerraum besiedelten.

Seit über zwei Jahren ist die Ausstellung inzwischen geschlossen, trotzdem sind mehr als 2.000 Exponate noch nicht auf die Krim zurückgekehrt. Auf Bitte der ukrainischen Regierung: Sie wolle, dass die Gegenstände zunächst nach Kiew gebracht werden, erklärte Kulturminister Jewhen Nischtschuk: "Wenn sie auf die Krim zurückkehren, wissen wir nicht, was aus ihnen wird. Russland hat die Krim annektiert und wir haben dort keinen Zugang. Die Regierung hat schon vor zwei Jahren beschlossen, dass in dieser Situation alle Exponate von der Krim vorübergehend in Kiew aufbewahrt werden sollen, im Museum der ukrainischen Geschichte. Sobald die Okkupation der Krim endet, sollen sie sofort auf die Krim zurückkehren."

Verunsicherung in Amsterdam

Ein bisher einmaliger Vorgang in der Museumsgeschichte. In Amsterdam reagierte man verunsichert: Das Museum verlängerte die Ausstellung mit dem Skythengold zunächst um drei Monate, dann legte es die Exponate bei sich ins Depot. Über ihr Schicksal soll nun ein Amsterdamer Gericht entscheiden, das in dieser Frage gerade zum ersten Mal tagte. Die Konfliktparteien stellten ihren Standpunkt dar.

Für die Museen der Krim reiste die Archäologin Valentina Mordwintsewa zur Gerichtsverhandlung: "Die Museen haben nach Amsterdam Exponate ausgeliehen, die ihre Visitenkarte darstellen. Sie dachten, sie tun etwas Gutes. Aber jetzt kann der Streit dazu führen, dass die Bevölkerung der Krim das Vertrauen in die Ukraine und den Westen insgesamt verliert. Die Gegenstände sollten dahin zurückkehren, von wo sie auch ausgeliehen wurden." Ukrainische Vertreter bezeichnen es als Trick, dass die scheinbar unpolitischen Museen der Krim in dem Rechtsstreit auftreten. Denn in Wahrheit stehe hinter ihnen das russische Kulturministerium.

Auch ein Streit um die Halbinsel Krim

Tatsächlich stellen russische und ukrainische Medien den Streit um die Ausgrabungsfunde wie einen Streit um die Halbinsel Krim dar. So gesehen entscheidet das niederländische Gericht nicht nur über die Gegenstände, sondern darüber, ob es die russische Annexion der Krim anerkennt.

Eine überzogene Interpretation, doch dass die Gerichtsentscheidung internationale Wellen schlagen wird, da ist sich Anna Alpaschkina vom Museum in Bachtschissaraj sicher: "Wenn die Entscheidung gegen unsere Museen ausfällt, gehen die Niederlande ein großes Risiko ein. Dann ist die Frage, ob russische Museen überhaupt noch noch mit niederländischen Partnern zusammenarbeiten werden, ob sie noch Exponate zur Verfügung stellen."

Auch für die Ukraine steht einiges auf dem Spiel. Sie hat in den Niederlanden vor Kurzem schon eine Niederlage erlitten. Die Bürger dort stimmten in einem Referendum dagegen, dass ihr Land den Assoziierungsvertrag zwischen der Ukraine und der EU ratifizieren soll.

Und dann noch andere Probleme

Auch beim Skythengold droht der Ukraine eine Prestigeverlust. Ukrainische Beobachter sind deshalb der Meinung, dass sich ihr Land in der Sache viel mehr engagieren sollte. So der Journalist Anton Schwets: "Die Museen der Krim können argumentieren, dass sie die besten Möglichkeiten haben, die Stücke auszustellen und dass sie auch die Geschlossenheit der Sammlung bewahren können. Das ist ein wichtiger Gesichtspunkt, dass Interessierte und Wissenschaftler Zugang zu den Gegenständen haben. In Kiew würden die Stücke dagegen im Depot landen. Wir haben es zwei Jahre lang versäumt, entsprechende Räumlichkeiten für sie einzurichten, es gibt noch nicht einmal ein Projekt."

Damit nicht genug: Die Ukraine weiß gar nicht genau, um die Rückgabe welcher Gegenstände sie sich da bemüht. Denn es gibt kein zentrales Register für Museumsbestände, über die entsprechenden Listen verfügen nur die Museen selber. Experten meinen, die Ukraine hätte sich die Informationen längst auf Umwegen beschaffen können - bei dem Unternehmen, das den Transport nach Amsterdam versichert hat. Das niederländische Gericht hat angekündigt, im Dezember werde es eine Entscheidung fällen. Die Ukraine will im Falle einer Niederlage des Urteil anfechten.

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