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StartseiteKultur heuteEin Komiker als Präsident30.03.2019

Ukraine vor der WahlEin Komiker als Präsident

Der Entertainer Wolodymyr Selensky führt die Umfragen bei der Präsidentenwahl an. Seit zwei Jahren kann man ihn in der ukrainischen Fernsehserie "Diener des Volkes" sehen. Er habe keine Visionen und sage nur Dinge für die "Enttäuschten", meint der Schriftsteller Serhij Zhadan.

Von Florian Kellermann

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Der ukrainische Komiker und Präsidentschaftskandidat Wolodymyr Selenskyj während eienr Fernsehshow. (picture alliance / dpa / Aleksandr Gusev)
Der ukrainische Komiker und Präsidentschaftskandidat Wolodymyr Selenskyj. (picture alliance / dpa / Aleksandr Gusev)
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Serhij Zhadan hat Fans auf der ganzen Welt. Trotzdem kommt er gerade wieder einmal von einer Reise in einige kleine Provinzstädte in der Ostukraine zurück und erzählt:
 
"Wir haben ein Projekt "Der Osten liest" umgesetzt. Die Regierung hat gerade ein neues Institut geschaffen, das sehr viele Bücher für lokale Bibliotheken gekauft hat. Und das wollte ich mit meiner kleinen wohltätigen Stiftung unterstützen. Wir haben Schriftsteller eingeladen und waren in Solote, das ist praktisch an der Front, aber auch in Popasna und Lysytschansk."

Die Menschen dort, nahe am Kriegsgebiet, dürften sich nicht allein gelassen fühlen, sagt der 44-Jährige. Zhadan stammt selbst aus der Ostukraine, zu Hause ist er in der Millionenstadt Charkiw. Wir sind in einem Café verabredet, wo zu Sowjetzeiten eine große Buchhandlung untergebracht war. Aus dieser Perspektive blickt Schadan auf die ukrainische Politik und auf die Präsidentenwahl am Sonntag. Und er ist enttäuscht:

"Die traditionell prowestlichen Politiker kümmern sich einfach nicht um den Osten. Ich bin gerade aus dem Donezbecken gekommen. Dort hängen überall Plakate von Präsident Petro Poroschenko. Darauf steht, dass die Ukraine eine von Moskau unabhängige orthodoxe Kirche erkämpft hat. Das begreife ich nicht. Was die Leute im Osten viel dringender brauchen, sind ordentliche Straßen."

Große Unterschiede zwischen arm und reich

So komme es, dass noch immer viele Menschen in der Ostukraine nach Russland schauten, sagt Serhij Zhadan. Dazu trage auch die soziale Situation bei:

"Die Schere geht weiter auseinander. Einige Wenige werden reicher, aber es gibt viel mehr Arme. Ich war gerade bei meiner Mutter. Wie alle im Dorf schimpft sie über die Nebenkosten, die so stark steigen. Das ist für viele eine große Belastung."

Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan. (imago / STAR-MEDIA)Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan. (imago / STAR-MEDIA)

Wenn er am Sonntag wählen wird, verrät Zhadan nicht. Aber er sieht auch einige positive Entwicklungen unter dem amtierenden Präsidenten Petro Poroschenko: Nicht nur das Assoziierungsabkommen mit der EU. So bekämen die Regionen mehr Mitspracherechte und das Gesundheitssystem werde reformiert, so der Schriftsteller. Wenig hält Zhadan vom Favoriten für den ersten Wahlgang, dem Kabarettisten Wolodymyr Selensky, der die Umfragen deutlich anführt.

"Ich sehe nicht, dass er irgendwelche Ideen oder Visionen vertreten würde. Deshalb verstehe ich nicht, was er in der Politik zu suchen hat. Er sagt nur Dinge, die bei den Enttäuschten ankommen. Er sagt nur, was die Leute hören wollen: "Ich beende den Krieg", klar, jeder will das. Aber wie er das schaffen will, habe ich nicht ganz verstanden." 

Starke Zivilgesellschaft 

Der 41-jährige Selenskyj stammt ebenfalls aus dem Osten des Landes, aus der Industriestadt Krywyj Rih. Aber anders als Zhadan beteiligte er sich vor vier Jahren nicht an den Demonstrationen gegen den damaligen prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch. Die Proteste endeten damals in einem Blutbad, über 100 Menschen starben. Nicht die Politiker, sondern die Bürger hätten viel erreicht seit der Revolution der Würde, wie die Demonstrationen heute heißen, sagt Zhadan. Auch in Charkiw werde die Zivilgesellschaft immer stärker. Und das schlage sich auch in Symbolen nieder. Bei einem kleinen Spaziergang zeigt er am Freiheitsplatz ganz nach hinten, zum mächtigen konstruktivistischen Gebäude der Universität.

"Ich erinnere mich an den 22. Februar 2014. Damals habe ich dazu aufgerufen, das Lenin-Denkmal zu stürzen, das dahinten gestanden hat. Wir sind in den Baumarkt gegangen, um eine Kettensäge zu kaufen. Als wir wiederkamen, waren Verteidiger des Denkmals aufgetaucht. Es gab eine Schlägerei, das Denkmal blieb stehen. Aber nur für ein weiteres halbes Jahr und das freut mich ganz ungeheuer!"

Viele junge, nach Westen gewandte Ukrainer engagierten sich heute in der Politik, versichert Zhadan. Aber sie seien eben noch nicht oben, an den Schalthebeln der Macht angekommen.

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