Mittwoch, 05. Oktober 2022

Kommentar zum Krieg in der Ukraine
Der Wendepunkt ist erreicht

Die Rückeroberung von Städten in der Region Charkiw könnte in die Geschichte der Ukraine eingehen, kommentiert Florian Kellermann. Nun müssten die westlichen Staaten dem angegriffenen Land alles geben, was es benötige, um den Krieg zu beenden.

Ein Kommentar vor Florian Kellermann | 11.09.2022

Ein ukrainischer Soldat in Uniform
Die ukrainische Armee kämpfe mit einer anderen Logik, welche der russischen zumindest in Teilen überlegen sei, meint Florian Kellermann (picture alliance / SvenSimon-The Presidential Offic / The Presidential Office of Ukrai)
Im Zentrum von Balaklija weht wieder die ukrainische Fahne. Die Kleinstadt im nordöstlichen Bezirk Charkiw war die erste Stadt, die die ukrainische Armee zurückerobert hat – die erste seit dem Rückzug der russischen Truppen aus der Zentralukraine Ende März.
Was das bedeutet, zeigen die Bilder der erleichterten Menschen. Manche weinten, viele winkten den Soldaten freudig zu, andere boten ihnen Pfannkuchen an. „Balaklija wurde befreit“ – heißt es seitens der Ukraine. Und diesmal stimmt es – ganz anders als Monate zuvor, als russische Militär-Propagandisten diese Botschaft nach Besetzung der Stadt verbreitetet hatten.

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Der Kontrast zum russischen Einmarsch in der Ostukraine im Frühling ist überdeutlich. Die russische Propaganda vermochte es nicht, die erwarteten Bilder von jubelnden Menschen zu liefern. Im Gegenteil. Die Menschen hatten sich mit ukrainischen Fahnen den Besatzern entgegengestellt.

Wendepunkt kommt nicht von ungefähr

Balaklija könnte in die Geschichte der Ukraine eingehen – als Wendepunkt dieses Kriegs. Die ukrainische Armee hat in diesen Tagen die Initiative an allen Frontabschnitten übernommen. Im Bezirk Charkiw ist sie weit über Balaklija hinaus in das bisher besetzte Gebiet vorgedrungen und hat inzwischen auch die strategisch wichtige Stadt Isjum unter ihre Kontrolle gebracht. Die Besatzer ließen bei ihrem teils panischen Rückzug große Mengen an Kriegsgerät zurück. Das russische Verteidigungsministerium gesteht das Vorrücken der ukrainischen Armee ein und spricht von einer „Umgruppierung“ seiner Streitkräfte.
Der Wendepunkt kommt nicht von ungefähr. Ursprünglich wollte der Kreml die Ukraine im Handstreich erobern, seine Truppen griffen im Februar aus vier Stoßrichtungen an. Doch weder Kiew noch Charkiw konnten sie einnehmen. Ende März der Rückzug aus der Zentralukraine. Das nächste vom Kreml ausgerufene Ziel: das gesamte Donezbecken einzunehmen. Doch auch dort kam der russische Vormarsch nach einigen zäh erreichten Eroberungen vor Wochen zum Stillstand.
Nun also die Gegenoffensive der ukrainischen Armee. Sie kämpft nach einer anderen Logik. Sie späht die Schwächen in der gegnerischen Formation aus und nutzt sie, punktuell, intelligent, und mit Hilfe der technisch überlegenen Artillerie aus dem Westen.

Fähiges ukrainisches Militär

Erstaunlich, wie fähig sich das ukrainische Militär dabei zeigt. Ein Beispiel: Die US-Raketen vom Typ „Harm“, die gegen Radaranlagen eingesetzt werden, wurden bis vor kurzem nur an US-Flugzeugen montiert. Dass man sie auch von Kampfjets sowjetischen Typs abschießen kann, haben erst die Ukrainer bewiesen.
Zwei Faktoren spielen der Ukraine in die Hände. Punkt eins – die Motivation. Die ukrainischen Soldaten wissen, wofür sie kämpfen, für die Freiheit ihres Landes und ihrer Familien. Russische Soldaten waren womöglich euphorisiert, als sie vorrückten, als sie erobern und plündern konnten. Aber Ortschaften zu verteidigen, die weit weg von ihrer Heimat liegen, mit denen sie nichts verbindet, dürfte für sie weit weniger attraktiv sein.

Motivation und Demokratie

Der zweite Punkt, von dem die Ukraine profitiert: Ihre Armee ist die eines demokratischen Landes. Es gibt gesellschaftliche Kontrolle. Deshalb lernt die Armee aus ihren Fehlern, deshalb fallen militärische Entscheidungen dezentraler, schneller und effektiver. In Russland hingegen entscheidet letztendlich allein Präsident Putin, und er wird von seinen Untergebenen auf Schritt und Tritt belogen. Denn in Moskau wollen alle vor allem eins: dem allmächtigen Herrscher gefallen.
Die Motivation und die Demokratie sind zwei Punkte, die bei allem Grauen des Kriegs positive Botschaften beinhalten. Offene, pluralistische Staaten sind keineswegs wehrlos, im Gegenteil. Und in modernen Kriegen, bei denen von allen Soldaten Können, Geschick und Durchhaltevermögen verlangt wird, spielt es eine wesentliche Rolle, ob sie auf der richtigen Seite kämpfen oder auf der falschen.

Erfolge trotz zögerlicher Unterstützung

Die Erfolge der ukrainischen Armee sind umso bemerkenswerter, als sie von der westlichen Staatengemeinschaft eher zögerlich unterstützt wurde. Erst nach und nach bekam sie immer wirkungsvollere Waffensysteme wie die US-Raketenwerfer Himars oder die deutschen Flugabwehrkanonenpanzer Gepard. Was die Ukraine bräuchte, um ihr gesamtes Staatsgebiet von den Besatzern zu befreien, fehlt ihr noch – westliche Kampfpanzer, Schützenpanzer, Flugzeuge und Raketen mit größerer Reichweite.
Beim Treffen der Ukraine-Unterstützer zuletzt im deutschen Ramstein gab es viele warme Worte für die Verteidiger und das Versprechen, an ihrer Seite zu bleiben. Dieses Versprechen haben aus US-Außenminister Blinken und die deutsche Außenministerin Baerbock persönlich in Kiew betont. Hoffentlich dämmert es allen Unterstützern, jetzt All-in zu gehen und der Ukraine alles zu geben, was sie benötigt – um den Krieg nicht nur zu wenden, sondern ihn zu beenden.
Porträt: Florian Kellermann
Porträt: Florian Kellermann
Florian Kellermann, geboren 1973 in Nürnberg, hat an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Krakau Philosophie und Slawistik studiert. Seit vielen Jahren berichtet er aus den Ländern Mittel- und Osteuropas. Von 2015 bis 2021 war er Osteuropa-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Warschau. Seit Mai 2021 ist er Russland-Korrespondent. Sein Berichtsgebiet umfasst auch Belarus und die Staaten der Kaukasusregion."