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StartseiteEuropa heuteWebseite "stopfake" entlarvt Medienfälschungen16.06.2014

UkraineWebseite "stopfake" entlarvt Medienfälschungen

Immer wieder machen russische Medien mit gefälschten Berichten Stimmung gegen die ukrainische Regierung. Die Internetseite "stopfake", für die zehn ukrainische Journalisten ehrenamtlich arbeiten, will sie aufdecken. Pro Monat besuchen 1,5 Millionen Menschen die Internetseite. Ein Erfolg, der nicht unbemerkt bleibt.

Von Florian Kellermann

Ein brennendes Fahrzeug im Bezirk Luhansk. (picture alliance / dpa /  Evgeny Biyatov / RIA Novosti)
Im Ukraine-Konflikt schrecken vor allem russische Medien nicht vor gefälschten Berichten zurück. (picture alliance / dpa / Evgeny Biyatov / RIA Novosti)
Weiterführende Information

Homepage von "stopfake"

Ukraine: Warum es ein Bekenntnis aus Moskau braucht (Deutschlandfunk, Themen der Woche, 14.06.2014)

Ukraine-Konflikt: Poroschenko lässt Korridore einrichten (Deutschlandfunk, Aktuell, 10.06.2014)

Ukraine: "Regelrechte Propaganda" (Deutschlandradio Kultur, Interview, 09.05.2014)

Etwa zehn ukrainische Journalisten und Übersetzer arbeiten ehrenamtlich an der Seite "stopfake", von der es auch eine englische Version gibt. Die Kosten für den Server und die Ausrüstung decken sie durch Spenden. Pro Monat besuchen 1,5 Millionen Menschen die Internetseite. Eine enormer Erfolg, der nicht unbemerkt bleibt.

Ein Bericht des Kreml-gesteuerten russischen Fernsehsenders NTW. Mit dramatischer Musik unterlegt zeigt er Bilder einer ukrainischen Militärkolonne. Die Regierung in Kiew lasse auf Zivilisten schießen, behauptet der Sprecher. Als Beleg sieht der Zuschauer eine Frau, die sie sich in einem engen Kellerraum verkriecht. Der Sprecher erklärt: Viele, die die Anti-Terroroperation der ukrainischen Armee überleben wollten, versteckten sich unter der Erde. Die Frau bestätigt das: "Wer hätte gedacht, dass wir den Keller einmal als Bunker benutzen würden, im Frieden, im 21. Jahrhundert in der Ukraine".

Der Bericht dürfte viele Zuschauer empört haben, doch er ist schlicht gefälscht. Die Frau wohnt gar nicht im umkämpften Gebiet, sondern 300 Kilometer entfernt. Nachbarn haben sie erkannt und die Organisation "stopfake" informiert. Deren Mitarbeiter haben die Frau noch einmal besucht und die Angaben überprüft.

Fälschungen entlarven

Mit solchen Berichten macht das russische Fernsehen seit Wochen Stimmung. Der Tenor: In der Ukraine ist eine faschistische, kriegstreiberische Regierung an der Macht. Das verfange, sagt Tetjana Matytschak, eine der Aktivistinnen von "stopfake".

"Meine Bekannten in Moskau haben mich zu sich eingeladen, ich solle vor den Faschisten in Kiew fliehen. Als ich abgelehnt habe, haben sie den Kontakt zu mir abgebrochen. Offenbar sei ich selber zur Faschistin geworden, haben sie gesagt, sonst würde ich es nicht in Kiew aushalten. 16 Jahre kenne ich die Familie, Leute mit Hochschulbildung - und sie lassen sich vom Fernsehen einreden, die Ukrainer seien über Nacht schlechte Menschen geworden."

So traurig das ist, für Tetjana war diese Erfahrung der Beweis, dass sie die vergangenen Monate nicht verschwendet hat. Die Journalistin hat ihre gesamte Freizeit dem Projekt "stopfake" gewidmet - einer Internetseite, die Fälschungen von Medien entlarvt, vor allem von russischen Medien. Die meisten werden über soziale Netzwerke im Internet verbreitet.

"Am häufigsten sind Fälschungen von Fotos mit verletzten oder getöteten Kindern. Unter dem Bild steht dann: Slowjansk im Bezirk Donezk. Oder: eine Szene in Luhansk nach einem Luftangriff der ukrainischen Armee. In Wahrheit stammen die Fotos aus Syrien oder Ägypten, wo Konflikte viele Opfer gefordert haben. Internationale Organisationen haben festgestellt, dass in der Ostukraine bisher kaum Kinder verletzt oder gar getötet wurden."

Immer wieder berufen sich russische Medien auf anonyme Quellen mit abstrusen Behauptungen. So zitierte die staatliche Nachrichtenagentur "Ria Novosti" gestern separatistischen Kämpfer aus Luhansk. Sie behaupteten, die ukrainische Armee sei selbst für den Abschuss eines Militärflugzeugs am Samstag verantwortlich. Es gebe rivalisierende Gruppen innerhalb des Militärs, so "Ria Novosti". Dabei hatte der Anführer der Luhansker Separatisten sich längst zu dem Anschlag bekannt.

Spenden decken Kosten

Etwa zehn ukrainische Journalisten und Übersetzer arbeiten ehrenamtlich an der Seite "stopfake", von der es auch eine englische Version gibt. Die Kosten für den Server und die Ausrüstung decken sie durch Spenden. Pro Monat besuchen 1,5 Millionen Menschen die Internetseite. Eine enormer Erfolg, der nicht unbemerkt bleibt.

"Wir mussten unseren Server schon mehrmals wechseln, er war schon in den USA und Irland, weil wir es ständig mit Angriffen zu tun haben. Hacker versuchen immer wieder, die Seite lahmzulegen, mit Erfolg. Vor Kurzem dauerte es Stunden, bis befreundete Programmierer sie wieder auf die Beine gestellt haben. Wir dachten schon, es klappt gar nicht mehr. Unsere Gegner, die wir nicht kennen, sind echte Profis, die sich sehr viel Mühe geben.

Die ukrainische Regierung tut wenig, um der russischen Propaganda etwas entgegenzusetzen. Es gibt keinen überzeugenden russischsprachigen Fernsehsender, geschweige denn ein englischsprachiges Pendant zum russischen Kanal Russia Today.

Manche ukrainische Internetnutzer glauben deshalb, sie müssten es den russischen Medien gleichtun - und fälschen ihrerseits Nachrichten. So behaupteten sie, die Nationalgarde habe einen der russischen Panzer in Brand gesetzt, die seit ein paar Tagen in den Händen der Separatisten sind. Das angebliche Beweisvideo stammte aus Syrien. Auch das wiesen die Journalisten von "stopfake" nach. Mit Gegenpropaganda sei niemandem geholfen, meint Tetjana.

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