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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen"14.10.2019

Ulrike Herrmann"Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen"

Das deutsche Wirtschaftswunder: volle Regale, neue Fabriken und der Siegeszug der Autoindustrie. Und als Symbolfigur der Wirtschaftsminister und spätere Kanzler Ludwig Erhard. Die Journalistin Ulrike Herrmann erklärt nun diese Inszenierung und das Wirtschaftswunder gleichermaßen zur Legende.

Von Martin Hubert

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Der vermeintliche "Vater des deutschen Wirtschaftswunders" Ludwig Erhard in einer undatierten Aufnahme mit der obligatorischen Zigarre. (Westend Verlag / picture-alliance / Wachsmann)
War Ludwig Erhard ein "Bundeswirtschaftswunderminister"?, fragt sich Ulrike Herrmann in ihrem Buch (Westend Verlag / picture-alliance / Wachsmann)
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Gleich am Anfang ihres Buches macht Ulrike Herrmann klar, dass sie nicht nur das "Deutsche Wirtschaftswunder" zwischen 1948 und 1973 entzaubern will. Sie zielt auch auf die Gegenwart. Die taz-Journalistin schreibt:

"Deutschland ist ein reiches Land, und dennoch hält sich die Erzählung: Früher war alles besser. Nicht wenige Deutsche würden gern zur D-Mark zurückkehren, trauern der Bundesbank hinterher oder träumen von einer Welt, in der wieder der Goldstandard gilt. Die AfD hat diese Nostalgie längst für sich entdeckt und propagiert den Mythos, dass die Bundesrepublik mühelos auf den Euro verzichten könnte. Die Märchen sind keineswegs harmlos. Sie haben konkrete Folgen und schädigen Millionen Bürger."

Ulrike Herrmann will aktuelle Irrmeinungen entkräften, indem sie die Vergangenheit des "Deutschen Wirtschaftswunders" gründlich seziert. Verständlich und faktenreich mixt sie dazu historische Analysen und Politikerbiographien und garniert sie mit zum Teil bissigen Kommentaren.

Die Symbolfigur wird demontiert

Im Focus steht hauptsächlich Ludwig Erhard. Nach Herrmann beschönigte dieser zum einen seine Vergangenheit in der NS-Zeit. Zum andern verkörpere er gleichermaßen die Mythen wie die Fehlentwicklungen des deutschen Wirtschaftswunders. Zum Beispiel bei der Einführung der D-Mark.

"Ganz allein soll er die Währungsreform gestemmt und die 'soziale Marktwirtschaft' erfunden haben. In diesem Heldennarrativ ist Erhard ein überragender Ökonom und Staatsmann, der Deutschland aus tiefster Not errettet hat. Diese Legende wird zwar bis heute gern verbreitet, ist aber trotzdem falsch. Die Deutsche Mark ist keine deutsche Erfindung, sondern wurde von den Amerikanern durchgesetzt. In Deutschland kursierten damals knapp 250 Reformvorschläge. Es waren die Amerikaner, die diese Ideen sichteten, sortierten und in ein Konzept gossen."

Ludwig Erhard habe sogar kurzfristig den Erfolg der Währungsreform durch eine falsche Preispolitik gefährdet, die gewaltige Proteste hervorrief. Herrmann benennt ausführlich die Vorbedingungen und äußeren Einflüsse, die das deutsche Wirtschaftswunder tatsächlich ermöglichten. Das Wirtschaftswachstum hatte bereits vor der Währungsreform angezogen. Denn die deutschen Industrieanlagen waren im Zweiten Weltkrieg keineswegs völlig zerstört worden und konnten rasch wieder instand gesetzt werden.

Die Rolle der USA, der Montanunion und des Außenhandels

Neben amerikanischen Nahrungsmittellieferungen und dem Marschallplan war es dann vor allem die europäische Zahlungsunion von 1950, die der Wirtschaft auf die Beine half. Die USA zwangen die europäischen Staaten, im Zahlungsverkehr miteinander zu kooperieren und einander Kredite zu gewähren:

"Die Zahlungsunion war ungemein effizient. Der westdeutsche Außenhandel explodierte. 1950 hatten Exporte nur 8,6 Prozent der Wirtschaftsleistung ausgemacht; 1960 waren es schon 15,8 Prozent. Vor allem aber konnten Waren jetzt wieder frei in Westeuropa zirkulieren, so dass Fertigprodukte, Maschinen, Rohstoffe und Nahrungsmittel mühelos dort eintrafen, wo sie benötigt wurden. Ohne die Europäische Zahlungsunion hätte es das westdeutsche 'Wirtschaftswunder' nicht gegeben. Dieses raffinierte System konnte 1950 jedoch nur starten, weil die USA eine Anschubfinanzierung von 450 Millionen Dollar zusagten."

Die weiteren Triebkräfte des Wirtschaftswachstums hießen: Montanunion, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die international ansteigende Güternachfrage nach dem Koreakrieg von 1950 bis 1953. Und nicht nur in Deutschland ging es aufwärts. Ein "Wirtschaftswunder" erlebten damals auch Frankreich, Österreich oder Italien.

Für Herrmann spricht das dafür, dass es nicht allein die freie Marktwirtschaft war, die das Wachstum begünstigte. Denn Frankreich und Österreich setzten stärker als Deutschland auf Verstaatlichungen und Wirtschaftslenkung. Letztlich sei die viel gepriesene soziale Marktwirtschaft in Deutschland gar nicht so sozial gewesen: Zwar gab es eine erfolgreiche Rentenreform. Auch stiegen seit den 50er Jahren die Löhne und Gehälter - die Gewinne aber noch viel stärker und parallel dazu die Ungleichheit der Einkommen und Vermögen.

Die ewige Exportnation?

Was aber sagt uns das für die Gegenwart? Herrmann schildert, wie ab 1958 und dann verstärkt seit den 70er Jahren die wirtschaftliche Dynamik abnahm und die Krisen wiederkehrten. Und sie benennt mehrere Faktoren, die bis heute aus der Wirtschaftswunderzeit negativ nachwirken sollen. Dazu gehören eine Zinspolitik der Bundesbank, die zu stark auf Inflationsbekämpfung setze und das Dogma des sparsamen Staats. Verhängnisvolle Züge nähme aber vor allem die einseitige Exportorientierung Deutschlands an.

"Es nutzt den Deutschen nichts, auf ihren Exportüberschüssen zu beharren, denn die ökonomische Logik ist stärker: Wenn die Bundesrepublik stets mehr exportiert, als sie importiert, dann können die anderen Länder deutsche Waren nur kaufen, indem sie Kredite aufnehmen – bei den Deutschen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis einige Importländer überschuldet sind und die Darlehen nicht mehr bedienen können. Das deutsche Auslandsvermögen verschwindet ins Nichts."

Viele der Kritikpunkte am deutschen Wirtschaftswunder sind bereits bekannt, doch Ulrike Herrmann spitzt sie radikal zu. Anhänger der sozialen Marktwirtschaft werden einwenden, dass sie die Verdienste deutscher Politik allzu gering einschätze. Im Buch räumt Herrmann selbst ein, dass Konrad Adenauer oft zukunftsweisendere Entscheidungen getroffen hätte als Ludwig Erhard. Und ihre ökonomischen Alternativvorschläge bleiben skizzenhaft. Das betrifft allerdings nur Details, die den Wert des Buches nicht mindern. Denn es untergräbt stichhaltig den Mythos, das reiche Exportland Deutschland sei ein soziales Muster-exemplar und könne auch ohne Europa auf eigenen Beinen stehen.

Ulrike Herrmann: Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen. Warum es kein Wunder ist, das wir reich geworden sind,
Westend Verlag, 320 Seiten, 24,00 Euro.

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