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StartseiteKommentare und Themen der WocheWenig Konkretes bei der "Bundeswehr der Zukunft"09.05.2021

Umbau der TruppeWenig Konkretes bei der "Bundeswehr der Zukunft"

Schon wieder ein Umbau der Bundeswehr nach 20 Jahren Reform, Transformation, Neuausrichtung. Die Truppe mit ihren 184.000 Männern und Frauen ist noch einige Tausend von der politisch angepeilten Stärke entfernt. Vor der Wahl wüssten sie gern, wann die "Bundeswehr der Zukunft" Realität werden soll, meint Thomas Wiegold.

Ein Kommentar von Thomas Wiegold

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Generalleutnant Alfons Mais (r), Inspekteur des Heeres, besichtigt die Panzergrenadierbrigade 37 während der Vorstellung des Rollouts des Battle Management Systems. Das System bildet seit 2020 das Rückgrat der Digitalisierung der Bundeswehr und ermöglicht den eingesetzten Einheiten ein komplexes Lagebild auf den Bildschirmen in den Fahrzeugen abzubilden.  (dpa)
Merkwürdig, dass gerade jetzt, wenige Monate vor der Bundestagswahl, die Vorschläge für die "Bundeswehr der Zukunft" auf die politische Tagesordnung kommen, meint Thomas Wiegold. (dpa)
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Und schon wieder ein Umbau der Bundeswehr. Nachdem die Truppe in den vergangenen 20 Jahren Reform, Transformation, Neuausrichtung und wie es sonst noch hieß hinter sich gebracht hat, soll es nun die "Bundeswehr der Zukunft" werden. Den neuen Anlauf hat Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer schon vor Wochen angekündigt, und die ersten Details sind in dieser Woche durchgesickert. Nicht unbedingt zur Freude der Soldatinnen und Soldaten.

Sicher, die Bundeswehr hat eine weitere Reform dringend nötig. Die früheren Umbaumaßnahmen stammen vom Anfang des vergangenen Jahrzehnts, und sie sollten die Streitkräfte optimieren: Für internationale Missionen, für Stabilisierungseinsätze, für planbare Entsendung von Soldaten in mehr oder weniger ferne Länder. Darauf wurde alles ausgerichtet: Die Größe, das Gerät, die Struktur.

Stark veränderte Weltlage

Nun hat sich in den vergangenen zehn Jahren die Weltlage grundlegend geändert. Das russische Vorgehen auf der Krim und in der Ostukraine hat den Blick der NATO und der Bundeswehr von Afghanistan und Mali wieder nach Europa gelenkt: Die Verteidigung des eigenen Landes, aber auch des Bündnisgebietes wird wieder als Hauptaufgabe der Streitkräfte verstanden.

Dafür hat Kramp-Karrenbauers Vorgängerin Ursula von der Leyen einige Reformschritte ihrer Vorgänger bereits wieder zurückgedreht, und zugleich hat die Bundeswehr im vergangenen Jahrzehnt sehr viel mehr Geld bekommen – für neue Ausrüstung, neue Flugzeuge, neue Hubschrauber. Die Ergebnisse sind mager. Nach wie vor meldet das Ministerium jedes Jahr, das ein Großteil der Hubschrauber eben nicht fliegt, die neuen Schiffe noch nicht einsatzbereit sind.

Abmarschbereit sein - eine Illusion

Und das Geld ist ja kein Selbstzweck, damit mehr schimmernde Wehr auf dem Kasernenhof steht. Die Truppe soll schlagkräftiger und vor allem einsatzfähiger werden, und davon ist sie noch ein gutes Stück entfernt. Wenn in diesem Jahr bereits zum dritten Mal die Bundeswehr eine Einheit für die schnelle Speerspitze der NATO bereitstellt, muss sich der Kommandeur wieder überall in Streitkräften sein Material zusammenleihen – wie schon bei der ersten Beteiligung an der Eingreiftruppe 2015. Die Vorstellung, dass da ein Bataillon oder eine Brigade mit allem, was sie für einen Einsatz braucht, abmarschbereit steht, ist immer noch eine Illusion.

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Das gilt fürs Material. Aber auch die Struktur der Streitkräfte ist noch weit von einer schnellen und vor allem schnell einsatzbereiten Truppe entfernt. Zu viele Häuptlinge, zu wenig Indianer, zu viel Absprachebedarf, zu viele Verwaltungsebenen. Wo es einst die drei Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine gab, müssen sich nun zusätzlich die weiteren Organisationsbereiche Streitkräftebasis, Zentraler Sanitätsdienst und, als jüngstes, der Cyber- und Informationsraum miteinander abstimmen.

Kleine Info-Häppchen über mögliche Veränderungen

Das zu ändern, daraus schlanke und einsatzbereite Strukturen zu machen: daran arbeitet der Generalinspekteur der Bundeswehr seit etwa zwei Jahren. Deshalb ist es ein wenig merkwürdig, dass gerade jetzt, wenige Monate vor der Bundestagswahl, die Vorschläge für die "Bundeswehr der Zukunft" auf die politische Tagesordnung kommen. Denn im verbleibenden halben Jahr lässt sich die Zusammensetzung dieses Riesenapparats nicht umkrempeln – und wer ab September die Richtung des Wehrressorts bestimmt, ist noch ziemlich offen.

Das alles könnte den Soldatinnen und Soldaten wie auch der Öffentlichkeit relativ egal sein: dann fällt eben die Entscheidung in einer neuen Bundesregierung. Das Problem ist allerdings, dass in diesen Tagen immer nur kleine Häppchen der möglichen Veränderung bekannt werden: Die Ärzte und Sanitäter wieder zurück ins Heer, wie zu früheren Zeiten? Die Logistik als zentralen Bereich auflösen und wieder weitgehend zu Heer, Marine und Luftwaffe packen?

Umbau und Zukunftsfragen

Zu vieles ist noch unklar, aber was derzeit durchsickert, führt zu Verunsicherung in der Truppe. Und die hat eigentlich im Moment so schon ganz gut zu tun. Seit einem Jahr rotieren Tausende Soldatinnen und Soldaten in der Amtshilfe durch die Gesundheitsämter und Impfzentren der Republik, um in der Pandemie zu helfen. Der Abzug aus Afghanistan war zwar langfristig absehbar, ist jetzt aber durch die Entscheidungen des neuen US-Präsidenten Joe Biden kräftig beschleunigt worden. Ein Umbau, bei dem sich viele Soldatinnen und Soldaten fragen, wo denn künftig ihr Arbeitsplatz sein wird, stärkt da nicht gerade die Motivation.

Natürlich wird, das ist der Unterschied zur Industrie, kein Soldat entlassen, weil die Bundeswehr umstrukturiert wird. Die Truppe ist mit ihren 184.000 Männern und Frauen ohnehin noch einige Tausend von der politisch angepeilten Stärke entfernt. Auch die Standorte, versichert das Ministerium eilig, stehen nicht infrage – das wäre gerade vor einer Wahl ein Aufreger, den die Ministerin sicherlich vermeiden will. Aber was nun wirklich passiert und vor allem, wann die "Bundeswehr der Zukunft" Realität werden soll, das wüssten nicht nur die Soldaten gerne.

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