Sonntag, 15.12.2019
 
Seit 03:05 Uhr Heimwerk
StartseiteKommentare und Themen der WocheAufarbeitung der Franco-Ära hat begonnen24.10.2019

Umbettung des DiktatorsAufarbeitung der Franco-Ära hat begonnen

Mit der Umbettung Francos rührt die spanische Demokratie an die Wunden der Vergangenheit, kommentiert Marc Dugge. Jetzt sei der Weg frei für die Aufarbeitung des frankistischen Regimes. Die Gedenkstätte, aus der Francos Sarg nun entfernt wurde, sollte zu einem Dokumentationszentrum werden.

Von Marc Dugge

Die Familie von Diktator Franco trägt den Sarg aus dem Mausoleum. (EFE)
Die Familie von Diktator Franco trägt den Sarg aus dem Mausoleum. (EFE)

"Stell Dir mal vor", sagte kürzlich ein Freund, "Hitler hätte so ein Mausoleum gehabt. Auf Staatskosten. Wo jedes Jahr an seinem Geburtstag Rechtsextreme auftauchen, um den Hitlergruss zu machen. Das wäre doch in Deutschland undenkbar!" Ihm war es unerträglich, dass Franco immer noch in seinem blumenbedeckten Grab im "Tal der Gefallenen" liegt, 44 Jahre nach seinem Tod. Verständlich.

Der Preis für die Demokratie war die Amnestie 

Aber Franco ist nicht Hitler.  Die Geschichten der Franco- und der Hitler-Diktatur ist sehr unterschiedlich. Spanien hat vor 80 Jahren einen Bürgerkrieg durchlebt, für den Franco mitverantwortlich ist. Familien und Nachbarn bekämpften sich bis aufs Blut. Das macht eine Versöhnung ungleich schwieriger. Der Preis für die Demokratie nach Francos Tod war eine Amnestie: Verbrechen aus der Franco-Zeit und dem Bürgerkrieg konnten nicht strafrechtlich verfolgt werden. Es galt damals, nach vorn zu schauen - und nicht zurück. Nur so ist es zu erklären, dass so lange keiner am Tal der Gefallenen gerührt hat. Dieser   gigantischen Anlage, die wie ein Mix aus Petersdom und Reichsparteitag-Gelände wirkt.

Es ist nicht so, dass es nicht einige versucht hätten. Die Sozialisten hatten seit Jahren vor, die Anlage umzubauen, zu einem Dokumentationszentrum etwa - und Franco aus seinem Grab zu holen. So wie es eine unabhängige Expertenkommission 2011 empfohlen hatte. Sie scheiterten am Widerstand der Konservativen. Nicht, weil in der konservativen Partei noch so viele Franquisten säßen, sondern weil sie den Sozialisten parteipolitische Manöver unterstellten, mit denen sie alte Wunden unnötig aufreißen. Auch vierzig Jahre nach seinem Tod hat Spanien noch kein Verhältnis zu seinem früheren Diktator gefunden.

Die Umbettung ist ein Symbol der Reife

Das macht den heutigen Tag so besonders. Mit der Umbettung Francos rührt die spanische Demokratie an die Wunden der Vergangenheit. Emilio Silva, der sich seit Jahren für die Aufarbeitung der Franco-Zeit einsetzt, hat es so formuliert: "Nach 40 Jahren befiehlt die spanische Demokratie Franco, das Tal der Gefallenen zu verlassen".  Das sei der erste Befehl seit 80 Jahren, dem sich Franco fügen müsse. Diese Umbettung ist tatsächlich ein Symbol für die Reife der spanischen Demokratie. Wahr ist aber auch: Die Aktion hat nicht den Charakter einer parteiübergreifenden demokratischen Selbstvergewisserung. Viele Konservative unterstellen der sozialistischen Regierung, die Umbettung aus rein ideologischen Gründen angestoßen zu haben. Lieber hätte man den Diktator in seinem Grab lassen sollen. Die Aktion habe nur dazu gedient, kurz vor der Parlamentswahl auf Stimmenfang zu gehen.

Dieses Argument kann aber nur teilweise gelten. Die Umbettung hat sich vor allem wegen des zähen Rechtsstreits mit der Familie Franco so lange hingezogen. Dass Sanchez noch vor den Wahlen Fakten schaffen wollte, kann man ihm nicht vorwerfen. Wer weiß schon, ob die nächste Regierung die Dinge nicht lieber verschleppt hätte - wie es auch in der Vergangenheit schon geschehen ist. Es ist gut, dass Franco aus dem Tal der Gefallenen gebracht wird. Bei der Aufarbeitung der Franco-Zeit kann das aber nur ein Anfang sein. Das Tal der Gefallenen sollte endlich zu einem Dokumentationszentrum der Franco-Diktatur werden, so, wie es schon so viele gefordert haben. Spanien sollte seine Errungenschaften hier feiern. Darstellen, wie aus einem rückständigen Land in 40 Jahren eine führende europäische Demokratie wurde. Grund, das zu feiern, hat Spanien allemal.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk