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StartseiteEuropa heuteVergangenheit bewältigen, alte Wunden aufreißen24.10.2019

Umbettung von Ex-Diktator FrancoVergangenheit bewältigen, alte Wunden aufreißen

Mit einem Bürgerkrieg hat sich Francisco Franco in den 1930ern in Spanien an die Macht geputscht und eine Diktatur aufgebaut. Seit 40 Jahren ist das Land eine Demokratie, aber das historische Erbe spaltet die Gesellschaft - auch zur Umbettung der sterblichen Überreste von Franco.

Von Reinhard Spiegelhauer

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Das "Tal der Gefallenen" der Franco-Diktatur mit dem Grab Francos und des Gründers der faschistischen Bewegung Falange, José Antonio Primo de Rivera. (imago/ZUMA Press)
Das "Tal der Gefallenen" der Franco-Diktatur mit dem Grab Francos befindet sich ca. 50 km nördlich von Madrid. (imago/ZUMA Press)
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Auf der Autobahn dauert es von Madrid aus eine gute Viertelstunde, dann taucht auf der linken Seite ein riesiges Betonkreuz auf - praktisch unübersehbar, obwohl das "Valle de los Caídos" Luftlinie fünf Kilometer entfernt ist. Das Kreuz sei das Entscheidende und Monumentale der Anlage hieß es 1959 zur Fertigstellung: 150 Meter hoch, die Spitze 300 Meter über der Esplanade. Das "Tal der Gefallenen" liegt in Wirklichkeit im Berg. Mit Dynamit, Spitzhacke und Schaufel mussten politische Gefangene als Zwangsarbeiter eine riesige Basilika und Grabkapellen in die Sierra de Guadarrama treiben. Um die 35.000 Bürgerkriegstote sind dort bestattet - und der Mann, der sich ab 1936 mit dem Bürgerkrieg an die Macht geputscht hat.

Die Vergangenheit spaltet die Gesellschaft

"Aber es war doch nicht alles schlecht, was Franco gemacht hat:", sagt Carmen, die gekommen ist, um die Grabplatte des Diktators zu sehen, "die Sozialversicherung, Stauseen für die Wasserversorgung, das Wahlrecht für Frauen. Alles das hat Franco gebracht." Carmen sagt: "ohne ihn wären wir den Kommunisten ausgeliefert gewesen." Das findet Prudencia unmöglich: "Franco hat den Bürgerkrieg provoziert, indem er sich gegen die Republik, gegen die Demokratie erhoben hat. Als Diktator sollte er woanders begraben sein, mit seiner Familie, aber nicht hier", findet Prudencia, "das Valle de los Caidos sollte eine Gedenkstätte für die Toten des Krieges und die Opfer der Diktatur sein." Carmen und Prudencia stehen geradezu beispielhaft für den Riss, der noch immer durch die spanische Gesellschaft geht.

Nach Francos Tod, 1975, führte König Juan Carlos das Land zurück in die Demokratie. Der Preis: ein Amnestiegesetz für Verbrechen in Bürgerkrieg und Diktatur.

Auch politische Lager sind sich uneins

Diesen Mantel des Schweigens würden manche gerne ausgebreitet lassen. Und als der sozialistische Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero vor gut zehn Jahren zumindest die Rehabilitierung politisch Verfolgter des Franco-Regimes durchsetzte, meinte der spätere konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy, das sei völlig unverantwortlich und reiße nur alte Wunden auf.

So ähnlich verlief die Debatte auch um die Exhumierung des Diktators. Seit gut einem Jahr regieren wieder die Sozialisten. Für Ministerpräsident Pedro Sánchez ist die Sache klar. Ein gigantisches Mausoleum für einen faschistischen Ex-Diktator - in Deutschland oder Italien wäre das undenkbar. Und das sollte es auch in Spanien sein, findet der Regierungschef. Die Konservativen haben sich bei der Abstimmung im Parlament immerhin enthalten - doch die Familie des Ex-Diktators ging vor Gericht.

Auch nach der Umbettung weitere Debatten erwartet

Inzwischen hat der Oberste Gerichtshof die Exhumierung erlaubt, heute soll der Sargdeckel endgültig an neuer, unauffälliger Stelle drauf gemacht werden: auf einem kleinen Friedhof etwas außerhalb der Hauptstadt. Ewige Ruhe wird der Streit um die historische Erinnerung trotzdem nicht finden. Nach aktuellen Umfragen finden etwa die Hälfte der Spanier die Exhumierung Francos richtig, immerhin ein Drittel ist dagegen. Nicht unbedingt nur Franquisten, sondern auch Menschen, die der Regierung unterstellen, sie hätten die Exhumierung aus Wahlkampfgründen jetzt angesetzt, gut zwei Wochen vor der erneuten Parlamentswahl.

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