Seit 04:05 Uhr Radionacht Information

Freitag, 26.04.2019
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteKommentare und Themen der WocheIhr seid nicht allein23.03.2019

Umgang mit Opfern und TäternIhr seid nicht allein

Das so weit entfernte Neuseeland rücke mit der Aufarbeitung des Attentats von Christchurch ganz nah zu uns: Die freie und offene Gesellschaft sei nicht gespalten, sie rücke zusammen, kommentiert Panajotis Gavrilis. Die Gefahr von rechts dürfe nicht als Randphänomen abgetan werden.

Von Panajotis Gavrilis

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Auch viele nicht-muslimische Frauen tragen Kopftuch beim Gedenken an die Opfer des Attentats von Christchurch (picture alliance / dpa / Sanka Vidanagama)
Auch viele nicht-muslimische Frauen tragen Kopftuch beim Gedenken an die Opfer des Attentats von Christchurch (picture alliance / dpa / Sanka Vidanagama)
Mehr zum Thema

Anschläge von Christchurch Medien machen sich zu Mittätern

Nachgefragt Der Attentäter und die Verschwörungstheorie vom "Großen Austausch"

Rechtsextremismus-Experte Matthias Quent: "Wir haben feste rechtsextreme Strukturen"

Terror in Neuseeland In Norwegen werden Erinnerungen an Utøya wach

Extremismusforscher Hajo Funk: "Jetzt muss Schluss sein mit Islamhass"

Nicht-muslimische Frauen tragen Kopftuch, um der Opfer des Anschlags in Christchurch zu gedenken, die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern besucht die muslimische Community, betet mit ihnen und signalisiert: Ihr seid nicht allein. "Wir sind in Trauer vereint" – lautet ihre Botschaft. Es sind Bilder, die um die Welt gehen und bewegen.

Es sind Bilder der Solidarität, die denen des Täters und seiner brutalen, livegestreamten Hinrichtungen etwas entgegensetzen.

Die neuseeländische Gesellschaft reagiert so, wie es sich der Täter in seinen Albträumen wohl nicht ausmalen wollte. Die freie und offene Gesellschaft ist nicht gespalten, im Gegenteil: Sie rückt zusammen und vielleicht ist sie sogar stärker als je zuvor. Und die neuseeländische Premierministerin? Empathisch, sensibel, aber auch politisch klar: Sie verschärft die Waffengesetze. Ein Schritt, der vor allem in den USA schon längst an der Zeit gewesen wäre.

Die Namen der Opfer

Ardern hat zudem Recht, wenn sie meint, der Täter sollte namenlos bleiben, also nicht genannt werden. Je mehr wir uns mit dem Täter beschäftigen, desto mehr überlassen wir ihm die Bühne. Viele kennen den Namen des Rechtsterroristen, aber kennen Sie wenigstens einen Namen der Opfer?

Die 24-jährige Ansi Alibava, zum Beispiel. Sie war gemeinsam mit Ihrem Mann aus Indien nach Christchurch gezogen, um dort zu studieren.

Oder das jüngste Todesopfer: Der dreijährige Mucad. Er war mit seinem Bruder und seinem Vater in der Moschee – die beiden überlebten.

Es wäre das Mindeste nach so einem furchtbaren Anschlag, die Namen der Toten nicht zu vergessen. Und, es ist das Mindeste, bevor so etwas überhaupt passieren kann, den medialen und politischen Fokus auch auf das zu richten, was seit jeher vernachlässigt oder zum Teil ignoriert wird: Die Gefahr von rechts.

Neuseeland ganz nah bei uns

Und hier rückt das so weit entfernte Neuseeland ganz nah zu uns und nach Deutschland. Der Attentäter von Christchurch spricht in seinem Pamphlet vom sogenannten, angeblichen "großen Bevölkerungsaustausch", wonach "die Weißen" angeblich von Zugewanderten verdrängt würden. Dieser absurden Vorstellung und Rhetorik bedienen sich auch rechtsnationale selbsternannte "Identitäre", vermeintliche Vordenker der sogenannten "Neuen Rechten". 

Aber diese Ideologien reichen bis in die Mitte der Gesellschaft, ob im Bundestag oder in Behörden, der ideologische Nährboden der äußersten Rechten verbreitet sich auch bei uns. Er bildet die Wohlfühloase für solche, die – wie der Täter von Christchurch – zu den Waffen greifen.

Menschenhass nicht als Randphänomen abtun

Dabei hat die jüngste Vergangenheit gelehrt, wozu Menschenhass führen kann: NSU, "Gruppe Freital", der hessische Polizeiskandal rund um rechtsradikale Polizisten-Chatgruppen und die Morddrohungen an eine türkische Anwältin, unterschrieben mit "NSU 2.0", das rechte Netzwerk "Hannibal" innerhalb der Bundeswehr, brennende Autos und "9mm für"-Schmierereien an Hauswänden von Menschen im Berliner Bezirk Neukölln, die sich gegen rechts engagieren. Dabei ist die Gefahr groß, Vorkommnisse wie die genannten als Randphänomene, als "Einzeltat" abzutun.

Deshalb müssen Journalistinnen und Journalisten mehr darüber berichten, die Gesellschaft muss stärker denjenigen zuhören, die im Alltag von rassistischer Gewalt betroffen sind und davor warnen, dass der Hass sich ausbreitet. Wir müssen eingreifen, wenn jemand aufgrund seiner Hautfarbe, Herkunft oder sexuellen Orientierung attackiert und beleidigt wird.

Der rassistisch motivierte Anschlag in Christchurch war nicht nur ein Angriff auf die muslimische Gemeinde, auf zwei Moscheen mit mindestens 50 Toten und zahlreichen Verletzten. Es war ein Angriff auf die liberale Gesellschaft, auf eine multikulturelle, offene Gesellschaft. Und somit war es auch ein Angriff gegen alle, die diese Gesellschaft mit Leben füllen und für sie einstehen.

Panajotis Gavrilis, Deutschlandradio Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Panajotis Gavrilis (Deutschlandradio / Anja Schäfer) Panajotis Gavrilis, Jahrgang 1987, hat Journalistik mit dem Schwerpunkt Wirtschaft/Politik in Bremen und Istanbul studiert. Er volontierte 2014 beim Deutschlandradio, war danach als freier Korrespondent in Griechenland, ehe er als Redakteur in der Hintergrundabteilung beim Deutschlandfunk Kultur tätig war. Seit 2018 arbeitet er als freier Korrespondent im Hauptstadtstudio von Deutschlandradio.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk