Montag, 17.06.2019
 
Seit 20:10 Uhr Musikjournal
StartseiteInterviewPolenz (CDU): "Es sind Fehler gemacht worden"24.05.2019

Umgang mit Rezo-VideoPolenz (CDU): "Es sind Fehler gemacht worden"

Die CDU habe Fehler gemacht - im Umgang mit der Kritik des YouTubers Rezo, aber auch bei Themen die Rezo anspricht, gibt der CDU-Politiker Ruprecht Polenz im Dlf zu. Die Politik müsse unter anderem begreifen, dass bei der Bewältigung des Klimawandels, der übliche Weg des Kompromisses nicht funktioniere.

Ruprecht Polenz im Gespräch mit Christine Heuer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ruprecht Polenz in Berlin, im Steigenberger Hotel. (imago / Metodi Popow)
Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz plädiert dafür, sich mit der Kritik an seiner Partei offen auseinanderzusetzen (imago / Metodi Popow)
Mehr zum Thema

Reaktion auf Rezo-Video Die Selbstzerstörung der CDU

Anti-CDU-Video Gespräch anstelle Gegenvideo zu YouTuber Rezo

Millionenfach geklickte CDU-Kritik Aufrütteln gegen die Wählermacht der "Alten"

Video-Blogger Anti-CDU-Video erreicht Millionenpublikum

Christine Heuer: Rezo, ein YouTuber, der auf einen Schlag mehr als fünf Millionen Klicks im Internet erreicht hat. Der 26-Jährige macht sonst eher unpolitische Videos. In seinem Clip unter dem Titel "Die Zerstörung der CDU" hat er nun aber kurz vor der Europawahl fast eine Stunde lang CDU und CSU attackiert, außerdem SPD und AfD. Und was macht die hauptangegriffene Partei, die CDU? Sie stellt den Kritiker erst mal in den Senkel, macht sich ein bisschen über ihn lustig und lässt dann ein Video mit ihrem 26-jährigen Shooting Star Philipp Amthor drehen, das sie dann aber doch lieber nicht veröffentlicht.

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak: "Wir haben tatsächlich ein Video produziert mit Philipp Amthor als Reaktion darauf. Aber wir sind zu dem Schluss gekommen, dass das Gespräch miteinander besser ist als eine Videoschlacht. Und ich finde: Am besten machen sich junge Menschen ein Bild von unterschiedlichen Positionen, indem man zusammensitzt, indem man auch streitet, und dann kann sich jeder ein Bild machen. Das ist besser als jeder Video-Krieg."

Heuer: Nun also trifft sich Ziemiak mit Rezo. Wenigstens hat er ihn zu einem öffentlichen Gedankenaustausch eingeladen und Philipp Amthor ist dann auch mit von der Partie. - Ruprecht Polenz ist ebenfalls Christdemokrat. Der Außenpolitiker war lange Zeit Bundestagsabgeordneter und nach seinem Abschied aus dem Parlament hat er, mittlerweile 72-jährig, die sozialen Medien für sich entdeckt. Ruprecht Polenz teilt und twittert, was das Zeug hält, und mit uns spricht er auch nach wie vor. Guten Morgen, Herr Polenz.

Ruprecht Polenz: Einen schönen guten Morgen, Frau Heuer.

Zwei Mal mit dem Rezo-Video beschäftigt

Heuer: Als Sie das Rezo-Video zuerst gesehen haben, was haben Sie da gedacht?

Polenz: Ich habe mich geärgert. Ich hatte den Anfang gesehen und fühlte mich ungerecht angegriffen. Und habe auch aus diesem Ärger heraus ein paar Tweets abgesetzt und habe dann dazu Kommentare bekommen. Ein paar dieser Kommentare waren zustimmend, aber überwiegend waren sie kritisch und sagten so nach dem Motto: Das hätten wir jetzt von Ihnen nicht erwartet, so eine oberflächliche Reaktion und so. Dann habe ich mich noch mal mit dem Video beschäftigt, überlegt, und habe dann gesehen, dass es im Grunde ja bei aller Kommunikation immer mehrere Ebenen der Botschaften gibt. Und habe mich dann versucht, auf das zu konzentrieren, was Rezo nach meiner Meinung hauptsächlich zum Ausdruck bringen wollte.

Das Ganze war so: Ich habe das vorgestern Abend gemacht, so gegen elf oder so, und dann konnte ich nicht einschlafen. Dann kreiste das so, was sagt man denn eigentlich nun dazu? Und ich merkte, wenn ich jetzt nicht was mache, dann kann ich die ganze Nacht nicht schlafen. Also habe ich mich hingesetzt und habe dann so zwischen eins und zwei, glaube ich, diesen Brief an ihn geschrieben, mir den dann am nächsten Morgen noch mal angeguckt und ihn dann sowohl bei Facebook wie bei Twitter eingestellt. Und ich war jetzt durchaus auch überrascht über die große Resonanz, die dieser Brief gefunden hat. Damit habe ich jetzt erst mal so nicht gerechnet. Ich habe natürlich gehofft, dass er wahrgenommen wird, aber das weiß man ja vorher nie so genau.

"Finde es gut, dass es jetzt Gesprächsangebote gibt"

Heuer: Herr Polenz! Aber der ist auch deshalb so stark wahrgenommen worden, vermute ich, weil Sie der erste Christdemokrat waren, der was Gutes an diesem Video gefunden hat und der den YouTuber nicht mit Kritik überzogen hat. Und so, wie es Ihnen dann gegangen ist, dass Sie noch mal nachgedacht haben, so geht es jetzt auch der CDU-Spitze nach Kritik und Angriffen. Und man wolle nicht auf komplexe Fragen einfache Antworten geben und so weiter. Denkt die CDU-Spitze jetzt um? Generalsekretär Ziemiak möchte mit Rezo sprechen. Er hat aber gesagt, wir wollen keinen Video-Krieg mit ihm. Warum eigentlich nicht?

Polenz: Ich finde schon gut, dass es jetzt dieses Gesprächsangebot gibt. Man wird dann, wenn Rezo auf das eingeht, sicherlich darüber reden, wie das stattfindet. Ich kann mir vorstellen, dass Rezo dazu auch ein paar eigene Vorstellungen hat. Ich bin gespannt, wie das dort weitergeht. Ich hatte ihm ja auch geschrieben, ich würde mich über eine Antwort freuen. Vielleicht bekomme ich eine und dann muss man sehen. Wichtig ist ja schon, dass meine Partei merkt, wenn etwas in so kurzer Zeit von über fünf Millionen Menschen angeguckt wird und die Kommentare auch zum Ausdruck bringen, dass dort Dinge angesprochen worden sind, die viele ähnlich sehen, dann muss man sich natürlich damit auseinandersetzen.

Heuer: Aber, Herr Polenz, dieser plötzliche Richtungswechsel: Da gibt es das Video. Dann sagen Ziemiak und andere in der CDU, beschäftigen wir uns nicht mit, ist eigentlich ziemlich frech von diesem YouTuber. Dann gibt es Kritik und die CDU schneidet sehr schlecht ab, auch in den Zeitungen. Und plötzlich ist man gesprächsbereit. Das ist ja alles ziemlich durchschaubar. Finden Sie das nicht?

Polenz: Ich finde es auf alle Fälle besser, auch aus solchen Fehlern, die da zuerst gemacht worden sind, zu lernen, als zu sagen, das geben wir mal lieber nicht zu, dass wir da nicht so schlau reagiert haben, und bei der ersten Reaktion zu bleiben.

Politik muss mit den Menschen kommunizieren

Heuer: Ist das Einsicht, oder hat das jetzt mit den Wahlen zu tun?

Polenz: Ich glaube, es ist Reaktion auf ein Echo und vielleicht auch ein zweites Mal überlegen und dann sagen: Damit müssen wir uns schon anders auseinandersetzen. Aber Sie weisen natürlich schon auf einen Punkt hin, den ich auch immer wieder merke: Politik und die Menschen, die Politik vertritt, für die sie arbeitet, da muss kommuniziert werden. Und wir haben nicht nur durch die sozialen Medien das, was wir Filterblasen nennen. Dass eine AfD-Blase existiert in den sozialen Medien, leider ziemlich groß - Sie wissen, die AfD ist da präsenter als alle demokratischen Parteien zusammen - und demokratische, die auch mehr oder weniger unter sich bleiben. Sondern wir haben offensichtlich auch im Kommunikationsverhalten ziemliche Unterschiede zwischen Jungen und Älteren.

Heuer: Aber vielleicht geht es da nicht nur um Kommunikation, Herr Polenz. Bei "Fridays for Future" redet die CDU übers Schwänzen statt über den Klimaschutz.

Polenz: Ja, das hat mich auch geärgert.

Heuer: Ja, genau! Da geben Sie ja Rezo auch ausdrücklich Recht. - Beim Urheberrecht erweckt die CDU den Eindruck, als ob das Internet für sie immer noch Neuland ist. Hat die CDU vielleicht einfach wichtige Zukunftsthemen verschlafen?

Polenz: Ich glaube, die Fehler - nehmen wir mal "Fridays for Future", da war meines Erachtens, ich habe das von Anfang an anders gesehen. Ich habe da auch in den sozialen Medien versucht, "Fridays for Future" zu verteidigen. Das war manchmal gar nicht so einfach, weil natürlich ich auch eine Reihe von Menschen habe, die meine Tweets oder das, was ich auf Facebook poste, lesen und dann sagen, natürlich sind das Schulschwänzer und die Greta Thunberg, die kann man ja nicht ernst nehmen, die ist ja erst 16, und was es da alles zu lesen gab.

Heuer: Ist das typisch CDU?

Polenz: Nein, das war ziemlich breites Echo. Und jetzt wollen wir mal die Kirche im Dorf lassen: Es gab auch eine ganze Menge Artikel von Kollegen von Ihnen in Zeitungen, die von Klimareligion und ähnlichem gesprochen haben und damit das Anliegen von "Fridays for Future" sozusagen in eine Ecke gestellt haben, als sei die Frage, was die Wissenschaft uns über den Klimawandel sagt, eine reine Glaubenssache.

"Mit der Natur kann man keine Kompromisse machen"

Heuer: Ja, Herr Polenz, das stimmt ja alles. Aber es geht auch ein bisschen darum, ob die CDU da einfach Themen so stiefmütterlich behandelt, die aber Zukunftsthemen sind, und dadurch eine ganze Generation zu verlieren droht? Schüler gehen auf die Straße, junge Menschen protestieren gegen die Änderung des Urheberrechts, die maßgeblich von Christdemokraten vorangetrieben wurde. Hat die CDU da einfach die Zeichen der Zeit nicht erkannt?

Polenz: Nein. Ich glaube, es sind Fehler gemacht worden. Und bei der Frage der Energiepolitik gibt es, glaube ich, einen Punkt, den wir alle als Politiker erst mal richtig verstehen müssen und mussten. Politik ist eigentlich immer darauf aus, unterschiedliche Interessen durch Kompromisse dann irgendwie miteinander zu versöhnen und auszugleichen. So wird auch über die Frage diskutiert, wie reagieren wir jetzt und was machen wir bei der Gefahr der Erderhitzung? Das Problem ist, wenn ich das noch sagen darf, dass man mit der Natur diese Kompromisse nicht machen kann, Und diese Einsicht müsste – und das hat ja auch Rezo in seinem Video gesagt – breiter da sein. Dann hätte man es vielleicht auch leichter, die notwendigen Maßnahmen durchzusetzen.

Heuer: Herr Polenz! Wir haben echt nicht mehr viel Zeit. Ganz kurz zum Schluss: Muss die CDU, was sagen Sie, jünger werden in Kommunikation und auch in Inhalten?

Polenz: Ja, und ich würde mich freuen, wenn auch etliche von denen, die sich empören, die ärgerlich sind, die Sorgen haben, eine Konsequenz daraus ziehen, nicht bei dieser Empörung stehen zu bleiben, sondern sich selbst auch zu engagieren und damit die politischen Parteien besser machen als sie sind.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk