Donnerstag, 14.11.2019
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteForschung aktuellUmgehendes Umsteuern gefordert04.05.2007

Umgehendes Umsteuern gefordert

Klimaexperten geben nur noch eine Frist von acht Jahren

Klimaforschung. – Der zwischenstaatliche Expertenrat für Klimafolgenforschung IPCC hat heute seinen dritten und letzten Teilbericht vorgelegt. Darin fordern die Wissenschaftler ein Umsteuern beim Treibhausgasausstoß bis spätestens 2015. Der Klimaforscher Professor Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ist IPCC-Mitglied und erläutert die Forderungen im Gespräch mit Grit Kienzlen.

Wir haben eine besondere Verantwortung für unsere Erde. (Esa)
Wir haben eine besondere Verantwortung für unsere Erde. (Esa)

Kienzlen: Lässt sich eine solche Zahl überhaupt so genau festlegen?

Rahmstorf: Der wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen hat gesagt, so um das Jahr 2020 herum müssen die Emissionen beginnen zu fallen, jetzt sagt der neue Bericht, so um 2015. Man kann das selbstverständlich nicht auf zwei oder drei Jahre genau sagen. Was dahinter steckt, ist, je länger wir warten, desto schärfer muss man hinterher den Ausstoß von Treibhausgasen herunterfahren. Und das wird natürlich immer schwieriger und teurer, je länger man wartet.

Kienzlen: Aber warum kommt man dann mit einer Zahl von acht Jahren, da kann ich auch sagen ab sofort, oder in drei Jahren, das ist doch sehr willkürlich!

Rahmstorf: Nein, das beruht auf Szenario-Rechnungen, die zeigen, wie schnell müssen die Emissionen heruntergefahren werden, damit man bei der globalen Erwärmung unterhalb von maximal zwei Grad bleibt. Und da gibt es ein ganzes Bündel solcher Szenarien, und die realistischen zeigen, so um 2015, 2020 müssten die Emissionen anfangen zu sinken.

Kienzlen: Was ist denn mit natürlichen Klima verstärken Prozessen, oder den bekannten Feedback-Mechanismen, denen zufolge eine Erwärmung schon für sich alleine für eine weitere Erwärmung sorgt. Sind die in diesem Bericht überhaupt schon mit eingeflossen?

Rahmstorf: Ja, soweit man sie kennt, sind die mit einkalkuliert. Die wichtigsten Rückkopplungsprozesse laufen durch Wasserdampf, durch Wolken, durch schrumpfende Eisbedeckung. Und die sind in allen Klimamodellen enthalten.

Kienzlen: Was ist denn das Szenario? Was passiert, wenn diese Senkung in acht oder in 13 Jahren nicht erreicht wird, und wir weiterhin mehr Klimagase ausstoßen?

Rahmstorf: Wenn dieses Ziel nicht erreicht wird, dann werden wir sehr wahrscheinlich mit einem Anstieg der globalen Temperatur oberhalb von zwei Grad rechnen müssen. Und dann begeben wir uns wirklich in unkartierte Gewässer: So warm war es seit mindestens einigen Millionen Jahren auf der Erde nicht. Und die ganze Biosphäre zum Beispiel ist von der Evolution her nicht an so warme Bedingungen angepasst. Die Klimaforscher warnen seit einigen Jahren, dass die Risiken schwer kalkulierbar werden, wenn wir eine so starke Erwärmung des Klimas zulassen.

Kienzlen: Ist denn bekannt, ob eine so starke Erwärmung dann dazu führt, dass das ganze System komplett aus dem Ruder läuft?

Rahmstorf: Also, man kann sicherlich nicht alles vorhersagen, was dann passiert. Man kann letztlich nur Risiken angeben. Dazu gehört zum Beispiel ein Kollaps des Amazonaswaldes. Da einige Modellszenarien das zeigen, auch die Tendenz zunehmender Dürre in den letzten Jahren im Amazonasgebiet deutet daraufhin, dass die Belastbarkeit dieses Systems eben irgendwo auch ihre Grenzen hat, wenn es in dieser Region trockener wird. Ein anderes Beispiel ist der grönländischen Eisschild. Da gehen die Glaziologen davon aus, dass bei einer Erwärmung, global, im Bereich von zwei oder drei Grad dieser Eisschild allmählich über viele Jahrhunderte komplett abschmelzen dürfte. Ein Abschmelzen dieses Eisschildes würde global den Meeresspiegel um sieben Meteranheben. Das ist sicherlich nicht in den nächsten 200 oder 300 Jahren zu erwarten, in dieser Größenordnung, aber es wird ein Prozess, den wir in den nächsten Jahrzehnten auslösen könnten und der auf lange Sicht das Schicksal vieler Küstenstädte besiegeln würde.

Kienzlen: Die Deutsche Physikalische Gesellschaft hat vor einigen Wochen darauf hingewiesen, dass Deutschland schon seit mehreren Jahren seine Klimaschutzziele verfehlt. Dass wir eine Reduktion um 30 Prozent überhaupt erreichen können, entbehre, sagen die Physiker, deshalb jeder Grundlage. Sehen Sie das auch so?

Rahmstorf: Also, ich denke, man kann aus den Erfahrungen der letzten Jahre mit verfehlten Klimaschutzzielen überhaupt nichts schließen, weil es gar keine ernsthaften Anstrengungen gegeben hat, gibt diese Ziele überhaupt einzuhalten. Ich bin überzeugt, dass wenn wir es wirklich wollen, dann sind diese Ziele auch erreichbar. Denn Technologien dafür, die haben wir bereits, da müssen wir nicht auf neue Wundertechniken warten. Sondern wir wissen bereits, wie wir Autos mit wesentlich weniger Sprit fahren können, wie wir Häuser bauen können, die wesentlich besser gedämmt sind und nur ein Bruchteil der Energie zum Heizen brauchen. Wir wissen auch, wie wir Strom durch erneuerbare Energien erzeugen können, da gibt es ja bereits sehr erfolgreich die Windkrafttechnologie, die in den letzten zehn Jahren eigentlich alle, selbst die optimistischen Erwartungen übertroffen hat.

Kienzlen: Freuen Sie sich denn über die Trendwende, gibt zumindest in Worten in der Politik zu beobachten ist?

Rahmstorf: Einerseits ja, andererseits zeigt die Erfahrung, dass so etwas auch immer in Wellen kommt und auch wieder geht. Ich arbeite jetzt schon seit mindestens 15 Jahren in diesem Geschäft, und man wunderte sich, dass auf einmal eine so große Aufmerksamkeit für das Thema vorhanden ist, obwohl wir Klimaforscher im Grunde dieselben Dinge, die jetzt so großes Echo finden, vor zehn oder sogar vor 15 Jahren im ersten IPCC-Bericht so gesagt haben. Nur war es noch nicht ganz so gesichert, wie es das heute ist, aber die wesentlichen Grunderkenntnisse, wie sind ja alt. Die Tatsache, dass Kohlendioxid als Treibhausgas, die globale Temperatur erhöht, war sogar schon im 19. Jahrhundert bekannt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk